Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1) Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Claudia Tangoa

Claudia Tangoa © Goethe-Institut Chile Claudia Tangoa ist eine peruanische Theater­regisseurin, -autorin, -pädagogin und Kulturmanagerin. Sie absolvierte ein Schauspielstudium an der Pontificia Universidad Católica del Perú (PUCP) und ergänzte ihre Ausbildung durch diverse Weiterbildungen und Fachseminare wie „Theater und Erinnerung“, organisiert durch das Goethe-Institut Peru und dem Centro Cultural de la Universidad del Pacífico. 2013 realisierte sie eine künstlerische Residenz am Lincoln Center in New York sowie 2017 im Rahmen der Bienal de Arte Joven in Buenos Aires.

Zu ihren bisherigen realisierten Theaterprojekten, die alle auch von ihr selbst geschrieben wurden, zählen: Proyecto 1980/2000 (2012), eine Ko-Kreation mit Sebastián Rubio in dessen Rahmen sie sich mit dem bewaffneten Konflikt Perus auseinandersetzen und diesen ausgehend von der Perspektive des aktuellen jungen Perus beleuchten. Das Stück wurde unter anderem im Rahmen des Theaterfestivals Santiago a Mil in Chile präsentiert. Bicentenaria (2017) für das 200 Frauen dazu eingeladen wurden, gemeinsam im Parque de Los Próceres in Lima über die Rolle der Frau im Laufe der inzwischen über 200 Jahre der Unabhängigkeit Perus nachzudenken. Ebenso im Jahr 2017 entwickelte Claudia Tangoa das sehr persönliche Stück Ñaña, welches sich ausgehend von der Beziehung zur ihrer Adoptivschwester mit der Landflucht und der strukturellen Vernachlässigung der Städte im peruanischen Amazonas auseinandersetzt. Das Stück wurde in Theatern in Chile, Brasilien und Peru präsentiert. 2018 schrieb und inszenierte sie gemeinsam mit Alejandro Clavier das Stück San Bartolo, welches auf den realen Fällen sexuellen, physischen und psychischen Missbrauchs basiert, die in der Kongregation Sodalicio de Vida Cristiana begangen wurden. Im Jahr 2020 realisierte sie ebenso mit Alejando Clavier das Stück Instrucciones para despedirse de una casa, welches die Fluchtgeschichte des in Peru lebenden venezolanischen Jungen Juan erzählt. Die Theaterprojekte von Claudia Tangoa zeichnen sich vor allem durch das Spiel mit den Grenzen zwischen Realität und Fiktion sowie dem dahinterstehenden kollaborativen Schaffensprozess aus und thematisieren aktuelle soziale und politische Themen.

Parallel zu ihren Theaterprojekten arbeitet Claudia Tangoa als Dozentin an den Theaterfakultäten der Universidad Científica del Sur und PUCP und übernahm von 2010-2016 die Produktion des Künstlerkollektivs „Lot“. Aktuell ist sie Teil des Dramaturgieteams des Theaters La Plaza in Lima, an dem sie ebenso zusammen mit Alejandro Clavier die Koordination des Programa de Creación de Artistas Emergentes de Sala de Parto innehat und für den Bereich Szenische Forschung zuständig ist.

EL MEJOR LUGAR

Über Tabalosos, eine Stadt im Dschungel von San Martín in Peru, die Stadt in der Claudia Tangoas Vater und sie selbst aufwuchsen, sagt man, dass sie "eine Stadt der Homosexuellen" sei. Es wird auch gesagt, dass wenn man dorthin geht, auf keinen Fall das Wasser trinken solle, weil man sonst homosexuell werden kann. Auch wenn man nur in der Nähe von Tabalosos ist, sollte man am besten den Atem anhalten, weil „die Homosexualität in der Luft liegt". In den 90er Jahren, während der Fujimori-Diktatur, wurde im nationalen Fernsehen sogar ein Bericht über diesen Mythos ausgestrahlt. In diesem wurden zwei junge Männer gezeigt, die dabei waren, sich in einem Fluss zu baden, sich küssten und in ihrem Spiel „weibliches“ Kreischen von sich gaben. Die Wahrheit ist allerdings, dass es rundum Tabalosos keine Flüsse gibt, nur Brunnen.

Vor zwei Jahren wurde in den Nachrichten über einen Mann aus San Martín berichtet, der seinen Sohn ermordete, weil dieser homosexuell war. Es gab davon sogar eine Tonaufnahme, in der man den Vater beten hörte, während er seinen Sohn tötete. Obwohl diese Art von Nachrichten in Peru mit erschreckender Häufigkeit zu hören sind, war der Bericht über diesen Mord besonders schockierend. Die Schreckensnachricht rief bei Claudia Tangoa die Frage hervor, was wohl ihr eigener Vater -sofern er noch am Leben wäre- getan hätte, wenn eines seiner Kinder homosexuell gewesen wäre? Was hätte er getan, wäre sie selbst homosexuell gewesen? Physisch umgebracht hätte er sie wahrscheinlich nicht, aber doch vielleicht auf eine andere Art und Weise?

EL MEJOR LUGAR ist ein Projekt, das in der Zeit zurückgeht an denjenigen Ort, an dem die Regisseurin aufgewachsen ist und auch zurück zu dem Vater, der nicht mehr da ist. Es führt zurück zu den allgegenwärtigen Legenden und Mythen über Sexualität, die Claudia Tangoa von ihrer eigenen Familie genauso wie von den damaligen Nachbar*innen, den Nachrichtensprecher*innen, der Kirche und den Lehrer*innen hörte und die maßgeblich Einfluss darauf hatten, wie wir alle heute unsere Sexualität leben. Es handelt somit auch von den Lügen, die erzählt werden, um uns davon abzuhalten bestimmte Dinge laut zu sagen oder die uns dazu bringen, die Dinge auf andere Art und Weise zu sagen.

Im Verlauf des Projekts im Jahr 2019 interviewte Claudia Tangoa vier junge Erwachsene, die wie sie in einer Stadt im Dschungel Perus aufgewachsen sind, aber seit einigen Jahren in Lima leben. Über den Zeitraum von zwei Monaten hinweg arbeiteten sie gemeinsam in einer Art szenischem Experiment und erzählten sich gegenseitig die Mythen und Legenden, mit denen sie aufgewachsen sind um diese zu kontrastieren, zu hinterfragen und neu zu bewerten. Sie sprachen auch viel über ihre ersten Referenzen aus der LGBTIQ + Community, zu der die vier jungen Erwachsenen gehören. "Als ich ein kleiner Junge war, dachte ich, dass ich später mal Volleyballspieler oder Schönheitskönigin sein werde", sagt eine*r von ihnen. "Ich glaube nicht, dass es in meiner Schule einen Jungen gibt, der seine ersten sexuellen Erfahrungen nicht mit einem jungen Mädel gemacht hat", sagt ein*e andere*r. Ausgehend von diesen Gesprächen und durch verschiedene Schreibübungen entwickelten sie gemeinsam Texte über ihre Erfahrungen in Bezug auf ihre sexuelle Identität und ihren Körper.

Der eigene Körper war hierbei ein besonders wichtiges Element, das sie versuchten zu ergründen. Hierfür waren ihnen Bilder von Familienfotoalben und die Zeichnungen des peruanischen Künstlers Christian Bendayán genauso von Hilfe wie all die Tänze, Spiele, Gangarten und Posen, die jede*r von ihnen im eigenen Körpergedächtnis eingebrannt hat. Ausgehend von diesem Material entwickelten sie eine Choreografie, die dieses mit den Bewegungen und Gesten der „Toada“ verknüpft, einem Tanz, der in ihrer Jugendzeit sehr beliebt war. Die unter dem Text liegenden Materialien sind somit keine fertigen Szenen eines abgeschlossenen Theaterstücks oder einer Performance, es sind vielmehr die Ergebnisse verschiedener künstlerische Experimente, die im Rahmen des PDE-Programms entstanden.

Aufgrund der Corona-Pandemie und der obligatorischen Quarantäne in Lima wurde der Schaffensprozess von EL MEJOR LUGAR vollständig unterbrochen. Der Ausnahmezustand sowie die damit einhergehende politische und wirtschaftliche Krise in Peru haben Claudia Tangoa sowie die überwiegende Mehrheit ihrer Theaterkolleg*innen dazu gezwungen, sich ganz auf ihre familiäre und finanzielle Verantwortung zu konzentrieren, so dass das Projekt auf unbestimmte Zeit ausgesetzt werden musste und sich aktuell noch im Prozess befindet.
 


EINDRÜCKE UND WEITERE INFOS

 
© Claudia Tangoa
 

© Claudia Tangoa

Top