Marius Hulpe im Gespräch Lyrik: Ein link zwischen Ländern und Kulturen

Asean Literary Festival2017
Asean Literary Festival2017 | © Goethe-Institut Indonesien

Das ASEAN-Literaturfestival ist ein kulturelles Ereignis, an dem alle nahe gelegenen ASEAN-Länder jährlich teilnehmen können - ein umfangreiches Angebot unterschiedlichster Art für den literarisch Interessierten. In diesem Jahr fand das Festival in Verbindung mit dem 50. Jahrestag des ASEAN-Verbundes in der Altstadt von Jakarta (Fatahillah Square) statt. Zahlreiche Autoren aus den ASEAN-Staaten und Europa nahmen teil. Und der Lyriker, Prosa-Autor und Essayist Marius Hulpe vertrat hierbei Deutschland.


Wie gefiel Ihnen das ASEAN Literary Festival in Jakarta? Welche Unterschiede haben Sie bemerkt im Vergleich zum Makassar International Writers Festival, an dem Sie im Jahr 2016 teilgenommen haben?

Ich denke, hier in Jakarta ist alles etwas größer, auch nicht so tropisch und experimentell wie in Makassar. Das Umfeld scheint mir etablierter, es ist eben nochmal etwas anderes. Darüber bin ich nun auch sehr froh, unterschiedliche  Festivalformen innerhalb einer Kultur kennengelernt zu haben. Beide Festivals schienen mir sehr politisch, das ist vielleicht eine Gemeinsamkeit. Und dann das herzliche Miteinander, es gibt kaum Berührungsängste. Davon könnten wir uns auf deutschen Literatur- und Kunstfestivals nochmal eine Scheibe abschneiden. Wir leben ja in einer Distanz- und Repräsentanzkultur, es wird weniger aufeinander zugegangen als hier. Im aufeinander zugehen sind die Indonesier Weltmeister.

Was bedeutet für Sie selbst Lyrik?

Marius Hulpe Marius Hulpe | © Goethe-Institut Indonesien Haben Sie ein paar Jahre Zeit? Man bekäme, wenn man einen einzelnen Autor über Jahre hinweg in seinem Arbeiten begleitet, sicher schon sehr viele, verschiedene Antworten. Und diese Antworten multiplizieren Sie dann bitte mit allen Lyrikern, die es gibt. Für mich ist es eine Form des Schreibens in ganz bestimmten Momenten. Lyrik hat so viele Vorzüge. In der Philosophie gibt es den Spekulativen Realismus, der sich auch stark mit Phänomenen wie Akzeleration, also Beschleunigung befasst. Lyrik ist zum Beispiel ein gutes Gegengift bei überbordend werdender Beschleunigung in unserem Alltag. Menschen klagen, sie hätten kaum mehr Zeit zum Lesen. Da kann ich nur raten: greifen sie täglich zu einem Gedicht, da bekommen Sie im Idealfall ein paar Romane auf einmal serviert, in zehn Minuten. Den Rest des Tages können Sie dann darüber nachdenken, was Sie eben gelesen haben.

In Indonesien genießt die Lyrik aktuell, nicht zuletzt durch M. Aan Mansyur, einen hohen Stellenwert. Viele Jugendliche drücken sich in Gedichten aus. Wie schätzen Sie die Lage in Deutschland ein, insbesondere in Bezug auf deutsche Jugendliche?

Es könnte lebendiger, differenzierter sein, weniger dogmatisch und lehrplanmäßig auch, vor allem die Schulen verfehlen ihren Auftrag aus meiner Sicht um Längen. Einzelne Lehrer und Vermittler, die sich sehr für Lyrik einsetzen, die nach 1945 entstanden ist, bestätigen eher die Regel. Da fehlt es auch an Mut. Hier in Indonesien ist die Lyrikkultur beispielsweise eine sehr orale, das aber wirkt sich wiederum positiv auf die Breite der Rezeption aus. Es mangelt vielleicht ein wenig an versierter Literaturkritik, aber das wäre für mich ohnehin erst der nächste Schritt. Erstmal lesen, laut lesen, darüber sprechen, Geschichten dazu erzählen. Wie und warum ist das so entstanden? Unter welchen Bedingungen? Auf diese Weise wurde ich für Lyrik begeistert von jemandem, der leider nicht mehr unter uns ist.

Mittlerweile werden oft Gedichte, versehen mit #instapoetry, im Sozialen Netzwerk Instagram gepostet und so global verbreitet. Außerdem sind in den letzten Jahren „Poetry Slams“ immer beliebter geworden. Wie ordnen Sie diese beiden Phänomene ein?

Ersteres kann ich nur gutheißen, von Slams habe ich hingegen wenig Ahnung. Früher wurde ich oft zu welchen mitgeschleppt, mir gefiel die Atmosphäre nicht immer. Aber das ist ganz subjektiv. Meine Form ist der Slam jedenfalls nicht.

Sie waren zu Gast beim Makassar International Writers Festival 2016 auf der indonesischen Insel Sulawesi. Welche Erwartungen hatten Sie an Ihre Zeit in Jakarta? Haben sich diese erfüllt?

Definitiv! Ich habe vorher gehört, dass Jakarta unwahrscheinlich viel anstrengender sein soll als alles, was ich bislang von Indonesien kenne, ein richtiger Moloch. Das mag so sein, aber dafür wird man auch entlohnt mit sagenhaften Eindrücken. Nehmen wir bloß den Verkehr, auf den ersten Blick scheint es ein bloßes Chaos zu sein. Das ist aber eine Fehlannahme.

Inwiefern?

Mitten auf der Kreuzung stehen häufig ältere Herren, in Deutschland wären das vermutlich Rentner, und dann rasen aus allen Richtungen hunderte, wirklich hunderte Mopeds, Busse, Taxis und Lastwagen auf sie zu, alles ohne Ampel. Mit wenigen Handzeichen lenken sie ganz in Zivil den Verkehr und bekommen dafür aus den Fenstern hier und dort eine Münze zugesteckt. In Deutschland undenkbar, man würde sie vermutlich plattrasen.

Was nehmen Sie aus Ihrer Zeit in Indonesien mit nach Deutschland?

Wieder einmal sehr viel. Die Begegnungen natürlich, und besonders interessant und beglückend ist für mich die Feststellung, dass wir nicht weit voneinander entfernt sind, dass wir dieselben Themen haben, dass es ein riesiges, unausgeschöpftes Potential des interkulturellen Austauschs gibt. Was gäbe es Schöneres als die Feststellung, dass noch viel zu tun ist?

  • Asean Literary Festival2017 © Goethe-Institut Indonesien
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