Die Achse Chile-Deutschland in der Technokultur Surfing on a Rave

Nach dem Ende der Diktatur in Chile sehnte sich eine ganze Generation nach einer neuen Identität, die in der aufkeimenden Technoszene gesucht und gefunden wurde. Deutschland war dabei ein wesentlicher Motor – und der Austausch mit Chile begründete die ereignisreiche Geschichte der „conexión chilena“.

1994. Ganz Deutschland vibriert. Die 1990 wiedervereinigte Bundesrepublik wird zur Zeugin einer rhythmisch stampfenden Umbruchstimmung – Ost und West verschmelzen im gemeinsamen Rave-Tiegel. Die umstrittene „Spaßgesellschaft“ findet ihr neues Lebensgefühl in einem rabiaten Hedonismus und gibt vielen identitätssuchenden Mauerkindern ihre kulturpolitische Bewegung: „The message is Feierei und this is all about gude Laune, Leude!“, deklariert Techno-Urgestein Sven Väth. Was die Raver eint, ist die Idee von Frieden durch das Kollektivgefühl eines tranceartigen Tanzes und die Aussicht darauf, aus dem Brachliegenden etwas gänzlich Neues zu schaffen.

Am Anfang stand die Dunkelheit

Eine Idee, die bald auch Chile erobern sollte, das sich ebenfalls zu der Zeit mit einem Neubeginn konfrontiert sah. Nach langen Jahren staatlicher Zensur, konnte mit dem Ende der Diktatur der kulturelle Strom aus Übersee endlich wieder ungehindert fließen. Und 1994 markiert dabei in vielen Erzählungen die fast mythische Geburtsstunde einer elektronischen Szene made in Chile, bei der Deutschland eine wesentliche Rolle gespielt hat.

Der Legende nach begann alles mit einer Sonnenfinsternis am 3. November 1994. Als der Mond den Tag zur Nacht verdunkelte, waren Hunderte Raver aus aller Welt auf die Halbinsel Atacama nach Arica gepilgert, um das Ereignis mit einem Tanz im Freien zu zelebrieren. Die Idee dazu kam Partyveranstaltern aus Santiago und Frankfurt am Main, finanziell unterstützt wurden sie vom deutschen Kleiderfabrikanten Pash. Das Eclipse-Festival wurde offiziell zum ersten Rave Chiles.

Unter den geladenen DJs tummelte sich damals der noch recht unbekannte Deutsch-Chilene Ricardo Villalobos. Mittlerweile gilt er als einflussreiche Speerspitze der sogenannten „conexión chilena“ (dt. chilenische Verbindung), und ist von den Decks der wichtigsten Clubs der Welt nicht mehr wegzudenken.

Ein Pionier tanzt die Wege frei

1970 in Santiago geboren, verbrachte Villalobos dort drei Jahre, ehe er 1973 zusammen mit seiner Familie ins Exil in die Nähe von Darmstadt fliehen musste. In der Fremde boten die Klänge der Heimat den musikalischen Grundstein. Klänge, die nach wie vor subtil durch seine Beatkomplexe pulsieren. Der junge Villalobos zeigte sich begeistert davon, dass Percussion und Stimme allein ausreichen konnten, um eine Gruppe von Menschen die ganze Nacht hindurch euphorisch tanzen zu lassen. Der Weg zum Techno war nicht mehr weit.

Doch Villalobos zog es immer wieder zurück zu seinen chilenischen Wurzeln. Mit Mixtapes aus Deutschland im Gepäck reiste er in den Sommermonaten nach Santiago, wo er Anfang der 1990er Jahre viel Zeit mit lokalen Musikern der noch jungen Technoszene verbrachte. Darunter fanden sich Leute wie Luciano oder Adrian Schopf, die selbst entweder im europäischen Exil gelebt hatten oder Verwandte im Exil besaßen, und sich schon früh am Hybrid aus maschinellen und tropischen Rhythmen versuchten. Die Freundschaften wuchsen, die „conexión chilena“ war geboren.

First Floor in '94?

Adrian Schopfs ältere Schwester Chica Paula, die heute in Berlin lebt, gehört ebenfalls zu dieser ersten Generation der „conexión“. Allerdings verlebte Paula Schopf die prägende Teenagerzeit nach ihrer Exilerfahrung nicht in Deutschland, sondern in Chile. Weswegen sie weiß, dass 1994 keine Feuertaufe war: „Elektronische Musik gab's bei uns schon viel früher!“ Die Eclipse-Stimmung sei lediglich die Fortsetzung eines Lebensgefühls gewesen. Einer Bewegung, wenn auch einer sehr rudimentären, die schon 1986 un 1987 existiert hatte.Die Rückkehr nach Chile im Jahr 1979 hatte Schopfs Familie getrennt. Vater und Bruder Martin, der unter dem Pseudonym Dandy Jack auch erfolgreich als DJ arbeitet, blieben in Deutschland zurück. Paula aber wusste dies zu ihrem Vorteil zu nutzen und ließ sich, wie viele ihrer Altersgenossen, Mixtapes mit diesen zukunftsweisenden Klängen aus Europa zuschicken, die sonst über konventionelle Wege nicht das Land erreicht hätten. „Für uns war diese Musik Avantgarde und Rebellion“, erzählt Schopf, „aber es war andererseits, bedingt durch die Umstände, eher ein Zufluchtsort für die höheren, etwas gebildeteren Schichten. Kein Massenphänomen wie hier in Deutschland.“ Doch auch wenn jene Generation nach dem Ende der Diktatur zuerst drastisch einbrach – der Nährboden wurde hiermit gelegt.

Heute ist morgen schon gestern

Reihenweise zog es die chilenischen DJs und Produzenten dann zwischen 1994 und 2000 ins Epizentrum des Techno, Berlin, die sich inspiriert in die breitgefächerte Szene warfen.

Auch Andrés Bucci war einer dieser Vielen, dem seine Brüder Pier und Juan Pablo bald folgen sollten und die eine wichtige Rolle in der „conexión“ einnahmen. Pier Bucci begann seine Karriere mit dem einzigen auf deutsch-chilenischen Austausch spezialisierten Label, programmatisch benannt Ruta 5. Von Dandy Jack begründet, steht dem Label heute Schwester Chica Paula vor. Doch auch wenn die Clique der „conexión“ eng verknüpft ist, so wehrt sie sich dagegen als Kollektiv verstanden zu werden. Stilbrüchig jedoch sind sie alle.

Wie auch der im rheinländischen Exil aufgewachsene Matías Aguayo. Etwas abseits des Villalobos-Dunstkreises verzeichnete er große Erfolge mit dem bedeutenden Kölner Label Kompakt, bevor er später sein eigenes Label Cómeme gründete. Außerdem ist seit 2006 sein Name Synonym für die legendären Bumbumbox-Partys: Flashmobartige Spontanauftritte elektronischer Tanzmusik in den Straßen Lateinamerikas, die nicht selten von der Polizei aufgelöst wurden. Hierzu erklärte er in einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian: „Musik sagt viel mehr aus über die Konditionen, in denen sie entstanden ist, als über ihre Intentionen.“

In Chile sind House, Techno, Drum'n'Bass oder Goa-Trance mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und dennoch scheint es nach wie vor schwer, allein dadurch ein Leben zu bestreiten. Neue Gründe, neue Konditionen, wegen derer eine weitere Generation freiwillig ins Exil nach Deutschland zieht – und die spannende Geschichte der „conexión chilena“ weiterschreibt.