Deutschunterricht in Zeiten des Coronavirus
Eine Lehre für das Leben
Seit dem 5. März sind auf Grund der Covid-19 Pandemie alle Schulen Italiens geschlossen. Adriana Sulli, Deutschlehrerin am neusprachlichen Gymnasium „Petrarca“ in Triest erzählt vom neuen Schulalltag.
Von Christine Pawlata
Schon eine Woche nach der Corona-bedingten Schließung des Petrarca Gymnasiums funktionierte laut Adriana Sulli der Großteil des Fernunterrichts. Einfach sei das nicht gewesen: „Wir wurden von heute auf morgen mit einer ganz neuen Situation konfrontiert. Unsere Schule hat in diesem Ausnahmezustand aber sehr positiv reagiert. Wir Lehrer haben uns stundenlang neue Lehrmethoden angeeignet, alles musste ganz schnell gehen. Ich war keine Computer-Expertin, ich konnte nur das Nötigste. Aber jetzt habe ich das im Griff. Das wäre bis vor kurzem noch unvorstellbar für mich gewesen.“
Mittlerweile ist der gesamte Unterricht der Schule ins virtuelle Klassenzimmer gezogen. Die Deutschlehrerin verwendet dafür eine Kombination aus Skype und der Kommunikationsplattform Google Meet. Die Unterrichtseinheiten wurden stark gekürzt. „Es ist für unsere Schüler sehr anstrengend, sechs Stunden am Stück vor dem Bildschirm zu sitzen. Aus diesem Grund haben wir die Länge der Stunden von 60 auf 40 Minuten reduziert.“ Die Nachmittage ihre Schützlinge möchte Adriana Sulli computerfrei halten. „Wir können jetzt keine Arbeiten aufgeben, bei denen sie nochmals gezwungen werden, vor dem Bildschirm zu sitzen. Ich gebe zum Beispiel schriftliche Texte auf. Es sind immer Themen, die meine Schüler direkt und persönlich miteinbeziehen. Sie können auch ein Foto von einem mit der Hand geschriebenen Text machen und es mir über das Handy schicken.“
Austausch über das Leben in Zeiten der Covid-19 Pandemie
Es geht Adriana Sulli aber nicht nur darum, klassische Lerninhalte zu vermitteln. „Viele Schüler sind sehr desorientiert. Einige sagen, sie können sich nicht konzentrieren, weil sie über die Medien ständig mit dem Coronavirus und diesem Leiden konfrontiert und durcheinander gebracht werden. Für die meisten ist es sehr schwierig, mit der neuen Situation umzugehen. Und deswegen sprechen wir bei jeder Unterrichtseinheit in den ersten zehn bis fünfzehn Minuten über die neuen Herausforderungen.“Damit alle am Ball bleiben, bemüht sich Adriana Sulli, ihre Deutschstunden noch interessanter als normalerweise zu machen. „Natürlich darf es keinen Frontalunterricht geben. Ich versuchen, den Unterricht so interaktiv wie möglich zu gestalten, meine Schüler zum Nachdenken zu bringen, sie ihre Meinungen äußern zu lassen und sie so aktiv wie möglich mitarbeiten zu lassen, damit die Stunde schnell vergeht. Dabei lernen sie natürlich viel.“ Das koste mehr Mühe als früher. „Wenn man mitten im Klassenzimmer steht, fällt das viel leichter. Ein Computer kann den Menschen nicht ersetzen, der menschliche Kontakt fehlt. Ich sage ihnen auch: 'Ich vermisse euch.' Ich glaube, jeder von uns wird den zwischenmenschlichen Kontakt in der Zukunft mehr schätzen. Wir haben ihn für selbstverständlich gehalten. Jetzt haben wir gelernt, was im Leben und auch in der Schule wirklich zählt.“ Die Beziehung zu ihren Schüler*innen habe sich aber in der Extremsituation sogar verstärkt. „Vielleicht sind wir jetzt noch mehr in Kontakt als früher. Es hat sich eine ganz besondere Beziehung entwickelt, ich habe neue Seiten von meinen Schülern kennengelernt, wir sind uns näher gekommen.“
Keiner darf zurückbleiben
Adriana Sulli setzt alles daran, dass ihre Schüler*innen den Unterricht jetzt genauso ernst nehmen, wie zu Normalzeiten. „Es gibt Situationen, die uns leiden lassen. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Das ist eine Lehre für das Leben. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Man darf nicht glauben, jetzt nichts mehr tun zu müssen. Denn das ist die Gefahr. Einige haben sich am Anfang nicht gemeldet und sind verschwunden. Aber wir Lehrer haben uns richtiggehend eingemischt, wir haben sie sozusagen gezwungen mitzumachen. “Ganz besonders pocht die Deutschlehrerin gerade jetzt auf die Wichtigkeit von Solidarität. „Man darf niemanden zurücklassen, alle müssen mitmachen. Daraus entsteht auch dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das in jeder Klasse vorhanden sein sollte, und das wir als Lehrer fördern müssen. Ich habe den Schülern zu verstehen gegeben, wie wichtig es gerade in dieser Notsituation ist, solidarisch miteinander zu sein. Vor allem mit denjenigen, denen es nicht so gut geht, oder die jetzt zum Beispiel keinen Computer zu Hause haben.“
Die Lektion ist angekommen: „Ich habe zum Beispiel eine Schülerin, die sich zurzeit in Tunesien befindet. Ihre Mitschüler halten mit ihr über Skype Kontakt und e-mailen ihr das ganze Material, damit sie genauso wie der Rest der Klasse am Unterricht teilnehmen kann.“
Adriana Sulli hat nicht nur ihre Unterrichtsmethoden erneuert. „Ich habe viel aus dieser Situation gelernt. Ich bin nicht mehr die Adriana von früher. Auch ich habe mich verändert.“
Das Petrarca-Gymnasium in Triest, an welchem Adriana Sulli seit 1988 unterrichtet, gehört zu den weltweit mehr als 2000 Schulen des PASCH-Netzwerks, an denen die deutsche Sprache einen besonders hohen Stellenwert einnimmt.
Kommentare
Kommentieren