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Päivi Heikkilä-Halttunen
Krieg ist auch für Kinder von heute kein Märchen

Eine Illustration aus dem Buch "Oravien sota": Eichhörnchen sind im Krieg
Oravien sota © Tammi ja Martin Baltscheit

Manchmal entsteht ein Kinderbuch auf Bestellung, weil jemand Außenstehendes ein offenes Thema erkannt hat. Das Bilderbuch „Oravien sota" (dt. Der Krieg der Eichhörnchen) von Riina Katajavuori aus Finnland und Martin Baltscheit aus Deutschland geht auf eine Initiative des Goethe-Instituts Finnland zurück. Es handelt vom finnischen Bürgerkrieg, kann aber auch allgemein als Stellungnahme für ein friedliches Miteinander gelesen werden.

Von Päivi Heikkilä-Halttunen

Die Eichhörnchenbrüder Valtteri und Pekka wohnen auf Nachbarbäumen. Auf dem Baum von Valtteri, dem großen Bruder, gibt es jede Menge Zapfen, aber auf dem Baum des kleinen Bruders fällt die Ernte viel schlechter aus. Als ein harter Winter anbricht, lebt Valtteri in Saus und Braus, während Pekka die Nahrung ausgeht. Zwischen den Brüdern entbrennt ein erbitterter Streit. Dabei erhält der große Bruder Unterstützung vom Wolf und der kleine Bruder vom Bären.

Martin Baltscheit ist in Deutschland außer für seine Kinder- und Jugendbücher auch als Schauspieler, Regisseur und Comiczeichner bekannt.
Ein historisches Thema in einem Kinderbuch zu behandeln, war auch für ihn neu.

„Ich finde es wichtig, dass dieses Kinderbuch Finnen und Deutschen die Möglichkeit eröffnet, etwas über die einhundert Jahre zurückliegenden Kämpfe ihrer Vorfahren während des finnischen Bürgerkriegs zu erfahren.“

In dieser finnisch-deutschen Zusammenarbeit sieht er auch den Beweis, dass spätere Generationen zusammen Kunst machen und so ihren Teil dazu beitragen können, dass sich ähnliche grausame Ereignisse in Zukunft nicht wiederholen.
 

Bruder gegen Bruder

Riina Katajavuori fuhr gerade mit der Straßenbahn durch den Helsinkier Stadtteil Töölö, als sie die Nachricht des Goethe-Instituts las, und erinnert sich, dass sie erst einmal ungläubig gelacht hat:

„Was für ein Auftrag! Ich hatte das Gefühl, um etwas gebeten zu werden, für das ich erst noch ein bisschen wachsen musste.“

Katajavuori hat sich schon immer für Kriegsgeschichte interessiert und fuhr sogar als Kriegstouristin nach Frankreich, um sich die berühmte Küste der Landung in der Normandie anzusehen. In Kroatien schockierten sie die Mahnmäler für die Gefallenen, unter denen viele im gleichen Alter gewesen waren wie sie.

„Ich wusste sofort, dass dieses Buch viel Recherche erfordern würde. Das Thema war nicht einfach und ich fühlte mich darin zunächst nicht zu Hause. Außerdem war mir bewusst, dass der Bürgerkrieg bei den Finn:innen immer noch viele Gefühle weckt."

Der Arbeitstitel des Bilderbuches war zunächst Der Brüderkrieg der Eichhörnchen, aber letztendlich ist der vordere Wortteil weggefallen.

„Ich erinnere mich daran, dass meine Großmutter, wenn sie vom Bürgerkrieg sprach, das Wort Bruder benutzte: „Bruger gegen Bruder", betonte sie bedeutsam, als wäre es ein schreckliches Geheimnis, und sah mich dabei seltsam fassungslos an. Zunächst verstand ich nicht, dass sie ein Sprachbild benutzte, bis sie erschüttert hinzufügte: „Finnen gegen Finnen!"

Anfangs erschien es logisch, von einem Bruderkrieg zu sprechen, waren doch die gegeneinander kämpfenden Hauptfiguren des Bilderbuches auch Brüder. Zumindest klang Bruderkrieg in den Ohren von Autorin und Illustrator weniger politisch gefärbt als zum Beispiel Freiheitskrieg (fi. vapaussota), Roter Aufruhr (fi. punakapina), Aufstand (fi. kapina), Bürgerkrieg (fi. kansalaissota) oder Klassenkampf (fi. luokkasota). Das Manuskript wurde zwei finnischen Historikern geschickt, Tuomas Tepora und Marko Tikka. Tikka fand den Begriff Bruderkrieg schon deshalb irreführend, weil am Binnenkrieg (fi. sisällissota) auch Frauen beteiligt waren.
 
  • Riina Katajavuori Riina Katajavuori © Tammi
  • Martin Baltscheit Martin Baltscheit © Tammi

Farbe ist wie ein Kleid

Der Krieg der Eichhörnchen ist dank der von kräftigen Rot- und Schwarztönen beherrschten Farbgebung Martin Baltscheits optisch außergewöhnlich eindrucksvoll:

„Farbe ist wie ein Kleid, mit der wir uns schmücken oder tarnen oder trauern. Die kräftigen Farben für dieses Buch habe ich in der Ausstellung Tampere 1918 im Museumszentrum Vapriikki in Tampere entdeckt, die ich mir gemeinsam mit Riina angesehen habe. Es ist eine intensive und klug kuratierte Ausstellung. Bilder, Filme, Fahnen, Waffen und Töne der Ausstellung haben das Buch inspiriert und mitgezeichnet."

Für die beiden Buchschaffenden war von Anfang an klar, dass ihr Buch sich nicht nur auf den finnischen Bürgerkrieg fokussieren, sondern das Thema auf eine allgemeinere Ebene heben wollte.

Für Martin als Illustrator war es zudem wichtig, das historische Thema zu einer allgemeingültigen Darstellung einer sich immer aufs Neue wiederholenden Tragödie zu erweitern, die Krieg und unversöhnliche Meinungen mit sich bringen:

„Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass in uns allen der Samen des Bösen schlummert. Wir alle können böse sein, wenn es die Umstände fordern: wir können vermessen sein, Neid fühlen, religiösem Wahnsinn verfallen oder an Verschwörungstheorien glauben. Selbst die fanatische Unterstützung eines Fußballvereins kann uns auf falsche Bahnen lenken."

„Wer von sich selbst weiß, wozu er im Stande ist, hält vielleicht inne und denkt nach, bevor er seinen Bruder, Nachbarn oder Feind tötet. Bilderbücher sind im besten Sinn bildende Bücher. Was uns in Gestalt einer einfachen Fabel entgegenkommt, trägt die Kraft großer Zusammenhänge in sich: Eine Beziehung zwischen Geschwistern, Eheleuten, Liebenden, der Familie und der Gesellschaft kann nur im Ausgleich friedlich sein, in der Balance unterschiedlicher Interessen. Wer den anderen übervorteilt, sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.“
 

Eine Eule sieht weiter

Etliche Knoten platzten, als Martin Baltscheit die Idee hatte, die Geschichte in Form einer Fabel zu erzählen. Das Format Fabel entband Katajavuori von der Schwierigkeit, die Ereignisse in einem wiedererkennbaren Milieu platzieren zu müssen:

„Es fiel mir leichter, mich diesem beklemmenden Thema zu nähern, als ich nicht mehr jede historische Wendung exakt beachten musste und die den Krieg beeinflussenden äußeren Mächte (Sowjetrussland und Deutschland) als Tiere darstellen konnte. Über den Bären und den Wolf gelang es mir auch, den Krieg der Eichhörnchen in einen größeren Zusammenhang zu bringen. Finnlands Bürgerkrieg war ja Teil des ersten Weltkrieges, das wird häufig vergessen. Die Flammen des Weltenbrandes züngelten auch in Finnland."

Die Eule ist für Riina Katajavuori eine extrem wichtige Nebenfigur:

„Die Illustration, als die Wogen des Krieges ein wenig abgeebbt sind und Valtteri Pekka vorschlägt, die Essensvorräte aufzuteilen, war zuerst ganz anders. Anfangs waren hier nur die Brüder dargestellt, aber ich fand, es fehle etwas. Ich wollte die Versöhnung nicht nur als eine bruderinterne Lösung oder als ein Zugeständnis von Valtteri verstanden wissen. Als Symbol der Versöhnung bedurfte es einer größeren Macht, einer Eule, die die Dinge aus einer weiteren Perspektive überschaute."

„Ich bat Martin, dem Bild eine Eule hinzuzufügen, die am Fenster wacht, dass in Zukunft gerecht und einvernehmlich gehandelt wird. In meinen Augen stand die Eule für Demokratie, für ein gewähltes Entscheidungsgremium, eine übergeordnete Leitung, ohne die das Land (der Wald der Eichhörnchen) leicht im Chaos versinken konnte."

Katajavuori hat als Kind die Fabeln von Äsop und Iwan Andrejewitsch Krylow gelesen:

„In den von Kaija Pakkanen ins Finnische übertragenen Aesopischen Fabeln waren die komprimierten Lebensweisheiten am Ende der Tiermärchen kursiv gedruckt. Sie wurden mir zu wichtigen Lebensmaximen und vielen bin ich bis ins Erwachsenenalter treu geblieben.“

Eine Illustration: zwei Eichhörnchen sitzen auf einen Ast und reden Oravien sota © Tammi ja Martin Baltscheit

Krieg bewegt auch in Finnland viele

Katajavuori empfiehlt, dass Erwachsene und Kinder Der Krieg der Eichhörnchen gemeinsam lesen. Als sie mit der Illustratorin Salla Savolainen an dem Bilder-Sachbuch Mennään jo naapuriin (Tammi 2017, dt. Lass uns zu den Nachbarn gehen) zum Jubiläumsjahr der finnischen Unabhängigkeit 2017 arbeitete, sind ihnen viele Kinder begegnet, die aus verschiedenen Ländern und unter den unterschiedlichsten Umständen nach Finnland gekommen waren.

„Für einige von ihnen war Krieg keine historische Vergangenheit, sondern etwas, dass ihre Großväter direkt betraf. Auch wenn unser eigener Bürgerkrieg schon mehr als einhundert Jahre zurückliegt und seit dem Zweiten Weltkrieg bereits über 70 Jahre vergangen sind, so leben auch im Finnland von heute noch zahlreiche Menschen, für die Krieg nichts Fernes ist. Martin und ich wünschen uns, dass Der Krieg der Eichhörnchen dazu beiträgt, nicht nur die finnische Geschichte besser zu verstehen, sondern sich auch in das Schicksal von Menschen hineinversetzen zu können, die von aktuell auf der Erde tobenden Kriegen betroffen sind und vor Krieg und Ungewissheit fliehen mussten. Für uns alle wäre es gut, nicht zu vergessen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Gut, dessen Stützen bewahrt und geschätzt werden müssen."

„Das Buch kann einfach nur als Tiermärchen gelesen werden oder auch als Buch über einen aus dem Ruder gelaufenen Streit. Alter und Neugier der Zuhörer:innen entscheiden über Inhalt und Tiefe der Diskussion. Deshalb ist es wichtig, dass ein Erwachsener anwesend ist, um auf die Fragen des Kindes zu antworten und mit ihm gemeinsam darüber zu sprechen, worum es in diesem Buch geht und was man aus seiner Geschichte lernen kann."

Kinderbücher in Deutschland beschäftigen sich schon lange mit den traumatischen Ereignissen der jüngeren Vergangenheit. Vom Tagebuch der Anne Frank beispielsweise gibt es auch Bilderbuchversionen.

„Die Taten unserer Vorfahren während des Zweiten Weltkrieges zeigen sich als ein Gefühl von Schuld bei jüngeren Generationen. Kinder in Deutschland wurden und werden zu Demut vor den historischen Fakten erzogen. Wissen und Aufklärung sind die Voraussetzung dafür, eine grausame Geschichte nicht zu wiederholen. Stolz und Liebe zur Heimat verhindert das aber nicht. Natürlich darf man sein Land und seine Leute lieben, gerade weil sie sich ihrer Geschichte und Verantwortung bewusst sind", sagt Martin Baltscheit.

Tatsächlich sind in Deutschland auch Misstöne die Ereignisse des Krieges betreffend hörbar. Trotzdem ist Martin Baltscheit überzeugt, dass der überwiegende Teil seiner Landsleute die Worte von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Westöstlichen Divan aus dem Jahre 1819 unterscheiben würde: „Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben."

Eines der besten Bücher über den Holocaust wurde seiner Meinung nach von einem Amerikaner geschrieben: Art Spiegelmanns Comic Maus. Die Geschichte eines Überlebenden (erschienen als Fischer Taschenbuch 2008). Damit habe er seine zwölfjährigen Söhne in das schwierige Thema eingeführt. Riina Katajavuori las als Teenagerin die Bildergeschichte von Ellinor Mend Punikkityttö ja jääkäriupseeri (WSOY 1982, dt. Rotes Mädchen und weißer Jägeroffizier). Später beschäftigte sie sich mit dem Thema anhand von Väinö Linnas Romantrilogie Täällä Pohjantähden alla (dt. Hier unter dem Polarstern - bisher nicht ins Deutsche übersetzt).

Die wichtigste Lehre aus dem finnischen Bürgerkrieg ist für Riina Katajavuori, dass es möglich ist, in relativ kurzer Zeit darüber hinwegzukommen.

„Bereits im Dezember 1918 wurden in Finnland Kommunalwahlen durchgeführt - die Demokratie hatte gesiegt. Selten hat sich ein Land so schnell von einem Krieg erholt. Ich wünsche mir, dass Vergebung und der Blick nach vorn auch für die Leser unseres Buches an erster Stelle stehen werden."

Oravien sota, Cover des Bilderbuches Krieg der Eichhörnchen Oravien sota © Tammi ja Martin Baltscheit

Riina Katajavuori & Martin Baltscheit: Oravien sota (dt. Der Krieg der Eichhörnchen), Tammi 2021.

Der Artikel erschien ursprünglich in der Zeitschrift Onnimanni 04/2021.
Autorin: Päivi Heikkilä-Halttunen

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