Deutsche Serien in Nordamerika
Kacken an der Havel
Welche deutschen Wörter kommen „zany“ und „wacky“ am nächsten? Schrullig? Durchgeknallt? Bekloppt auf die beste Art? Ganz egal – sie dürften bei dem Pitch-Meeting für Netflix’ „Kacken an der Havel“ garantiert gefallen sein. Die neunteilige Comedy über einen gescheiterten Rapper, der in seine brandenburgische Heimat zurückkehrt, könnte man als furchtlos skurril bezeichnen. Wenn man in einer Minute nicht lacht, schieben die Macher in der nächsten Szene noch etwas Absurderes nach – in ihrem unermüdlichen Bemühen, das Zwerchfell zu bearbeiten.
Von Josef Markus
Toni Fleischer (Anton Schneider, AKA Fatoni – ein in Deutschland tatsächlich sehr bekannter, erfolgreicher Rapper), ein pummeliger weißer Typ Ende 30, hält in Berlin noch immer an seinem Traum von einer Rapkarriere fest – obwohl er inzwischen in einer Pizzeria arbeitet und in den Clubs längst zum Dinosaurier geworden ist. Dort versucht er sich beim Freestyle-Battle gegen Kids, die eine Generation jünger und, man ahnt es, unendlich viel cooler sind. Als seine Mutter bei einem bizarren Unfall ums Leben kommt, muss Toni widerwillig in seinen Heimatort Kacken an der Havel zurückkehren. Dort warten nicht nur seine missbilligende Familie auf ihn, sondern auch Charly (Sky Arndt), der Teenagersohn, von dessen Existenz er bislang nichts wusste.
Falls diese Zusammenfassung nach Tragödie oder Schwermut klingt: keine Sorge. Die Serienschöpfer Alex und Dimitrij Schaad schlagen von Anfang an einen augenzwinkernd-verspielten Ton an. Tonis Mutter Vera stirbt, als sie während eines Gewitters versucht, eine Ente aus einem Baum zu retten – und selbst dieser Abgang wird als bittersüße Slapstick-Einlage inszeniert. Auch Kacken selbst ist keineswegs das typische aussterbende Provinznest. Der Marktplatz sieht aus wie gemalt, und die regionale Abgeschiedenheit scheint den Bewohnern die Freiheit gegeben zu haben, so herrlich exzentrisch zu sein, wie sie möchten.
Der Exzentriker schlechthin könnte Veras frisch verwitweter Ehemann Johnny Carrera sein, gespielt von Dimitrij Schaad. Wer Netflix’ großartige Serie Kleo gesehen hat, erinnert sich an Schaads Talent, jeder Szene trockenen Humor einzuhauchen. Hier ist er eine unerschöpfliche Quelle komischer Energie und damit der perfekte Gegenpol zum stets etwas bemitleidenswerten Toni.
NICHT GERADE OPAS HEIMATFILM
Kackens Bürgermeisterin heißt „Veronica Ferres“ – und wird tatsächlich von Veronica Ferres gespielt. Die Schauspielerin gehört in Deutschland dank zahlloser Filme und TV-Produktionen längst zum festen Inventar der Unterhaltungslandschaft. Hier nimmt sie ihren Promi-Status selbst auf die Schippe und spielt eine stoisch-unerschütterliche Version ihrer selbst, die eher an eine „geliebte Führerin“ als an eine demokratisch gewählte Bürgermeisterin erinnert. Vielleicht ist das die schelmische Art der Schaads anzudeuten, dass die Demokratie in der ostdeutschen Provinz noch nicht ganz angekommen ist.Ferres mag offiziell das Sagen haben, doch die eigentliche Autorität in Kacken scheint Wes Anderson zu sein. Immer wieder erinnert das Produktionsdesign an eines seiner bewegten Dioramen. Dieser Stil setzt sich auch in vielen Kameraeinstellungen fort: Die Figuren stehen mittig vor Kulissen, die wie Schaufenster wirken. Kombiniert man das mit Netflix’ Vorliebe für knallige Farbkorrekturen als Synonym für Produktionswert, verschwindet jede Vorstellung von grauem, winterlichem Brandenburg sofort. Die Innenräume leuchten in Neon-Grün und Magenta, als würden die Figuren in einer Lavalampe wohnen.
RESPEKTLOS, ABER NIE HERABLASSEND
„Kacken an der Havel“ tut alles für einen Lacher. Die Macher stopfen jede Szene mit Wegwerf-Gags und köstlichen Nebeneinfällen voll – mit einer Detailversessenheit, die fast schon zwanghaft wirkt. Wenn derart viele Witze auf das Publikum einprasseln, müssen zwangsläufig einige Treffer landen. Zu den inspirierten Albernheiten gehören etwa eine VHS-Kassette aus den 90ern über Aufstieg und Fall von Huso, einer rappenden Handpuppe, oder Toni, der seinem animierten Entenküken namens Tupac Fleischer ernsthaft sagt: „Tut mir leid, dass ich deine Gangster-Cred angezweifelt habe.“Ein Lehrer an der örtlichen Schule stellt einen neuen Schüler aus der Schweiz mit den Worten vor: „Keine Sorge, Kinder, das ist kein Schlaganfall – die reden wirklich so.“ Dieselben Schüler proben gerade eine Musical-Version von Armageddon, und in einem von Tonis Raptexten reimt sich „Brusthaar“ tatsächlich auf „Zarathustra“.
Der Dauerbeschuss mit schrägem Humor könnte zunächst die Frage aufwerfen, ob „Kacken an der Havel“ jemals echte emotionale Fallhöhe entwickelt. Doch die Besetzung von Charly mit einer nichtbinären Person verleiht dessen Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung durch den Vater spürbar mehr Gewicht. Dadurch entsteht eine Dynamik, die zu präsent ist, um bloßer Subtext zu sein. Sie erdet die Serie und entwickelt sich zunehmend zu ihrem eigentlichen Kern.
Das ist nur eine von vielen ungewöhnlichen kreativen Entscheidungen, die „Kacken an der Havel“ wie einen Rückgriff auf frühere Streaming-Zeiten wirken lassen – auf eine Ära, in der Plattformen noch mutiger experimentierten, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Serie mag das sein, was die Branche gerne „nischig“ nennt. Aber sie erinnert auf sympathische Weise daran, dass man es sich in einer guten Nische ausgesprochen gemütlich machen kann.
Anmerkung zur Übersetzung: Man kann es nicht höflich ausdrücken: „kacken“ bedeutet schlicht „scheißen“. Der englische Titel „Crap Happens“ wirkt also überraschend unbeholfen. „Crap happens“ ist im Englischen keine geläufige Redewendung. Offenbar wollte Netflix die deutlich vulgärere Variante vermeiden, die jedem sofort eingefallen wäre.
„Kacken an der Havel“ (aka „Crap Happens“)
9 Episoden, jeweils ca. 35 Minuten
Mit: Anton „Fatoni“ Schneider, Sky Arndt, Dimitrij Schaad, Jördis Triebel, Runa Greiner, Veronica Ferres
Produktion: Warner Bros. International Television
Weltweit auf Netflix