Interview des Taipei Filmfestivals Interview mit der Regisseurin Katharina Wyss des Films „Sarah spielt einen Werwolf“

Interview mit der Regisseurin Katharina Wyss des Film „Sarah spielt einen Werwolf“
Terry Lin © Goethe-Institut Taipei

Auf der Theaterbühne spielt sich die 17-jährige Sarah die Seele aus dem Leib. Bei ihr gibt es dieses Dazwischen, den Moment, in dem es den Anschein hat, dass sie sich in ihre Rolle verwandelt. Doch was steckt hinter Sarahs radikaler Bühnenpräsenz? Es ist ein dunkles Geheimnis, das sie auszudrücken versucht. Eine beengende Familienhöhle, aus der sie nicht auszubrechen vermag. Die Sehnsucht nach einem Freund, dem sie sich anvertrauen kann. Doch je unbändiger Sarah dieser Sehnsucht Ausdruck verleiht, desto mehr irritiert sie die Menschen, die sich auf sie einlassen wollen.

Für einen Regisseur bzw. eine Regisseurin hat der erste eigene Spielfilm oftmals eine besondere Bedeutung, denn es gibt noch keine Filmpreise oder gute Kartenverkäufe, auf die man verweisen kann. Die Chance, einen eigenen Film zu machen, ist daher hart erkämpft. Viele Erstlingswerke enthalten biografische Bezüge. Können Sie uns sagen, warum Sie für ihren ersten Spielfilm dieses Thema einer heranwachsenden Jugendlichen gewählt haben?
 
Ja, das stimmt - der erste Film hat oftmals mit der Suche nach der eigenen Geschichte zu tun. Ich bin in Fribourg, einer kleinen Stadt im Westen der Schweiz aufgewachsen. Die Stadt ist zweisprachig deutsch und französisch. Mit 19 habe ich meine Heimat verlassen und bin nach Berlin zum Studium gegangen. Dieser Film thematisiert Erfahrungen aus meiner Jugend. In der Handlung finden sich etwas Gewalt, aber auch jugendliche Spinnereien.

Die Schweiz wird als ein sehr ruhiges Land wahrgenommen, dennoch gibt es unter dieser stillen Oberfläche auch dunkle Geschichten. Kein Hunger oder ähnliches, sondern eher psychologische Probleme. In meiner Kindheit habe ich vieles davon nicht verstanden und nachdem ich von dort weggegangen war, hat mich das komplizierte Verhältnis zu meiner Heimatstadt nie losgelassen. Gleichzeitig wollte ich immer einen Film machen, der in dieser Stadt spielt. Diese Stadt war noch nie Schauplatz eines Kinofilms. Das Hauptthema des Films hat mit meinen Erlebnissen als Heranwachsende in dieser kleinen Stadt zu tun.
 
Wir haben viel Zeit in die Vorbereitung des Films investiert. So haben wir über einen längeren Zeitraum Beziehungen zu den Schauspielern aufgebaut, die ja Jugendliche aus dem Ort und auch aus vielen anderen Regionen der Schweiz sind. Wir wollten, dass sie die Handlung verstehen. Sarah fällt es schwer, ihre Gefühle für die Umgebung auszudrücken. Im Film begleiten wir gewissermaßen ein junges Mädchen, das nicht in der Lage ist, für sich selbst zu sprechen. Der Film aber eröffnet diese Möglichkeit.

Interview mit der Regisseurin Katharina Wyss des Film „Sarah spielt einen Werwolf“ Terry Lin © Goethe-Institut Taipei Im Film werden die Ansichten der weiblichen Hauptfigur Sarah verknüpft mit den kleinen Details des Lebens. Dies darzustellen ist keine leichte Aufgabe für die Schauspielerin, die Sarah verkörpert. Können Sie uns etwas darüber erzählen, wie Sie diese Darstellerin gefunden haben? Soweit wir wissen, ist sie kein Profi und dies ist zudem ihr erster Film.
 
Ja, meine Hauptdarstellerin ist ein Geschenk des Himmels. Wir haben für diese Rolle in der ganzen Region mehr als 300 Jugendliche gecastet. Als ich ihr das erste Mal begegnete, war sie erst 15 Jahre alt, also noch etwas zu jung. Sie hatte keinerlei Schauspielerfahrungen. Wir haben diesen Film mehr als ein Jahr lang vorbereitet. Während der ganzen Drehzeit war ich bemüht, ihr keinen Druck zu machen, aber sie wusste ganz genau, dass der Erfolg des Films von ihrer Rolle abhängt und hatte entsprechend hohe Anforderungen an sich.
 
Sie ist Schweizerin, aber in einer außergewöhnlichen Umgebung aufgewachsen. Von klein auf wohnte sie mit ihren Eltern in einem Wohnwagen und bereiste damit die ganze Welt. Sie und ihre drei Geschwister wurden von den Eltern unterrichtet. Trotz der Ferne zum normalen Schulsystem haben alle ihren Abschluss geschafft. Aufgrund dieser Kindheit ist sie viel selbständiger als andere Gleichaltrige und auch geistig freier. Ich habe ihr Sarahs Rolle erläutert, aber sie auch ermutigt, sich die Figur selbst zu erschließen. Sie hat dann ihre eigene Interpretation hinzugefügt. Das unterscheidet sie von anderen Schauspielern, die nur darauf warten, dass der Regisseur ihnen sagt, wie sie spielen sollen.
 
Das Leben in einem Wohnwagen ist, wie ich denke, eine ganz besondere Erfahrung. In einem so begrenzten Umfeld muss man sich sehr anstrengen, um etwas Intimsphäre zu bewahren. Das ähnelt der Situation beim Dreh: Obwohl überall Mitarbeiter stehen, muss man seine Rolle darstellen, als ob man ganz allein sei. Ihre Mimik ist ebenfalls außergewöhnlich und unterscheidet sich von anderen Jugendlichen. Man kann ihre Stimmung von ihrem Gesicht ablesen. Nicht wie bei so vielen anderen, die ausdruckslos schauen, um ihre Gefühle zu verbergen.
 
Die Schauspieler, die die Schüler und Theatermitarbeiter darstellen, sind ebenfalls Laien, aber ihr Umgang miteinander und ihre Dialoge wirken sehr natürlich. Wie haben Sie das eingeübt?

Das war tatsächlich kein einfacher Prozess. Bereits ein Jahr vor Drehbeginn haben wir die Schauspieler ausgewählt. Im Film wird die Arbeit einer Theatergruppe gezeigt. Damit dies so natürlich wie möglich wirkte, haben wir mit den beteiligten Schauspielern einen Workshop durchgeführt und sie tatsächlich ein Theaterstück einüben lassen. Alle haben Ideen eingebracht, am Drehbuch mitgearbeitet, Dialoge geschrieben und sich so aufeinander eingestellt. Erst danach haben wir den Darstellern die Handlung und die Charaktere des Films erläutert, die Rollen eingeübt, darüber gemeinsam diskutiert und an Details gefeilt. Eine Woche vor Drehbeginn fanden dann sehr intensive Proben statt, so dass alle bestens vorbereitet waren. Die Natürlichkeit der Theaterdarsteller im Film ist daher das Ergebnis einer langen Vorbereitung und nicht erst beim Dreh entstanden.
 
Frage: Wie haben Sie Sarahs Familie zusammengestellt?

Antwort: Zuerst habe ich die Schauspieler nacheinander ausgewählt. Danach habe ich die Darstellerinnen der Mutter und der jüngsten Tochter eine Zeit miteinander verbringen lassen, damit sie sich daran gewöhnen, ein Mutter-Tochter-Gespann zu spielen. Vor dem eigentlichen Drehbeginn haben wir dann einen abgegrenzten Ort gewählt und die Schauspieler einen ganzen Tag als Familie verleben lassen. Durch die typischen Handlungen eines Familienlebens ist dann auch Nähe entstanden. Die Umgebung hat zudem sehr geholfen - wir haben in der Schweiz einen Drehort gefunden, der sich für die Darstellung des Familienlebens hervorragend eignete. Man hatte das Gefühl, die Familie wohnt tatsächlich in diesem Haus. Das ist für die Schauspielerei natürlich sehr hilfreich.

Interview mit der Regisseurin Katharina Wyss des Film „Sarah spielt einen Werwolf“ Terry Lin © Goethe-Institut Taipei Im Film gibt es eine Reihe von Andeutungen, die nicht weiter erklärt werden. Dies betrifft vor allem Sarah und ihr Verhältnis zum Vater einerseits und zur Mutter andererseits, aber auch die Beziehungen der Eltern untereinander und der Eltern zu den Kindern. Da bleibt vieles im Unklaren …
 
Auf den ersten Blick scheint es sich um eine typische Kleinfamilie zu handeln, aber die einzelnen Familienmitglieder sind weder offen noch ehrlich in ihrem Umgang miteinander. Im Gegenteil, sie haben eine ganze Reihe Geheimnisse voreinander. Die sensible Sarah ist voller Eindrücke und Gefühle, über die sie nicht sprechen kann. Erst die Mitarbeit im Theaterklub der Schule eröffnet ihr Wege, um Gefühle auszudrücken und aus sich herauszugehen.
 
Die Situation in der Familie ist blockiert, weil der Vater durch seine Machtausübung alle anderen Beziehungen kontrolliert - auch die von Mutter und Tochter. Ein Geheimnis wird verschwiegen, und wie so oft mit Familiengeheimnissen, will man gerne lieber weg- als hinschauen (das kennt man in Deutschland insbesondere von der Kriegs- und Nachkriegsgeneration). Unterschwellig steuert das Geheimnis aber die ganze Familienstruktur. Die Kontrolle des Vaters wird hier nicht durchbrochen, auch nicht von der Mutter, er sorgt am Ende dafür, dass das Geheimnis nicht an die Öffentlichkeit kommt.