Dienstag, 26.05.2026 | 19:00 Uhr

Öffentlicher Raum und deliberative Demokratie

Gespräch|Im Gespräch mit Máriam Martínez-Bascuñán, Javier Peña Ibáñez, Juan Carlos Velasco und Fernando Vallespín

  • Goethe-Institut Madrid, Madrid

  • Sprache Spanisch
  • Preis Eintritt frei - mit Anmeldung auf Eventbrite
  • Teil der Reihe: Im Gespräch bleiben

Jürgen Habermas © Foto: Wolfram Huke / CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Jürgen Habermas © Foto: Wolfram Huke / CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Für Jürgen Habermas erschöpft sich Demokratie nicht im Wahlakt, sondern hängt von der Existenz eines lebendigen öffentlichen Raums ab, in dem Bürgerinnen und Bürger sich durch Dialog eine eigene Meinung bilden können. In Strukturwandel der Öffentlichkeit zeigte er, wie ein solcher Raum entsteht, wenn Menschen als Gleiche über gemeinsame Angelegenheiten deliberieren – ohne Zwang und ohne Privilegien.
Heute wissen wir jedoch, dass diese „gemeinsame Welt“, auf die der öffentliche Raum verweist, nicht selbstverständlich gegeben ist. Wie Mariam Bascuñán in El fin del mundo común darlegt, leben wir in einem Kontext, in dem gemeinsame Sinnhorizonte zerfallen, was bereits die Möglichkeit erschwert, uns überhaupt als Gesprächspartner in einem gemeinsamen Diskussionsraum zu erkennen. Die Frage lautet daher nicht mehr nur, wie wir deliberieren, sondern ob wir noch eine gemeinsame Welt teilen, von der aus dies möglich ist.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die Stadt und ihre Räume besondere Bedeutung. Architektur und Stadtplanung sind nicht neutral: Sie schaffen Möglichkeiten der Begegnung, aber auch Formen des Ausschlusses. Initiativen wie das Festival Concéntrico in Logroño machen diese materielle Dimension des Gemeinsamen erfahrbar, indem sie durch temporäre Interventionen den urbanen Raum neu beleben, alternative Nutzungsformen erproben und neue Begegnungen zwischen Unbekannten ermöglichen.
Aus einer anderen Perspektive betont Juan Carlos Velasco, dass demokratische Legitimität nicht von tatsächlichen Bedingungen der Inklusion und Gerechtigkeit getrennt werden kann. Das Ideal des Dialogs allein reicht nicht aus – vielmehr muss gefragt werden, wer tatsächlich teilnehmen kann, unter welchen Bedingungen und mit welchen Ausgangsungleichheiten. In diesem Sinne ist deliberative Demokratie nur dann tragfähig, wenn der öffentliche Raum – auch der städtische – zugänglich und gerecht gestaltet ist.
Habermas formulierte dies prägnant in Faktizität und Geltung: Normen und Entscheidungen sind nur dann gültig, wenn sie die Zustimmung aller Betroffenen finden können. Wie er schreibt: „Geltung können nur jene Normen beanspruchen, die die Zustimmung aller Betroffenen als Teilnehmer an rationalen Diskursen finden – oder finden könnten.“
Gerade dieses „könnten“ ist entscheidend: Es verweist auf eine Möglichkeit, die heute durch soziale Ungleichheiten, kulturelle Fragmentierung und technologische Veränderungen geprägt ist. Hier treffen Philosophie, Sozialanalyse und architektonische Praxis aufeinander – in dem gemeinsamen Anliegen, Räume zu schaffen, in denen diese gemeinsame Welt nicht nur vorausgesetzt wird, sondern neu erprobt werden kann.
Deliberative Demokratie ist damit ein anspruchsvolles Projekt: Sie setzt auf Sprache, Argument und Inklusion, ist jedoch zugleich auf die materiellen Bedingungen angewiesen, die all dies ermöglichen. Ohne einen kritischen öffentlichen Raum – und ohne eine gemeinsame Welt, die ihn trägt – läuft die Demokratie Gefahr, sich von innen heraus zu entleeren.

Unsere Gäste

  • Professorin für Politikwissenschaft an der Universidad Autónoma de Madrid, Expertin für politische Theorie und feministische Philosophie. Sie schloss ihr Studium der Politikwissenschaft und Rechtswissenschaften am Institut d'Études Politiques in Paris ab und war Gastwissenschaftlerin an der Universität Chicago sowie an der Columbia University in New York. Sie ist Autorin der Bücher „Género, emancipación y diferencias“ (Plaza & Valdés, 2012, dt. Gender, Emanzipation und Unterschiede) und „El fin del mundo común. Hannah Arendt y la posverdad“ (Taurus, 2025 dt. Das Ende der gemeinsamen Welt. Hannah Arendt und das postfaktische Zeitalter), Mitautorin, zusammen mit Fernando Vallespín, von „Populismos“ (Alianza Editorial, 2017), und hat wissenschaftliche Artikel und Buchkapitel zur politischen Theorie in spanischen und ausländischen Zeitschriften veröffentlicht. Im Juni 2018 wurde sie zur Meinungschefin der spanischen Tageszeitung El País ernannt, eine Position, die sie bis 2020 innehatte. Derzeit ist sie Kolumnistin und Mitarbeiterin derselben Zeitung und gehört deren Redaktionskomitee an.

  • Architekt, Kurator und Dozent. Er ist Gründer und Leiter von Concéntrico, einem Projekt, das neue Formen der Beziehung zwischen Architektur, Design und öffentlichem Raum erforscht. Zudem ist er künstlerischer Leiter von TAC!, einer Initiative des spanischen Ministeriums für Wohnungswesen und Stadtentwicklung und der Arquia-Stiftung, die in Städten wie Granada, Valencia, San Sebastián oder Vigo stattfindet, sowie Kurator des Programms „Public Design Commissions“ der Design Doha Biennale 2026.
    Er ist Mitherausgeber des Buches „Concéntrico: Urban Innovation Laboratory“, erschienen bei Park Books. Seine Arbeit konzentriert sich auf Architektur und Kulturinnovation, mit besonderem Augenmerk auf temporäres Design als Instrument zur Transformation des öffentlichen Raums. 

  • Er promovierte 1993 in Philosophie an der Universidad Autónoma de Madrid und hat Abschlüsse in Menschenrecht sowie in Politikwissenschaft und Verfassungsrecht. Den Großteil seiner wissenschaftlichen Laufbahn verbrachte er am spanischen Forschungsrat (CSIC), wo er seit 2002 tätig ist und seit 2021 als Forschungsprofessor arbeitet. Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem nach Frankfurt und Tübingen.
    Seine Arbeit konzentriert sich auf politische Philosophie, insbesondere auf die Kritik am „methodologischen Nationalismus“ und die Herausforderungen pluraler Gesellschaften. Schwerpunkte sind Fragen von Multikulturalität, Migration und globaler Gerechtigkeit. Dabei untersucht er, wie nationale Migrationspolitiken mit Menschenrechten vereinbart werden können und wie sich staatliche Grenzen im Kontext globaler Herausforderungen neu denken lassen.

  • Professor für Politikwissenschaft der Universidad Autónoma de Madrid, Mitglied der Real Academia de Ciencias Morales y Políticas, Mitglied des Beirats der Fundación Ortega-Marañón und Direktor der Revista de Occidente. Er war Gastprofessor an den Universitäten von Harvard, Frankfurt und Heidelberg, Veracruz und Malaysia. Als Autor hat er mehr als ein Dutzend Bücher und hundert wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Er war Präsident des Centro de Investigaciones Sociológicas und Direktor des Instituto Universitario de Investigación Ortega y Gasset. Er ist darüber hinaus auch Kolumnist in verschiedenen Medien wie El País. Sein letztes Buch ist „La sociedad de la intolerancia“ [dt. Die Gesellschaft der Intoleranz] (Galaxia Gutenberg, 2021).

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