Nachwuchstheaterprojekt „ReJU-Plan“
das Nachwuchstheaterprojekt „ReJU-Plan“

Stückemarkt © Liu Yixuan

Die Welt befindet sich in stetem Wandel, und auch das Theater war nie ein Ort des Stillstands.

Ein Text, verfasst in einer fremden Sprache, entstanden in einem fernen Land – und doch sind die in ihm angelegten Geschichten, Konflikte und Gefühle unserem Leben oft näher, als es zunächst scheint. Die Übersetzung eines Theaterstücks ist mehr als ein einfacher sprachlicher Transfer: Sie gewährt Einblicke in eine andere Kultur und funktioniert als geistiger Dialog. Nie ging es dabei nur darum, etwas Neues auf die Bühne zu bringen. Was zählt, ist, über Theaterstücke eine neue Perspektive auf unsere Gegenwart zu gewinnen, und über deren Übersetzung subtile Wahrnehmungen und manchmal unbequeme Äußerungen über die Welt in den Diskursraum des Theaters zu bringen.

Der Projektname ReJU-Plan bringt diese Idee auf den Punkt:
„Re“ steht für Neubeginn und Wiederaufnahme, aber auch für Reflexion und die Aktivierung kreativer Energien.
„JU“ ist vieldeutig: Es steht für das Anliegen, fremdsprachige Theatertexte durch Übersetzung, kreative Bearbeitung und Re-Inszenierung im chinesischen Kontext neu zum Leben zu erwecken und zugleich eine Brücke zwischen europäischen und chinesischen Theaterschaffenden zu schlagen.

Gesucht werden junge chinesische Regisseur*innen und Theaterschaffende, die bereit sind, neues sprachliches Terrain zu erkunden und mit Kreativität und Feingefühl auf die gedankliche Schärfe und emotionale Tiefe der ausgewählten Texte zu reagieren. Damit können sie so Teil eines interkulturellen Dialogs zwischen Text und Bühne, Sprache und Wirklichkeit, Drama und Gesellschaft werden.

Für den „ReJU-Plan 2026“ werden drei herausragende Originalstücke junger Dramatiker*innen aus dem deutschsprachigen Raum ausgewählt und ins Chinesische übertragen. Im August 2026 finden dazu am Goethe-Institut China theaterbezogene Workshops rund um die Texte statt. Nach Abschluss der Workshops haben alle Teilnehmenden die Möglichkeit, ein Konzept für eine szenische Lesung einzureichen, um sich für das anschließende Förderprogramm zu bewerben.

Die ausgewählten Produktionen werden im November 2026 am Goethe-Institut China und im Dezember 2026 am Black Box Theater an der Universität Nanjing präsentiert.

Das Projekt ist eine Initiative des Goethe-Instituts China. Unterstützt wird es von Pro Helvetia Swiss Arts Council in Shanghai, der Department of Theatre, Film & Television der Universität Nanjing sowie der Abteilung für Kultur und Bildung des Generalkonsulats der Bundesrepublik Deutschland in Shanghai. 

DIE STÜCKE

VOR ALLER AUGEN
Autorin: Martina Clavadetscher

Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, die Dame mit dem Hermelin, Frauen auf weltberühmten Gemälden von Leonardo da Vinci, Vermeer, Rembrandt, Courbet, Schiele, Munch. Wir sehen ihre Körper, ihre Blicke, ihre Kleidung, gebannt oder verbannt in einen ewigen Augenblick.

Doch wer waren sie außerhalb dieses Moments? Martina Clavadetscher ist den Hinweisen ihrer Leben nachgegangen, lässt die Frauen erzählen und gibt ihnen so eine Stimme zurück.

„Ohne diese Frauen, gäbe es kein Staunen, kein Schauen – mehr noch, ohne diese Frauen wäre die Kunstgeschichte, so wie wir sie heute kennen, undenkbar. Diese Frauen waren immer auch Mitarbeiterinnen, Künstlerinnen, Unterstützerinnen, Auslöser, ein Spiegel der Zeit, Ikonen, Inspiration, Partnerinnen, Retterinnen.“ - Martina Clavadetscher

FRAU ADA DENKT UNERHÖRTES
Autorin: Martina Clavadetscher

Ada Lovelace, die Tochter von Lord Byron, ist eine der vielen Wissenschaftlerinnen, denen ein Leben und erst recht eine Karriere nach eigenen Wünschen und Vorstellungen durch gesellschaftliche Konventionen versagt blieb. Martina Clavadetscher widmet sich in "Frau Ada denkt Unerhörtes" dieser außergewöhnlichen Frau, die heute als erste Programmiererin der Welt gilt. Zugleich denkt sie Adas Leben und ihre Erfindungen mit der Sage der "Sennentuntschi", einer zum Leben erwachenden Puppe, zusammen.

Im ersten Teil des Stückes erleben wir Ada als fantasievolles und wissensdurstiges Kind, der Vater ist abwesend und die Mutter versucht mit strenger Hand, Adas Interesse an der Naturwissenschaft zu unterbinden und sie stattdessen auf den Heiratsmarkt vorzubereiten. Jahre später ist Ada dreifache Mutter und schwer krank. Im Fieberwahn lässt sie ihr Leben Revue passieren und entwickelt gleichzeitig die Vision einer Maschine, die alles bisher Erdachte in den Schatten stellt. Bevor sie ihre Ideen umsetzen kann, stirbt sie mit 36 Jahren. Der zweite Teil spielt auf einem Uni-Campus in der Gegenwart. Drei Forscher konstruieren einen menschenähnlichen Roboter. Das Wesen erwacht zum Leben, nennt sich Ada und entwickelt sich zum verbesserten Prototyp eines Menschen, der nur ein Ziel kennt: sich selbst und seine Umgebung immer weiter zu optimieren!

Asiawochen
Autor: Yannic Han Biao Federer

Das Theater als implodierender Diskursraum – so imaginiert es Yannic Han Biao Federer in ASIAWOCHEN. Vanessa ist obsessed mit den Geschichten hinter der Geschichte: dem Trauma hinter dem Schweigen des Vaters, dem Maß für die kollektive Schuld eines Lebens im Westen des 21. Jahrhunderts. Vanessa liest: Hannah Arendt, David van Reybrouck. Vanessa referiert: über den naziverseuchten BND und seine Rolle im Kampf gegen die Dekolonialisierung – und alle sind überfordert: Johannes, der um 3 Uhr nachts einfach nur schlafen will, ihr Betreuer im Referendariat, für den Geschichte längst die Form lehrprobentauglicher Häppchen angenommen hat, und das Theater, das als Medium dem Show don’t tell verplichtet ist. Aber Vanessa kann nicht anders. Alles hängt mit allem zusammen: der Kolonialismus mit dem Nationalsozialismus, der BND und Adenauers Angst vor einem mächtigen Asien mit dem Putsch gegen den ersten Präsidenten Indonesiens, die anschließenden Pogrome und Massenmorde.

„Das funktioniert so nicht!“ wendet sich eine verzweifelte Figur an den Autor selbst, der aber auch nicht helfen kann: Wie soll das Verdrängte, das Unbesprechbare konsumierbar gemacht werden?

Der Kolonialismus als Räume, Formate und Psychen überwältigendes System, für das Federer dennoch eine radikale, kühne, eine berstende Form findet. Postkolonialismus für das Theater des 21. Jahrhunderts. Für ASIAWOCHEN  erhielt Yannic Han Biao Federer beim Heidelberger Stückemarkt 2025 den Autor*innenpreis, den SWR Hörspielpreis sowie den vom Freundeskreis des Theaters und Orchesters Heidelberg gestifteten Publikumspreis. Der Text ist im Rahmen des Hans-Gratzer-Stipendiums am Schauspielhaus Wien entstanden.


DIE AUTOR*INNEN

Martina Clavadetscher
, studierte Germanistik, Linguistik und Philosophie. Seit 2009 arbeitet sie als Autorin und Dramatikerin. Für die Spielzeit 2013/2014 war sie Hausautorin am Luzerner Theater. Mit ihrem Theaterstück
„Umständliche Rettung“ gewann sie 2016 den Essener Autorenpreis und war im selben Jahr für den Heidelberger
Stückemarkt nominiert. Für ihren Roman „Knochenlieder“ erhielt sie 2016 den Preis der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung und wurde 2017 für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Ihr Stück „Frau Ada denkt Unerhörtes“ wurde im September 2019 am Schauspiel Leipzig uraufgeführt und sowohl zum Heidelberger Stückemarkt als auch an die Autorentheatertage Berlin 2020 eingeladen. Mit ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ gewann sie 2021 den Schweizer Buchpreis. 2025 erschien ihr neuster Roman „Die Schrecken der anderen“. Martina Clavadetscher lebt in der Schweiz.

Verleger: Felix Bloch Erben


Yannic Han Biao Federer lebt und arbeitet als freier Autor in Köln, er wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln 2017, dem Preis der Wuppertaler Literatur Biennale 2018 und dem 3sat-Preis 2019 im Rahmen der 43. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Mit dem Roman „Und alles wie aus Pappmaché“ debütierte er 2019 im Suhrkamp Verlag, ebenda erschien 2022 sein zweiter Roman „Tao“, der mit dem Bayern 2-Wortspiele-Literaturpreis prämiert wurde; im gleichen Jahr wurde ihm der Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler der nordrhein-westfälischen Landesregierung zugesprochen. Für den Deutschlandfunk Büchermarkt schreibt er Rezensionen, für den WDR- und SWR-Hörfunk Radio-Essays. Er ist Mitglied des PEN Berlin sowie des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. 2023 wurde sein Theaterstück DRIVE IN in für den Retzhofer Dramapreis nominiert und von der Jury lobend erwähnt, im gleichen Jahr wurde er Teilnehmer von FORUM Text in Graz.

Verleger: schaefersphilippen
 

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