Interview mit dem Chefredakteur Fabian Saul Flaneur Magazine

Flaneur  Magazine
© Flaneur Magazine

Was hat Sie zum Flaneur Magazine inspiriert? Was ist der Kern des Magazins, den die Leserinnen und Leser entdecken sollen? 
 
Der Hauptgedanke ist, dass es einen Zugang zu den unsichtbaren Ebenen einer Straße geben kann; der Gedanke, dass man auf der Schwelle dessen handeln kann, was zwischen dem Erkennen, was verloren ist, und dem, was man aus dieser Erkenntnis in die Zukunft projizieren kann, liegt; der Gedanke, dass eine Straße nicht linear ist, sondern dass - wie es meine Redaktionskollegin Grashina Gabelmann formuliert hat - Straßen von innen betrachtet immer größer sind als von außen.
 
Wir wollen die Straße daher in Form eines Materials öffnen, um mit lokalen Künstlern, Autoren, Wissenschaftlern und Menschen von dieser Straße zusammenzuarbeiten. Auf diese Weise gibt es nicht die eine dominierende Erzählweise, sondern vielfältige Perspektiven. Indem wir uns auf eine Straße konzentrieren, ist es uns möglich, die nationalistischen Erzählmuster darüber, was das Land definiert oder die vorgefertigten Schablonen darüber, was die Stadt ausmacht, hinter uns zu lassen und stattdessen an der Basis zu beginnen. Wir beginnen auf der Ebene des Mikrokosmos. Das ist nicht eine Beschränkung, sondern eine Befreiung.

  Flaneur Magazine © Flaneur Magazine Stammt die Bezeichnung „Flaneur“ ursprünglich von Charles Baudelaire oder ist sie näher an der Deutung durch Walter Benjamin?
 
Als wir vor fünf Jahren das Konzept für Flaneur Magazine erarbeiteten, war der Name das letzte, worüber wir eine Entscheidung trafen. Ich denke, dass das unseren Ansatz am Besten widerspiegelt. Und wenn wir von „Flaneur“ sprechen, geht es uns eher um die Technik das Flanierens als um den literarischen Charakter des Flaneurs.
 
Dennoch gibt es viel, was wir aus den Umständen, unter denen die Flaneurfigur erschien, aufnehmen können und die Benjamin in all seinen Facetten beschrieb. Oder wie die Situationisten in dieser Hinsicht das radikale Potenzial psychogeographischer Strategien erforschten. Doch die Inspiration für das Magazin ist in Bezug auf diese verschiedenen theoretischen Auslegungen jenseits davon angesiedelt - oder sollten wir vielleicht eher sagen „davor“. Es ist im tatsächlichen Interesse angelegt und in der Auseinandersetzung, dem Verständnis und der Synchronisation mit der uns umgebenden Stadt.
 
Was hat Sie diesmal nach Taipei und zum Treasure Hill Artist Village geführt?
 
Als wir über Möglichkeit sprachen, die nächste Ausgabe Taipei zu widmen, hatten viele unserer Freunde in Berlin Schwierigkeiten, die Stadt auf der Karte zu finden. Es schien, dass das diplomatische Vakuum Taiwans zu einem gewissen Grad auch zu einem geographischen Vakuum geführt hat. Der Mangel an Bildmaterial zu Taiwan, diese Leere, weckte unser Interesse und wir beschlossen, einen Sommer auf Treasure Hill zu verbringen, das an sich schon viele historische, soziale und architektonische Ebenen aufweist. Es war ein großartiger Ausgangspunkt für unsere Zeit in Taiwan.

Team of Flaneur Magazine © Flaneur Magazine Im vergangenen Jahr führte Ihr Team bereits Recherchen in Taipei durch, dieses Jahr verbrachte das Team außerdem zwei Monate vor Ort. Könnten Sie den Prozess insgesamt erklären, durch den das Magazin entsteht?
 
Wir kamen letztes Jahr hierher, um erste Verbindungen zu knüpfen, erste Begegnungen. Dies fand den ganzen Sommer über noch viel intensiver statt, als wir viele Leute trafen, viele Kilometer zu Fuß gingen und viele Notizbücher mit den Ergebnissen von Unterhaltungen füllten. Während dieser Zeit kristallisierten sich die Künstler, mit denen wir für die kommende Ausgabe zusammenarbeiten wollten, immer klarer heraus. Dann begannen wir die Arbeit am Magazin, indem wir auf der Basis der vielen Wochen, die wir quer durch die Stadt umhergewandert waren, die eine Straße, um die es gehen sollte, auswählten.
 
Ab diesem Zeitpunkt begann ein mehrere Monate währender Prozess, in dem an einzelnen Projekten gearbeitet wurden und während dem wir Stück für Stück das Gesamtbild der nächsten Ausgabe zusammenfügten. Unser Ziel ist es dann, diese Projekte und die neue Ausgabe dem Publikum in Taipei und Berlin vorzustellen. Wir wollen zeigen, dass Flaneur nicht nur ein Magazin ist, sondern dass das Magazin einen langen Prozess kollaborativer Arbeit dokumentiert. Dies kann ein Türöffner sein für vielfältige Diskussionen. Unser Ziel ist es auch, die lokale Ebene mit einer internationalen Perspektive zu verbinden. Es ist wichtig, dass die im Magazin erzählten Geschichten auch selbst auf die Reise gehen.
 
Flaneur Magazine © Flaneur Magazine Wie gehen Sie auf die Bewohner zu und bringt sie dazu, dass sie ihr Einverständnis geben, in dem Magazin vorgestellt zu werden? Welcher Art sind die Bewohner oder Künstler, die sie für ein Interview auswählen? Wie arbeiten Sie zusammen?
 
Unsere Arbeit basiert auf gegenseitigem Vertrauen, das wir aufbauen, indem wir mit unseren Partnern, der Straße und ihren Bewohnern viel Zeit zusammen verbringen. Wir gehen nicht auf Leute mit dem Anliegen zu, über sie berichten zu wollen, sondern wir wollen vielmehr den Dingen die Chance geben, sich zu entwickeln. Die daran beteiligten Menschen sind so verschieden wie die Straße und die Stadt, in der wir arbeiten. Es gibt keine festgelegte Formel dafür, nur eine Sensibilität gegenüber dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, gegenüber dem Ausgesprochenen und Unausgesprochenen.
 
Wir verbringen viel Zeit vor Ort und begegnen Menschen über einen Dominoeffekt. Wir treffen eine Person, die uns zu einer anderen Person führt und so weiter. Wir versuchen, Menschen aus vielen verschiedenen Hintergründen und Blickwinkeln zu treffen. Darunter gibt es etablierte und aufstrebende Künstler, Menschen, die ihr ganzes Leben in der Straße verbracht haben und solche, die sie  das erste Mal sehen. Die darin vertretenen Disziplinen sind sehr facettenreich: dazu gehören Autoren, bildende Künstler, Schauspieler, Architekten, Wissenschaftler, Maler, Musiker, Filmemacher und Aktivisten, dem sind keine Grenzen gesetzt. Alle Perspektiven sind wertvoll und das Magazin ist eine Plattform, auf der sie sich entfalten können. Es ist eine Einladung, zusammenzuarbeiten.
 
Wir diktieren niemals das Ziel oder das Ergebnis einer Zusammenarbeit in einem frühen Stadium dieses Prozesses, sondern setzen großes Vertrauen in diesen Prozess selbst. Daher informieren wir uns gegenseitig, manchmal arbeiten wir intensiv zusammen und manchmal lassen wir große Freiräume. Manche der wichtigsten Personen für das Magazin tragen nicht unbedingt direkt etwas dazu bei, sondern indirekt. Es ist wichtig, Menschen aus reinem Interesse zu begegnen und nicht nur in bestimmter Absicht.

Wie verarbeiten Sie die Nachforschungen, die Sie in Taipei oder anderen Städten anstellen?
 
Die nach innen gerichtete Perspektive, die tatsächliche Auseinandersetzung mit den urbanen Strukturen, die räumliche Erfahrung: das ist die Methodik, mit der wir uns dem nähern, was nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Viele der daraus entstehenden Texte basieren auf intensiver Recherche, in deren Verlauf viele Informationen zusammengetragen wurden, auch mit der Absicht, historische Schichten freizulegen, aber ohne dass jemand uns aus der Sicht eines Experten an die Hand genommen hat. Beim Flanieren geht es darum, sich zu verlieren, und aus der Vielfalt der Stimmen zu erzählen. Es geht um die dunklen Ecken und beunruhigenden Ränder einer Straße und aus diesem Grund ist es notwendig, sich literarischer Mittel zu bedienen.

Fabian Saul © Fabian Saul Machen Sie noch irgendwelche anderen Projekte für Taipei oder Treasure Hill Artist Village?
 
Unser Projekt ist noch im Gange, daher sind wir jetzt voll konzentriert auf diese Ausgabe und den Launch, den wir vor Ort vorhaben. Aber wir werden sicher noch oft nach Taipei zurückkehren.