Interview mit dem Schriftsteller Ferdinand von Schirach Deutscher Erfolgsautor in Taiwan als Rechtsexperte zu heiklen Themen gefragt

Ferdinand von Schirach
Foto: Terry Lin © Goethe-Institut Taipei

In Taiwan füllt Ferdinand von Schirach das größte Auditorium bis auf den letzten Platz – zumindest auf der Taipei International Book Exhibition, wo mehrere hundert Zuhörer sich vor der Hauptbühne drängten, um den Rechtsanwalt zu erleben, der seit 2009 als Schriftsteller weltweit Furore macht.

Seine Kurzgeschichtenbände „Verbrechen“, „Schuld“ und „Strafe“ sowie fünf weitere Bücher wurden für Taiwan auf Chinesisch übersetzt und verkaufen sind hier prächtig. Ein Grund dafür ist wohl, dass von Schirachs Stoffe zwar von seinen Erfahrungen als Strafverteidiger in Berlin inspiriert sind. Doch er erzählt keine spezifisch deutschen, sondern universell menschliche Geschichten über Themen wie Verzweiflung, Verantwortung und Einsamkeit. 
 
Anwalt, Professor und Schriftsteller Chiou-yuan Lu Foto: Terry Lin © Goethe-Institut Taipei Unter den 13 deutschen Autorinnen und Autoren, die den deutschen Gastauftritt in Taipeh begleiteten, war von Schirach wohl der größte Publikumsmagnet. Als Jurist wurde er außerdem als Experte für alle möglichen Rechtsfragen betrachtet und nach heiklen Themen befragt. Schon einen Tag zuvor hatte er an der gleichen Stelle vor vollen Reihen einen Vortrag gehalten, nun traf er sein taiwanisches Gegenstück: Lu Chiu-yuan (呂秋遠), Taiwans wohl bekanntesten Anwalt, der ähnlich wie von Schirach Bücher veröffentlicht und zusätzliche Breitenwirkung durch Fernsehauftritte und Social Media erzielt. Allein auf Facebook folgen ihm mehr als 620.000 Menschen. Lu bezeichnet von Schirach als einen Mentor, dessen Bücher ihn ermutigt hätten, selbst mit dem Schreiben zu beginnen.

Von Schirach verlor keine Zeit, mit Lu ins Gespräch zu kommen. „Man sagte mir, ich solle zuerst 20 Minuten über mein Buch sprechen, aber das kann ich nicht.“ Und, das schickte er gleich vorweg: Er wünsche sich einen deutschen Verleger für die Werke seines Gegenübers.
 
Lus erste Frage zielte darauf ab, dass von Schirach oft Fragen zur Motivation der Täter ins Zentrum seiner Geschichten stellt. „Warum hat er das getan, was dachte er sich dabei?“ Solche Fragen würden in Taiwan bisher zu wenig bedacht. Seinen Ausführungen zufolge beschränkten die Debatten sich hier oft auf „Er hat etwas Schlimmes getan – also muss er bestraft werden.“

Es gibt kein absolutes Gut und Böse

Auf die Psychologie von Tätern und menschliche Ambivalenz konzentrierte von Schirach sich in seiner Antwort. Wer wegen eines Verbrechens verurteilt und bestraft werde, der stehe vollkommen nackt und schutzlos da, gleichsam am Abgrund. „Wir können allen vergeben, sogar unseren schlimmsten Feinden, aber uns selbst meist nicht. Diese Unfähigkeit trifft uns am tiefsten und führt zu Einsamkeit.“ Diese Form der Einsamkeit kenne jeder, wenn auch in schwächerer Form, und versuche sich davor zu schützen. Weiterhin gebe es absolutes Gut und Böse „nur im Comic“. Ein und der selbe Mensch könne zum Mond fliegen oder eine Atombombe bauen. „Wir sind alle ein bisschen gut und ein bisschen böse, nur in unterschiedlichem Maß.“

Von Schirach ermutigte Lu, es ihm gleich zu tun und sich noch mehr aufs Schreiben zu konzentrieren. „Nach 20 Jahren als Strafverteidiger gab es bei mir einen Punkt, wo eine Grenze erreicht war“, begründete er seinen Entschluss, vor einigen Jahren nach etwa 100 Schwurgerichtsverfahren zu Tötungsdelikten die Arbeit als Anwalt aufzugeben. „Es beginnt sich zu wiederholen. Es gibt nicht so viele Möglichkeiten, wer wen umbringt. Irgendwann sind die erschöpft.“ Entweder mache man dann weiter und werde „Trinker oder Zyniker – beides nicht erstrebenswert.“ Oder man suche sich etwas anderes. Den Zuhörern gab er mit auf den Weg: „Lesen Sie. Lesen hilft Ihnen, und es kann Sie sogar glücklich machen.“ Das hörten die Organisatoren der Buchmesse sicher gern, denn Taiwan hat mit wegbrechenden Verkaufszahlen für gedruckte Bücher zu kämpfen. Noch gibt es für ein Land dieser Größe ungewöhnlich viele Verlage und Neuerscheinungen. Doch die umfassende Veränderung, die das Smartphone hier für den Alltag von so gut wie allen Menschen brachte, frisst viel Zeit, die zum Lesen fehlt. 
 
„Strafe“ – Buchvorstellung Foto: Terry Lin © Goethe-Institut Taipei Kurz nach seinem großen Auftritt, zwischen zwei Signierstunden, bei denen taiwanische Leser in langen Schlangen anstanden, traf ich Ferdinand von Schirach zum Einzelgespräch.
Ihm sei bewusst gewesen, dass seine Bücher in Taiwan erfolgreich sind, sagte er. Doch hier zum ersten Mal Leser zu treffen, „das war teilweise sehr berühend.“ Besonderen Eindruck habe die Aussage einer älteren Frau hinterlassen, seine Bücher würden ihr „die Wahrheit“ sagen. „Ich fand das einen sehr erstaunlichen Satz. Ich versuche ja, sehr komplizierte Sachen sehr einfach zu sagen. Und das scheint den Leuten zu gefallen. Aber man kann selbst so wenig zu seinen Büchern sagen. Es klingt alles irgendwie falsch.“

Mit Taiwans Geschichte und politischer Situation habe er sich vor seiner Reise befasst, sei aber natürlich nicht in der Lage, sich zur Tagespolitik zu äußern. Dass die Aufarbeitung der eigenen Diktaturgeschichte unter der Bezeichung „Übergangsjustiz“ (Transitional Justice, 轉型正義) hier ein großes Thema ist, sei ihm bewusst. Taiwan habe „viele Schwierigkeiten, die Deutschland auch hatte. Und wie bei allen Ländern, die sich selbst finden müssen, ist vieles unklar.“ Er sei auf der Messe des öfteren nach seiner Meinung gefragt worden. „Das war ein Thema in Südafrika, das ist hier ein Thema, das wird, wenn wir Glück haben, irgendwann in der Türkei ein Thema sein, und es ist schwierig zu beantworten.“

Zuerst die Wahrheit in Erfahrung bringen

Generell halte er es in solchen Situationen für wenig sinnvoll, abgesehen von großen Verbrechen, strafrechtlich vorzugehen: „Das Strafrecht ist relativ stumpf bei solchen Sachen. Wahrheitskommissionen wie in Südafrika wären sinnvoller und bringen wahrscheinlich langfristig die besseren und klügeren Ergebnisse.“ Wichtig sei es bei Aufarbeitungsbemühungen, bevor man etwas  anderes mache, zuerst die Wahrheit in Erfahrung zu bringen.

Damit decken sich Schirachs Vorstellungen einer gelungenen Vergangenheitsaufarbeitung offenbar weitgehend mit Taiwans offizieller Regierungsposition. Zwar werden einige der Vorhaben in Sachen Übergangsjustiz in Taiwans polarisierter Gesellschaft heiß diskutiert, etwa der Umgang mit Bildnissen des früheren Machthabers Chiang Kai-shek oder mit dem Parteivermögen der einstigen Staatspartei Kuomintang. Doch es wurde nie das Ziel ausgegeben, damalige Verantwortliche für mögliche Verbrechen vor Gericht zu stellen. Dies würde in der Tat viele Wunden aufreißen und kaum zur gesellschaftlichen Aussöhnung beitragen. Statt dessen werden als Ziele genannt, bislang verschlossene politische Archive zu öffnen, Unrechtsurteile aufzuheben und Berichte darüber anzufertigen, was sich während der Zeit des Kriegsrechts in Taiwan zugetragen hat.
 
Vortrag: Recht oder Unrecht? Foto: Terry Lin © Goethe-Institut Taipei Ein weiteres in Taiwan umstrittenes Thema wurde mehrfach an von Schirach herangetragen: Die Todesstrafe. Wohl achtmal sei er bei Interviews und Podiumsdiskussionen darauf angesprochen worden.

In Taiwan kann die Todesstrafe nach wie vor verhängt werden. In der Praxis geschieht es noch bei einigen besonders schweren Mordfällen. Nachdem unter Präsidentin Tsai Ing-wen fast zwei Jahre keine Urteile vollstreckt worden waren, gab es vergangenen August die erste Hinrichtung ihrer Amtszeit. Mehr als 40 zum Tode Verurteilte sind noch inhaftiert. Die EU kritisiert regelmäßig die Anwendung der Todesstrafe, doch in Taiwans Bevölkerung hat sie laut Meinungsumfragen großen Rückhalt.

Bei einigen Journalisten sei deutlich gewesen, dass sie die Todesstrafe befürworten, so von Schirach. „Ich habe aber keinen gehört, der ein sinnvolles Argument vorbringen konnte, außer dem Argument der Abschreckung, das totaler Blödsinn ist. Wir haben das in sehr vielen Ländern gesehen, und wir wissen, dass hohe Strafen nicht abschrecken.“

Dinosaurier-Richter

Taiwans Rechtssystem hat nicht zufällig viele Ähnlichkeiten zum deutschen. Das Strafrecht der Republik China wurde 1935 tatsächlich auf der Grundlage des damaligen deutschen Strafgesetzbuchs aufgebaut. Anders als in Deutschland gibt es in Taiwan heute aber keine Laienrichter. Im Zuge einer Justizreform sollen in Taiwan demnächst entweder Schöffen nach deutschem Vorbild eingeführt werden, oder aber ein Geschworenen-System ähnlich wie im anglo-amerikanischen Rechtssystem. Hintergrund ist die seit einigen Jahren zunehmende Kritik an „Dinosaurier-Richtern“ und weltfremden Urteilen, die großen Teilen von Taiwans Bevölkerung nicht zu vermitteln seien.

„Recht muss immer so sein, dass es auch von den Menschen verstanden wird“, sagte von Schirach, der auch von dieser Debatte schon gehört hatte. „Wenn Gesetze oder Urteile nicht mehr verstanden werden und zu weit weg sind von unserem normalen Leben, dann kommt die Justiz irgendwann in Rechtfertigungszwänge.“ Eine Laienbeteiligung sei also vernünftig. Reine Geschworenengerichte allerdings bergen seiner Ansicht nach die Gefahr, zu emotionale Urteile zu fällen. „Mir ist eine Mischung aus Berufsrichtern und Laienrichtern eigentlich das liebste. Ich finde, es hat sich ganz gut bewährt.“

Während dieses ersten, kurzen Taiwanaufenthaltes voller Termine konnte von Schirach nur wenige tiefere Eindrücke gewinnen. Etwas jedoch fiel ihm bei seinen Begegnungen auf: „Es gibt, was wir in Deutschland nicht so kennen, eine ganz große Herzlichkeit. Das geht 30 Sekunden, und dann sind Sie fast bereit, umarmt zu werden. Ich war viel in Japan, und da ist es genau umgekehrt. Da ist es die allergrößte Distanz, die man sich vorstellen kann.“

Nach seinem Auftritt bei der Taipei International Book Exhibition reiste von Schirach weiter nach Peking. Auch dort sollte es sein erster Besuch sein.