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18:00 Uhr

Alltagspoesie – Die frühen Filme von Helke Misselwitz

Film + Masterclass|Kurzfilme Vorführung und Masterclass über das Werk von Helke Misselwitz. Referentin: Julia Bonetto.

Ein dunkler Raum mit einem Schreibtisch, auf dem eine schwarze Schreibmaschine der Marke Remington steht. Der Tisch ist von geöffneten Büchern, Papieren und einer Zeichnung mit roten Linien bedeckt. Links steht ein Glas mit einem dunklen Getränk neben einem blauen Glasgefäß. Rechts hängt eine Lampe, unter der Rauch aufsteigt. Hinter der Schreibmaschine sitzt eine Person, deren Kopf von den Händen gestützt wird. © GDEFA_Stiftung_Gunther_Becher/Lutz_Koerner

Ein dunkler Raum mit einem Schreibtisch, auf dem eine schwarze Schreibmaschine der Marke Remington steht. Der Tisch ist von geöffneten Büchern, Papieren und einer Zeichnung mit roten Linien bedeckt. Links steht ein Glas mit einem dunklen Getränk neben einem blauen Glasgefäß. Rechts hängt eine Lampe, unter der Rauch aufsteigt. Hinter der Schreibmaschine sitzt eine Person, deren Kopf von den Händen gestützt wird. © GDEFA_Stiftung_Gunther_Becher/Lutz_Koerner

Das Goethe-Institut, das Bibliotheksnetzwerk der Stadt Buenos Aires und die DEFA-Film Library präsentieren Alltagspoesie: Die frühen Filme von Helke Misselwitz im Rahmen der Filmreihe „Cine para Lectores" (Kino für Leser*innen). Die Reihe umfasst drei Lang-, fünf Kurz- und ein mittellanger Film der großen deutschen Filmemacherin, die in der DDR geboren wurde. Dieselbe Reihe, mit in Argentinien größtenteils unbekannten Filmen, wurde im November 2021 auf dem 36. Internationalen Filmfestival von Mar del Plata gezeigt.  
Jede Vorführung in der Casa de la Lectura y la Escritura bietet eine Einleitung zum Film und eine anschließende Q&A-Runde. Die Idee des Programms ist das Kino aus einer literarischen Perspektive zu betrachten.  

PROGRAMM

18 Uhr Kurzfilme Vorführung 
19 Uhr Masterclass über das Werk von Helke Misselwitz. Referentin: Julia Bonetto.


35 Fotos (7´, 1984, DDR).
Eine Frau, die 1949, dem Jahr der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik, geboren wurde, erzählt ihr Leben anhand von 35 Bildern aus ihrem Familienalbum, die jeweils ein Jahr repräsentieren. Dieser Kurzfilm sollte zum 35. Jahrestag der DDR gezeigt werden, wurde aber von offizieller Seite abgelehnt, da er ein vermeintlich negatives Bild des Familienlebens in der DDR zeichnet, das von einer atypischen Frau, einer geschiedenen, alleinerziehenden Mutter, dargestellt wird. Ein Jahr später konnte der Film unter einem anderen Titel vorgeführt werden.

Tango (1985, 6´, DDR). 
Eine kurze Geschichte der Entstehung und der künstlerischen Innovationen des Tangos in Argentinien und Europa im späten 19. Jahrhundert. Der Film bietet ein Mosaik aus Tangomelodien, Kunstwerken, Tanzszenen, historischem Filmmaterial, Fotos von Buenos Aires um die damalige Jahrhundertwende und Texten von Celedonio Flores und Enrique Santos Discépolo.

Tango-Traum (1985, 18´, DDR)
Ein melancholischer Traum über Tanz und Musik, unerfüllte Sehnsüchte und Fernweh auf der anderen Seite der Berliner Mauer. In ihrer Wohnung in Berlin Prenzlauer Berg sitzt eine Frau (gespielt von Helke Misselwitz) an ihrer Schreibmaschine und hört Tango. Sie schreibt das Drehbuch für einen Film über Tango und Träume, über Buenos Aires und Montevideo, eine andere Welt, in der vor vielen Jahren der Tango geboren wurde. Der Film erforscht das Spannungsverhältnis zwischen menschlichen Sehnsüchten, Poesie und Politik, die im Tango verschmelzen, und einem Lebensbewusstsein, das nur innerhalb der Kultur, in der es entstanden ist, existieren und sich entwickeln kann.

Die Marx Familie (1983-88, 6´, DDR).
Aufgenommen mit einer alten Parvo L-Kamera mit Kurbel und radikalen Schnittstrategien ist dieser Kurzfilm ein experimentelles und alternatives Porträt der Familie von Karl Marx und den schlechten Lebensbedingungen während ihres achtjährigen Aufenthalts in London. Originalschriften und persönliche Texte des Philosophen und seiner Frau werden mit historischen Fotos kombiniert, die sich mit Bildern eines verlassenen Ost-Berliner Gebäudes überschneiden. Der Kurzfilm wurde 1983 zum Gedenken an Marx' 100. Todestag produziert, aber Regierungsbeamte fanden ihn nicht würdig genug. Es wurde erst fünf Jahre später veröffentlicht.

Aktphotographie - z.B. Gundula Schulze (1983, 12´, DDR).
Die ostdeutsche Fotografin Gundula Schulze erklärt anschaulich ihren kreativen Prozess und spricht über ihren Wunsch (und ihre Bedenken), die ganze Persönlichkeit der von ihr porträtierten Frauen einzufangen. Sie betrachtet ihre Aktfotos, die in gesellschaftlicher Umgebung entstanden sind, als das Gegenteil von gewöhnlichen, oberflächlich erotischen Aktfotos. Gegen Ende der 1970er Jahre wurden Schulzes innovative Fotos von offizieller Seite abgelehnt, weil sie die Einsamkeit, die Armut und die Ängste eines Teils der ostdeutschen Gesellschaft erfassten und zum Ausdruck brachten. Das in Farbe gefilmte Gespräch mit Schulze ist mit Schwarz-Weiß-Bildern von arbeitenden Kassiererinnen in einer Kaufhalle unterlegt. 

Biografie

  • Helke Misselwitz

    Sie gehört zu den wichtigsten Filmemachern der letzten DEFA-Generation. Sie wird am 18. Juli 1947 in Planitz, bei Zwickau geboren. Sie arbeitete neun Jahre lang als Regieassistentin und Regisseurin beim Fernsehen der DDR und studierte von 1978 bis 1982 in der Hochschule für Film und Fernsehen nach Potsdam-Babelsberg im Fachbereich Regie.

    Zum Fernsehen kehrt Helke Misselwitz nach Ende ihres Studiums nicht zurück. Sie arbeitet als freie Autorin und Regisseurin. Im DEFA-Studio für Dokumentarfilme dreht die junge Regisseurin Kurzfilme.  Als Regisseur Heiner Carow sie als Meisterschülerin an der Akademie der Künste der DDR aufnahm, schuf sie den herausragenden Dokumentarfilm „Winter Adé” (1988), der großen internationalen Resonanz weckte.

    Der Erfolg der Regisseurin führt 1988 zu einer festen Anstellung im DEFA-Studio für Dokumentarfilme, wo sie wichtige Dokumentarfilme drehte. 1992 drehte Misselwitz ihren ersten Spielfilm „Herzsprung”, 1996 folgte „Engelchen”.

    Von 1997 bis 2014 war Helke Misselwitz Professorin für Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg (heute: Filmuniversität Babelsberg). Nach ihrem Ausscheiden widmete sie sich wieder der Regiearbeit und schuf ein Portrait der (ost)deutschen Fotografin Helga Paris (2019). Ihr letzter Dokumentarfilm ist „Die Frau des Dichters” (2021). Misselwitz ist seit 1991 Mitglied der Akademie der Künste und seit 2018 stellvertretende Direktorin der Sektion für Film- und Medienkunst.

  • Julia Bonetto

    Ist Soziologin, Drehbuchautorin, Regisseurin und audiovisuelle Produzentin. Sie wurde in Córdoba, Argentinien, geboren und lebt in Buenos Aires. Ihre Arbeit untersucht die Erfahrungen, Identitäten und Veränderungen von Frauen durch eine sensible und intime Filmsprache.