Goethe!
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Der Studiosus, sagen die Jura-Professoren zu Goethe, hätte besser ein Fachbuch gelesen als „Schmierfinken” wie Lessing oder Shakespeare. Auch der Vater hält nichts von dessen literarischen Ambitionen; er reagiert voller Wut auf den „Erlkönig” und schickt den Sohn ans Reichskammergericht nach Wetzlar – zur Bewährung in der Praxis. Goethe hält wenig vom Studium der Gerichtsakten, doch er erledigt die Arbeit, gemeinsam mit seinem neuen Freund und Kollegen Wilhelm Jerusalem gewissenhaft und zur Zufriedenheit von Gerichtsrat Kestner. Auf einem Ball lernt Goethe Charlotte Buff kennen; er begegnet ihr wieder, nachdem er sie im Kirchenchor singen gehört hat und besucht die junge Frau, die mit ihrem Vater und zahlreichen Geschwistern im nahen Wahlheim lebt. Als sie sich erneut begegnen, lieben sich die beiden in der freien Natur. Beide sind selig, doch ihr Glück währt nicht lange. Mit Kestner hat Lottes Vater für seine Tochter längst einen anderen Mann vorgesehen. Der biedere Jurist lässt sich von Goethe beraten, wie er seine Angebetete erobern könnte. Goethe hat keine Ahnung, um welche Frau es geht. Als er Lotte, die aus Vernunft der Ehe mit dem Gerichtsrat zugestimmt hat, besuchen will, platzt er unvorbereitet in ihre Verlobungsfeier mit Kestner, der schnell die wahren Zusammenhänge begreift. Wilhelm Jerusalem, ebenfalls unglücklich verliebt, erschießt sich. Kestner reagiert auf diesen Selbstmord so kalt, dass ihn der wütende Goethe ohrfeigt. Der Gerichtsrat fordert Satisfaktion, schießt aber beim Duell absichtlich in die Luft. Goethe wird verhaftet und schreibt sich im Kerker fast wie in Trance mit „Die Leiden des jungen Werther” seinen Schmerz von der Seele. Er überlässt Lotte das Manuskript und bittet sie, es zu verbrennen. Sie wird sich nicht daran halten, sondern den Text einem Verleger vorlegen. Ein halbes Jahr später holt Goethes Vater den Sohn zurück nach Frankfurt. Bei ihrer Ankunft herrscht Aufruhr: Die Menschen wollen den „Werther” lesen und rufen nach weiteren Exemplaren. Goethe ist zum Jungstar der deutschen Literatur geworden; dies muss sogar sein Vater anerkennen – jetzt ist er stolz auf den Sohn.
Lotte hatte dem Verleger erklärt: „Das ist unsere Geschichte!” - „Ist das alles die Wahrheit?”, will der Mann wissen - „Das ist mehr als die Wahrheit”, erklärt die junge Frau, „das ist Dichtung!” Genau dies dürfte auch der Leitsatz von Philipp Stölzl gewesen sein, als er den Film konzipierte und seine Fiktionen über die belegten historischen Fakten stellte. Das Goethe als Jura-Student durch die Prüfung fiel, dass er am Reichskammergericht in Wetzlar arbeitete, dass Kestner sein Chef war, stimmt so nicht. Auch war Lotte schon Kestners Braut, bevor sie Goethe kennenlernte; schließlich entstand „Die Leiden des jungen Werther” erst nach Goethes Zeit in Wetzlar, und Lotte war nicht die einzige Frau, die ihm zu dem Briefroman Anlass gegeben hatte, der übrigens auch nicht in einem Kerker von Wetzlar geschrieben wurde. Man sollte sich also des fiktiven Charakters dieses Films genau bewusst sein. Dennoch sind Goethe und sein Werk hier überall wiederzufinden; Stölzl hat nicht nur wörtliche Zitate in die Dialoge eingebaut (manchmal benützt der Titelheld Goethe-Zitate, als würde er sie gerade spontan erfinden), sondern auch visuelle Motive seines Werks anklingen lassen. Goethe, der Lotte vor der Kirche abpasst, das Volksfest und das Besäufnis des Dichters verweisen auf „Faust”, und der Hinweis des Vaters an den Sohn („Ein unnütz Leben ist ein früher Tod” stammt aus dem Drama „Iphigenie auf Tauris”.
Man kann über die Fiktionalisierung des Stoffs diskutieren – auf Unkenntnis ist sie auf keinen Fall zurückzuführen. „Ich finde, Goethe hat eine frische Sichtweise verdient. Wenn man ihn liest, entdeckt man eine vitale, freche, kluge, aber auch versaute Literatur. Für mich war es eine spannende Frage, wie dieser Typ in seiner Jugend getickt hat. Einer historischen Figur kommt man nicht unbedingt näher, indem man sich ganz eng an die Fakten hält. Entscheidender als die historische Wahrheit ist es, dem Lebensgefühl der Figur möglichst gerecht zu werden” (Philipp Stölzl).
Bezeichnend ist, dass sich der Filmemacher auf den jungen Goethe konzentriert, dem er viel Spontaneität und buchstäblich „Sturm und Drang” andichten darf – auch auf Kosten der historischen Wahrheit, in der Goethe auch nicht der junge Einzelgänger war, als der er hier erscheint. Stölzls Arbeit dürfte – das hat auch die deutsche Kritik spüren lassen – vielen Philologen zutiefst missfallen; gleichzeitig aber könnte dieser Film über einen jungen, ungestümen und manchmal etwas wilden Autor ein junges Publikum durchaus mehr für Goethe interessieren als manche seriösere Arbeit über den deutschen „Dichterfürst”.
Hans-Günther Pflaum