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Deutsche Serien in Nordamerika
Call My Agent Berlin

Key Art from the Disney+ Series "Call my agent Berlin"
© Disney+

Riesige Egos, winzige Budgets, Dauerkrisen: Call My Agent Berlin verwandelt die deutsche Filmszene in eine herrlich chaotische Workplace-Komödie, die überraschend authentisch wirkt.

Von Gesa Mayr

Schwierige Zeiten für die renommierte Berliner Talentagentur STERN: Obwohl die familiengeführte Firma die Elite der deutschen Schauspiel- und Regieszene vertritt, verliert sie Geld am laufenden Band. Der Champagnerkühlschrank ist zwar bestens gefüllt, die Projektpipeline dafür umso leerer. Auch die üppigen Ausgaben für luxuriöse Dinner und geheime Hotelzimmer helfen der Bilanz nicht gerade weiter.

Und schon stürzen wir hinein in den Abgrund der deutschen Unterhaltungsindustrie: eine ziemlich kleine Szene mit ziemlich dicken Egos.

Im Mittelpunkt der Pilotfolge steht die Mittzwanzigerin Sophie Goldbach (Dana Herfurth), die sich spontan auf eine offene Assistenzstelle bewirbt. Ihr erster Arbeitstag? Gelinde gesagt ein einziges Chaos. Das Team von STERN erfährt entsetzt, dass Gründer Richard ausgerechnet eine der berüchtigtsten Agentinnen der Branche zurückgeholt hat: Sascha (Karin Hanczewski), eine gnadenlose Girlboss-Figur mit Killer Garderobe. Natürlich fühlt sich Agentur-Platzhirsch Gabor (Lucas Gregorowicz) sofort bedroht, ein Mann mit perfekt sitzenden Pullovern und einem Fünf-Uhr-Schatten, der Autorität ausstrahlt. Die drei Assistentinnen zwischen Empfang und Telefonzentrale rotieren derweil pausenlos zwischen verletzten Eitelkeiten und emotionalen Notfällen.

Parallel steht das prestigeträchtigste Projekt der Agentur auf dem Spiel: Christopher Nolan will den deutschen Schauspieler Moritz Bleibtreu für seinen nächsten Film – allerdings nur, wenn dieser vorher beim Schönheitschirurgen vorbeischaut und sich optisch mal eben 15 Jahre wegretuschieren lässt.
Sein Agent Konstantin (Michael Klammer) überlegt noch, wie er seinem Klienten 37 Einheiten Botox schmackhaft machen soll, da sagt Bleibtreu den Satz, den alle Agent:innen zugleich lieben und hassen: „Du bist so ein guter Freund.“ Großartig.

Die perfekte Vanity Fair – und das Schlimmste kommt erst noch: Als Gründer Richard einen Herzinfarkt erleidet, beginnt ein regelrechtes Game of Thrones zwischen Gabor, Sascha und Konstantin, die alle die Macht übernehmen wollen. Jede Figur verfolgt eigene Interessen, ständig steht alles auf dem Spiel, jede Unternehmung ist irgendwie absurd – und genau das wirkt erstaunlich realistisch.

Geschichten über die Unterhaltungsbranche sind immer ein Balanceakt. Ein ohnehin schon selbstverliebtes Business abzubilden und dabei gleichzeitig ein Mainstream-Publikum zu erreichen, ist schwierig. Oft geraten solche Formate entweder zu romantisiert (La La Land) oder zu überdreht-camp (The Morning Show, besonders in den späteren Staffeln).

Standbild aus der Disney+ Serie "Call my agent Berlin"

Standbild aus der Disney+ Serie "Call my agent Berlin" | Photo: © Julia Terjung / Disney+


The Studio hat kürzlich gezeigt, dass es auch anders geht. Die von Seth Rogen mitentwickelte und von ihm gespielte Serie sorgte in Hollywood wegen ihrer Genauigkeit für Aufsehen. Sie wurde zum Gesprächsthema der Branche, schoss direkt an die Spitze der Emmy-Favoritenlisten – und war dabei vor allem gnadenlos lustig, weil sie keine Angst hatte, die Schmerzpunkte der Industrie und der Celebrity-Kultur offenzulegen.

Call My Agent Berlin mag vielleicht nicht ganz so mutig sein wie Rogens The Studio – saftig ist die Serie aber allemal. Spielen Heike Makatsch, Max von der Groeben und Florence Kasumba überzeichnete Versionen ihrer selbst? Ja. Rufen Schauspieler:innen ihre Agent:innen im echten Leben fünfmal täglich an, wenn sie sich einsam fühlen? Ebenfalls ja. Und obwohl die Serie auf dem französischen Kult-Hit Dix pour cent basiert, wirkt die Berliner Adaption überraschend eigenständig.

Es gibt Erpressung, eine geheime Tochter, Affären, noch mehr Erpressung und noch mehr Affären, einen Putschversuch, Steuerrazzien, Freundschaften, die zerbrechen und wieder zusammenfinden und wieder zerbrechen, Verrat – und eine beinahe inzestuöse Storyline (wir sind schließlich in Deutschland).

Das Ganze ist auf genau die richtige Art chaotisch, und die Autor:innen lehnen sich mit voller Absicht in dieses Durcheinander hinein. Sie quälen ihre Figuren genüsslich, die Einsätze steigen von Folge zu Folge. Es passiert ständig etwas, und genau das sorgt für ein großartiges Tempo.

Viele deutsche Formate scheuen sich vor dieser Art von verwobener Dramedy – vor dem Soapigen, dem Albernen, der großen Emotion. Umso erfrischender ist eine Serie, die ganz offensichtlich einfach gute Unterhaltung sein will und nicht zwanghaft „große Kunst“ mit großem K.
Standbild aus der Disney+ Serie "Call my agent Berlin" - Lucas Gregorowicz, Iris Berben (M.), Karin Hanczewski

Standbild aus der Disney+ Serie "Call my agent Berlin" - Lucas Gregorowicz, Iris Berben (M.), Karin Hanczewski | Photo: © Julia Terjung / Disney+

Wie bei vielen Ensemble-Serien dauert es einen Moment, bis die Besetzung richtig zusammenfindet, aber spätestens ab Folge fünf sprüht die Gruppe vor gemeinsamer Energie. Selbst die schwächeren Nachwuchsperformances werden von der fantastischen Chemie des zentralen Dreigespanns Sascha, Konstantin und Gabor mitgetragen.

Besonders rund wirkt die Serie schließlich durch ihre Darstellung Berlins. Selten wurde die deutsche Hauptstadt überzeugend inszeniert – meist verfällt man entweder zu sehr der rauen Großstadtästhetik (Krank Berlin, 4 Blocks) oder der hedonistischen Expat-Blase (Beat, teilweise Unorthodox). Hier dagegen fühlen sich viele Schauplätze tatsächlich authentisch an: vom Hotel de Rome in Mitte über die Firmenfeier in Kreuzberg bis hin zu Buchhandlungen in Prenzlauer Berg und alternativen Kinos in Friedrichshain – Berlin ist klar wiederzuerkennen.
© Disney+

Gleichzeitig verliert sich Call My Agent Berlin nie in nostalgischer Verklärung des deutschen Kinos. Natürlich fallen Namen legendärer Ikonen wie Marlene Dietrich. Doch diesmal wirkt das nicht wie sentimentale Rückschau, sondern eher wie eine liebevolle Verbeugung vor der Vergangenheit.

Der deutschen TV-Landschaft fehlen gute Komödien. Versuche gab es viele, wirklich lustig waren nur wenige. Prime Videos Workplace-Comedy Die Discounter kommt einem in den Sinn. Oder Netflix’ How to Sell Drugs Online (Fast). Wenn Call My Agent Berlin seinen Autor:innen in der nächsten Staffel noch mehr Freiheiten gibt, hat die Serie das Potenzial, ein echtes Ausrufezeichen zu setzen.

Call My Agent Berlin
Staffel 1 mit 10 Episoden (2025) – basierend auf der französischen Serie "Dix pour cent"
Mit: Karin Hanczewski, Lucas Gregorowicz, Michael Klammer, Diana Herfurth, Florence Kasumba, Heike Makatsch, Heiner Lauterbach, Veronica Ferres, Katja Riemann, Iris Berben
Regie: Boris Kunz, Laura Lackmann und Johann Buchholz
Produktion: Friday Film GmbH gemeinsam mit Wild Bunch Germany GmbH

Stream "Call my agent Berlin"

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