Über das Projekt

Jugendliche blicken vom Dach aus über eine Stadt Foto: Ant Rozetsky © unsplash

Weithin wahrnehmbare Zeichen der Zusammenarbeit

Das Projekt Freiraum möchte erkunden, wie es in den Städten Europas um die Freiheit bestellt ist. Welche Fragen ergeben sich, wenn Bürger*innen, Wissenschaftler*innen und Kulturschaffende ganz ortsspezifisch über den Begriff „Freiheit“ nachdenken? Welche Probleme werden in einer Stadt erkennbar? Indem sie ihre Fragen munter quer durch Europa tauschen, entwickeln 42 Goethe-Institute und ihre Partner aus Kunst und Zivilgesellschaft kreative Antworten – aus der Ferne, mit hilfreichem Abstand, füreinander. Eine Projektskizze.

Europa verändert sich. Populistische und nationalistische Parteien erleben in vielen Ländern Zuspruch. Skepsis gegenüber der EU, wie sie sich zum Beispiel im Brexit-Referendum zeigt, ist nicht auf Großbritannien beschränkt. Portugal, Spanien oder Griechenland müssen drastische Sparkurse einschlagen. Und der Integrationsprozess verläuft mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Länder wie Rumänien oder Bulgarien werden auf absehbare Zeit eine Rolle am Rand einnehmen. Kurz: Europa ist auf vielen Ebenen herausgefordert und sucht nach Antworten.

Goethe-Institut: Herausforderung annehmen und europapolitisch neue Akzente setzen

Das Goethe-Institut versteht sich als eine Institution mit einem europäischen Auftrag. Es tritt ein für die Vision eines integrierten Europa, macht sich für einen gemeinsamen, aber trotzdem vielfältigen Kulturraum stark. Es fühlt sich Werten wie Offenheit, Freizügigkeit, Gerechtigkeit und der Integration sämtlicher gesellschaftlicher Akteure verpflichtet. Zugleich ist sich das Goethe-Institut bewusst, dass der Status Quo in Europa zurzeit fast überall als krisenhaft empfunden wird. Stur an der Erzählung vom vereinten Europa festzuhalten, kann da leicht wie eine Verweigerung der Realität wirken. So wie Europa die Herausforderung der gegenwärtigen Situation annehmen muss, muss auch das Goethe-Institut in seinem europapolitischen Engagement deutlichere Akzente setzen. Dabei soll nicht naiver Enthusiasmus, sondern die Bereitschaft zum Dialog wegweisend sein – zu einem Dialog, der sicher auch spannungsgeladen sein wird.

Freiraum: Position beziehen, Partner stärken, neue Zielgruppen erschließen

Eine klare Position bezieht das Goethe-Institut mit dem Großprojekt Freiraum, das von 2017 bis Anfang 2019 stattfindet. In seinem Mittelpunkt steht der Begriff der Freiheit, der spätestens seit der Aufklärung für das europäische Selbstverständnis enorm wichtig ist. Doch das Versprechen, das dieser Begriff birgt, hat an Glanz verloren. Die Ambivalenz des Freiheitsbegriffs tritt heute deutlich zutage, und dies längst nicht nur, weil beispielsweise in Ländern wie Polen oder Ungarn ein antiliberaler Politikstil vorherrschend ist. Angesichts solcher Entwicklungen sind viele Partner des Goethe-Instituts verunsichert, manche auch tatsächlich bedroht. Ihnen möchte das Goethe-Institut ein verlässlicher Partner sein – und mit Freiraum ein weithin wahrnehmbares Zeichen der Zusammenarbeit setzen.

Das Goethe-Institut möchte mit dem Freiraum-Projekt ganz bewusst auf neue Zielgruppen zugehen: auf oft marginalisierte junge Menschen mit Migrationshintergrund und auf diejenigen, die kritisch oder zumindest skeptisch auf das heutige Europa schauen, aber noch offen genug sind für das Gespräch. Zudem sollen auch Menschen, die Europa gegenüber aufgeschlossen sind, das aber für allzu selbstverständlich halten, motiviert werden, ihre Stimme zu erheben.

Projektablauf: Fragen finden, Tandems bilden, Fragen tauschen, Antworten entwickeln

Im Zentrum von Freiraum steht der Netzwerk-Gedanke. Das Projekt soll folgendermaßen ablaufen: Bis Ende September 2017 entwickelte jedes der teilnehmenden 38 europäischen Goethe-Institute gemeinsam mit mehreren Partnern vor Ort – das können Theater sein oder Kunstzentren, NGOs, Universitäten, Vereine, Initiativen – eine Fragestellung zum Begriff der Freiheit. Diese Fragestellung soll eine ganz besondere Problemlage in den Blick nehmen, die für den jeweiligen Standort große Relevanz besitzt. Um diese Frage zu entwickeln und zu schärfen, konnte sich jedes Institut Zeit für einen intensiven Rechercheprozess nehmen, also beispielsweise einen Workshop mit Partner*innen und externen Expert*innen veranstalten.

Wie der Blick von außen hilft, den europäischen Gedanken mit Leben zu füllen

In einem zweiten Schritt haben die 42 teilnehmenden Goethe-Institute mit ihren Partnern bis Anfang November 2017 etwa zweiminütige Videos erstellt, die ihre jeweilige Fragestellung anschaulich machen und die Hintergründe erläutern. Diese Videos wurden beim Warschauer Treffen vorgestellt, einer Zusammenkunft, die am 4./5. Dezember 2017 in Warschau stattfand. Ziel dieses Treffens war es, neben der Präsentation der Fragestellungen die sogenannten Tandems auszulosen – also jeweils zwei Goethe-Institute zu bestimmen, die im Rahmen des Freiraum-Projekts zusammenarbeiten, ihre Fragen tauschen und mit ihren Partnern eine Antwort auf die Frage des jeweiligen Tandem-Instituts entwickeln.

Ein Beispiel: Die Goethe-Institute in Warschau und Dublin werden per Los zum Tandem bestimmt. Dublin nimmt sich also der Fragestellung aus Warschau an und entwickelt dazu, gemeinsam mit seinem Partner, ein Projekt bzw. Formatangebot – und umgekehrt. Wichtig ist uns, dass die lokalen Partner und ihre Vorstellungen, Ideen und Vorhaben im Mittelpunkt stehen, nicht die der Goethe-Institute. Aus jeder Tandem-Paarung gehen also zwei Produktionen hervor, die jeweils an beiden Orten, also wie hier im Beispiel sowohl in Warschau als auch in Dublin, präsentiert werden sollen. Der Zeitrahmen hierfür spannt sich bis ins Frühjahr 2019.

Wir vertrauen darauf, dass eine Außenperspektive hilft, Situationen neu und anders einzuschätzen. Wir sind uns sicher, dass eine problematisch empfundene Situation vielleicht einen kreativen Lösungsvorschlag bekommt, wenn sie von einem gänzlich anderen Ort aus angeschaut wird. Wir sind überzeugt davon, dass genau dieser Austausch die Chance birgt, den heute viel zu oft als abstrakt empfundenen europäischen Gedanken mit neuem  Leben zu füllen.