Jens-Christian Rabe Für interessantere Kritik

Jens-Christian Rabe: Kritik der Kritik
Foto: Stephanie Füssenich

Jens-Christian Rabe, Literatur- und Popkritiker der Süddeutschen Zeitung, hielt in Tampere einen Vortrag und fordert vielfältigere und intelligentere Kritik.

Langweiliges Klammern an Tatsachen und festsitzende rechthaberische Einstellungen. Dies waren die schlimmsten Beispiele, die der zwanzigjährige Jens-Christian Rabe erlebte, als er sein Studium an der Münchner Journalistenschule begann. Alles änderte sich jedoch, als sich ihm die Welt der Kunstkritik öffnete.

Derzeit arbeitet Rabe in der Kulturredaktion der  Süddeutschen Zeitung. Ursprünglich studierte er Philosophie, Sozialwissenschaften und Literatur, hatte aber bald das Gefühl, dass sein Studium zu nichts führen würde. Da empfahl ihm ein Familienfreund eine angesehene Journalistenschule.

Rabe wurde in diese Schule aufgenommen, deren Studienprogramm praxisnahe journalistische Arbeit in verschiedenen Medien beinhaltete. Die Dozenten waren renommierte Journalisten. Einer von ihnen, Claudius Seidl, machte großen Eindruck auf Rabe und öffnete ihm die Türen zur Welt des Schreibens über Kultur.

"Argumentieren, hochwertiges Schreiben und intelligentes Denken waren für ihn richtungweisend. Ich habe gelernt, dass es im Journalismus nicht darum geht, Recht zu haben, sondern darum, so zu schreiben, dass es zum Nachdenken anregt. Er gab Anstöße zur eigenen Kreativität."
 
Seit 2007 arbeitet Rabe bei der Süddeutschen Zeitung, welche sechs Mal in der Woche erscheint. Der Feuilleton, das Kulturressort der Zeitung, umfasst eine vielseitige Palette von Artikeln, welche von ca. zwanzig Autoren und Autorinnen verfasst werden. Jens-Christian Rabes Bereiche sind Literatur und Popmusik.
 
Anfang Mai besuchte Rabe Tampere auf Einladung des Goethe-Instituts Finnland. Die Veranstaltung dort war ein Teil der globalen Diskussionsreihe Kritikmaschine. Kritiker genannt zu werden ist Rabe aber etwas peinlich.
 
"Ich habe ein eher praktisches Verhältnis zu meiner Arbeit. Ich bin Journalist, ein Autor", sagt Rabe und nennt die Süddeutsche Zeitung „Autorenzeitung“, eine Zeitschrift, die von Schriftsteller-Autoren produziert wird.

"Bei der Kritik geht es einfach darum, dass man Visionen hat, dass man auf eine interessante Weise darüber schreibt, was man erlebt hat. Die Kritik kann sehr vielfältig sein und in einer Vielzahl von Formaten veröffentlich werden."

Das bringt uns auf ein Dauerthema der heutigen Kritikdebatte: Wie sieht die Zukunft der Kritik aus?
 

Experimentieren und neue Formen finden

Jens-Christian Rabe hat starkes Vertrauen in den schriftlichen Ausdruck. Allerdings weist er darauf hin, dass Kritik nie nur mit der schriftlichen Form verbunden war. Charakteristisch für die Zukunft der Kritik ist die Vielfalt von Formen. Er glaubt, dass die Rolle des Texts weiterhin wichtig bleiben wird.
Für die Zeitung schreibt Rabe traditionelle Kritiken, aber ist derzeit von den Möglichkeiten der Videokritik sehr begeistert.

"Ich habe großes Interesse für Youtube-Kanäle wie z.B. Nerdwriter. Das ist Internet-Essaystik!", ruft er aus. Rabe malt ein Bild von Internet-Skeptikern der alten Generation, die nur darauf zu warten scheinen, dass die Internet-Besessenheit endlich vorbei ist.

"Den Skeptikern müsste man einmal klar machen, dass man im Internet auch intelligente Dinge tun kann: es gibt dort eine jede Menge von Inhalten, die Spaß machen, kritisch, harsch oder eigenständig sind. Etwas, das nie dumm und langweilig ist. Man denkt oft, dass intelligente Dinge langweilig sind, und wenn etwas nicht langweilig ist, dann ist es auf jeden Fall albern. Das wird sich in der Zukunft ändern."

Rabe erzählt, dass bei der Süddeutschen Zeitung zum Beispiel auf dem Gebiet der Filmkritik bereits Videojournalismus praktiziert wird. Diese Art von Tätigkeit stecke aber noch in den Kinderschuhen und es sei schwer, Publikum dafür zu finden.

"In den sozialen Medien herrscht ein heilloser Wettlauf um Klicks. Das Internet ist ein Bild- und Videomedium, das es dem Text nicht einfach macht. Aber im Internet gibt es sehr viele unterschiedliche Inhalte, und am wichtigsten ist die Frage, wie man die verschiedenen Formate verwendet."

Rabe würde sich z.B. gern die verschiedenen Ausdrucksformen des Videos zu eigen machen. Für den Vater von drei Kindern mit einem Vollzeitjob bei der Zeitung bleibt aber wenig Zeit für das Aneignen neuer Technologien. Aber dass man sich mit Ihnen vertraut macht, hält er für wesentlich: Qualität kann nur durchs Experimentieren und ausreichende Praxis erreicht werden. Es sei wichtig, dass man eine gewisse Empfindlichkeit für Erneuerungen bewahrt und verschiedene Kanäle vielseitig benutzt; man sollte sich bemühen, die Menschen zu erreichen, die keine Zeitungen mehr lesen, so Rabe.

"Wir Journalisten sind keine Künstler, sondern müssen uns dafür interessieren, was die Öffentlichkeit denkt. Wir müssen darüber nachdenken, warum die Leute keine Zeitungen mehr lesen und was man dagegen tun könnte. Für ehrgeizige Inhalte gibt es ständig Bedarf, das ist klar", sagt Rabe.

"Zeitungen sind nicht tot, auch die gedruckten Bücher nicht, trotz der Lesegeräte. Lange Texte und das Schreiben von Kulturkritiken finden immer noch ihren Platz. Der Journalismus muss sich nur stets verbessern. Im Vergleich zum Internet erscheinen die Zeitungen mit ihren Praktiken oft hoffnungslos altmodisch. Viele von ihnen versuchen durch Miteinbeziehung der sozialen Medien zu modernisieren, aber in sozialen Medien gibt es keine einfachen Lösungen."

Für problematisch hält Rabe zum Beispiel, dass die Inhalte direkt auf Facebook zu lesen und betrachten sind, und dem Format der Plattform untergeordnet sind.

Das Grundwesen der Kritik ist eine Krise.
 

Im Mittelpunkt soll die Kunst stehen


Dass die Journalisten immer mehr mit sozialen Medien arbeiten, gefällt Rabe nicht. In den sozialen Medien sind die Menschen wie Spielfiguren, die gezwungen sind, sich ständig nach vorne zu bringen. Aus dem gleichen Grund missbilligt er den journalistischen Trend, bei dem Interviews und Reportagen Kritik ersetzen.

"Ein unangenehmer oder langweiliger Mensch kann große Bücher schreiben, während ein charismatischer Typ ein sehr schlechter Schriftsteller sein kann. Durch Personenportraits kann man manche Künstler nicht unbedingt vorstellen, das funktioniert nur mit den charismatischen Typen. Es gibt aber immer wieder Leute, die vorlaut meinen, dass die Interviews den lebendigen Kulturjournalismus der Zukunft darstellen — das ist gefährlich. Die Kritik ist oft selbst schuld, wenn sie langweilig erscheint."

Der Fokus sollte auf der Kunst selbst liegen, das sollte der Kerngedanke der Kritik sein. Und für diese Art von Kritik gibt es in den deutschen Medien weiterhin sehr gute Voraussetzungen. Die großen, traditionellen Zeitungen wie z.B. Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlichen in ihren Feuilletons qualitativ hochwertige Kritiken, über auf die Jens-Christian Rabe froh ist.

Die Presse in Deutschland ist weiterhin umfangreich und sehr vielfältig, und auch in den Lokalzeitungen werden Kritiken veröffentlicht, obgleich in kleinerem Rahmen. Die Feuilletonkritiken wiederum sind oft recht ausgiebig. Ihre stattliche Länge können die finnischen Kritiker nur neidisch machen.

"Eine gute Kritik ist ein Essay. Eine kurze Werkbeschreibung und „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“ ist keine Kritik, so etwas braucht niemand", fasst Rabe zusammen.

Doch auch in Deutschland, im gelobten Land der Literatur und der Philosophie, singen die Kritiker das wohl bekannte Lied über die Krise der Kritik. Dazu hat Rabe jedoch eine positive Einstellung.

"Krise ist eine Grundeigenschaft der Kritik. Es wäre problematisch, wenn die Kritik nicht in einer Krise steckte, denn es ist die Aufgabe der Kritik zu spüren, wie die Lage ist, um etwas verbessern zu können. Ein eitler Kulturkritiker ist unecht und langweilig. Die Kritik wird nur besser, wenn sie ständig ihr eigenes Wesen in Frage stellt." 
 

Kritik ist eine Kunst der Kunst

Eigentlich ist die aktuelle Krise mit der Veränderung der Konsumgewohnheiten verbunden, was überall in den Medien zu spüren ist.

"Mit dem Internet sind die Verbraucher zu Benutzern geworden. Der Verbraucher zahlt zuerst für das Produkt, der Benutzer aber erst, wenn er davon überzeugt ist, dass er sich nicht langweilen wird. Das ist ein harter Brocken! Eine gewaltige Vermarktungsmaschinerie ist dafür da, Benutzer anzulocken."

Nach Rabe kann man den digitalen Kulturumbruch als positive Herausforderung verstehen. Viele haben jedoch eine pessimistische Einstellung: das Internet ist eine Plage, alles wird zur Unterhaltung, die Autoren müssen Unsinn produzieren usw.

"Dieser Blickwinkel ist falsch. Man soll die Leser nicht für dümmer halten als sich selbst."

Was ist denn gute und interessante Kritik? Nach Rabe sollte man einfach sehr gute Texte schreiben.

"Der Kritiker hat eine Doppelrolle: zuerst muss er sich vom Kulturprodukt, über das er schreiben soll, eine Vorstellung machen, und sich dann darüber Gedanken machen, wie man am besten darüber schreibt, damit die Kritik selbst zum Kulturprodukt wird. Kritik ist eine Kunst der Kunst und erfordert eine ganz spezielle Art von Virtuosität."

Gute Kritik ist alles Andere als Sterne zu verteilen oder den Daumen hoch zu zeigen. Das Fällen von Urteilen bedeutet gerade dieses rechthaberische Einklammern, das Rabe schon während seiner Studienzeit missfiel.

"Die sozialen Medien sind voll von Missachtung und Kritik; eine Kritik muss etwas anderes hergeben. Und wenn jetzt jeder Kritiker sein kann, muss ein Berufskritiker mit seinen Gedanken und seinem Schreiben über eine bloße Meinungsäußerung hinausgehen."

Rabe erinnert daran, dass es Meinungen zur Genüge gibt; gute Begründungen wiederum aber sind selten, intelligente Ideen noch seltener.

"Im Grunde geht es darum, dass man nicht nur beschreibt, was man mit einem Konzert, CD, Buch erlebt hat, sondern ein Kunstwerk auf interessante Weise, als ein Produkt unserer Zeit, interpretiert. Was war dabei beispielhaft gut oder schlecht? Hat der Künstler/ die Künstlerin etwas Neues hervorgebracht?  Was kann man von diesem Kunstwerk lernen?
Der Kritiker soll sich darauf konzentrieren, was an der Kunst am interessantesten ist, sich die Mühe machen, neue Perspektiven hervorzubringen. Dann sollte er es den Menschen deutlich erklären: nicht mit einem Jargon, sondern gut formuliert."

 

Raus aus dem Vakuum

Bei der Veranstaltung des Goethe-Instituts am 4.5.2017 an der Universität Tampere hat Jens-Christian Rabe zum Thema ”Kritik der Kritik” einen Vortrag gehalten. Es handelt sich um einen selbstreflektiven Prozess: Worum geht es eigentlich, wenn man eine Kritik schreibt? Rabe interessiert sich vor allem für die gesellschaftliche Verantwortung der Kritik.

"Im Zuge des Internets haben sich die Autoritäten aufgelöst, obwohl man die Kritiker auch früher nicht besonders gern gehabt hat. Eine Autorität darzustellen funktioniert nicht mehr. Man muss aus diesem Vakuum heraus."

Kritik kann man nicht nur als eine Textsorte, sondern auch als eine gesellschaftliche Praxis sehen, als einen Versuch, die soziale Wirklichkeit zu verstehen.

"Wenn die Kritik sich von der Wirklichkeit entfernt, hat sie keine Resonanzfläche mehr. Das stellt ein Risiko dar. Man sollte die Fragmentierung der Gesellschaft verhindern und versuchen, die Menschenmassen einander näher zu bringen", so Rabe.

Er ist der Meinung, dass man die Probleme der heutigen Gesellschaft lösen kann, indem man einfach das Problem analysiert und auf eine Lösung hinweist. Eine Kritik kann auch nicht einfach Wahrheiten verkünden, sondern ihr muss eine Denkarbeit und Infragestellung vorausgehen. Das ist ein dialektischer Prozess.

"Ein Kritiker kann eine einsame Gestalt sein und soll es auch, aber seine Texte müssen der Gemeinschaft gehören." 
 

Jens-Christian Rabe: Kritik der Kritik Foto: Stephanie Füssenich JENS-CHRISTIAN RABE
  • geboren 1977 in Erlangen, Bayern
  • Studium der Komparatistik, Sozialwissenschaften, Soziologie, Philosophie und des Journalismus in München
  • Kritiker der Süddeutschen Zeitung, Spezialgebiete Literatur und Popmusik
  • Bücher: Über den zeitgenössischen Hipster (Gegenwärtigkeit als Phantasma, 2012) und über Slavoj Žižek (Philosophie als Telesport, 2011)