Interview mit visueller Künstlerin und DJ
Vakki

Während ihres Studiums in den Niederlanden wurde die ZERO‑Retrospektive im Stedelijk Museum für Vakki zu einem entscheidenden Wendepunkt. Die radikale Haltung der ZERO‑Künstler*innen – Licht, Raum, Wiederholung und Vibration zu einer eigenen Formensprache zu verdichten – bildet bis heute einen wichtigen Ausgangspunkt ihres künstlerischen Schaffens. Von ihrem Atelier am Namsan aus entwickelt Vakki Installationen, in denen geometrische Strukturen, Rhythmus und Energieflüsse aufeinandertreffen und Momente erzeugen, in denen Zeit und Raum miteinander verschmelzen. Im Interview gibt sie Einblick in ihre künstlerische Welt – und zeigt, wie ihre Erfahrungen in Europa und das Erbe der deutschen ZERO‑Gruppe in ihre zeitgenössische visuelle Sprache einfließen.

VAKKI © Leslie Klatte

Könnten Sie sich als Künstlerin einmal kurz vorstellen?
Hallo, mein Name ist Vakki. Ich bin visuelle Künstlerin und DJ und arbeite vor allem mit geometrischen Strukturen und repetitiven Mustern. In meinen Arbeiten erforsche ich Bewegung, Rhythmus und optische Dynamiken, die durch klare Formen und kräftige Farben entstehen.

Könnten Sie etwas genauer erläutern, woran Sie als Künstlerin arbeiten und was ihre Arbeiten ausmacht?
Meine Arbeiten lassen sich eher intuitiv durch Bilder und Videos vermitteln als durch konzeptionelle Erklärungen. Um das Verständnis zu erleichtern, habe ich für dieses Interview einige Bilder meiner repräsentativsten Werke aus wichtigen Ausstellungen zusammengestellt. (s.u.) Ich glaube, dass die Welt aus sich ständig wiederholenden Mustern und Variationen besteht. Aus dieser Perspektive heraus beobachte ich Rhythmen und Zyklen, Energieflüsse und die Dichte von Emotionen. Diese Eindrücke übersetze ich in eine gestalterische Sprache, in der geometrische Formen, Farbe, Licht und Sound miteinander verwoben sind.

Ob Musik, Installation oder Unterricht – die Formate unterscheiden sich, aber im Kern geht es mir immer darum, die emotionalen Rhythmen zwischen Menschen und Räumen wahrzunehmen und zu modulieren. Für mich sind diese Tätigkeiten keine getrennten Felder, sondern unterschiedliche Weisen, eine einzige sensorische Haltung zu entfalten. Sie führen letztlich alle zu einer gemeinsamen bildnerischen Sprache, die diesen inneren Rhythmus sichtbar macht.

Warum haben Sie sich für Namsan als Standort für Ihr Atelier entschieden?
Namsan liegt im Zentrum von Seoul und ist ein Ort, der sowohl die Hektik als auch die Ruhe der Stadt in sich vereint. Ich lege großen Wert auf ein Gleichgewicht der Energien während meiner Arbeit, und Namsan ist ein Ort, an dem diese beiden unterschiedlichen Strömungen harmonisch aufeinandertreffen und an dem man ein Gefühl von Kreislauf, Rhythmus und Atmung verspürt. Besonders am Ende des Tages liebe ich den Blick aus meinem Atelier auf die Abenddämmerung. Während die Sonne untergeht, verändert sich die Temperatur des Lichts allmählich – und damit auch die Farbigkeit des gesamten Raumes. In diesen Momenten habe ich das Gefühl, als würde der Raum selbst neu strukturiert, fast so, als würde er sich komplett aus Licht zusammensetzen. Diese fließenden Veränderungen öffnen meine Wahrnehmung noch einmal auf sehr feine, sensible Weise und bereichern meinen kreativen Prozess.

Sie haben in den Niederlanden studiert. Inwiefern haben die europäischen Erfahrungen Ihre Arbeit beeinflusst?
Ich erlebte die Niederlande als ein Land mit einer einzigartigen visuellen Kultur, in der Ordnung und Spielfreude nebeneinander existieren. Das europäische Design und die Kunst sind strukturell sehr klar und präzise, aber innerhalb dieses Rahmens entwickeln sich Spiel, Experiment und Freiheit ständig weiter. Diese Haltung – die Kombination aus Strenge und spielerischer Offenheit – hat meinen Blick geprägt und meine eigene künstlerische Herangehensweise nachhaltig beeinflusst.
 


Besonders eindrucksvoll war für mich die Koexistenz einer klassischen künstlerischen Haltung mit einem radikal experimentellen Geist. Im Alltag begegnete ich einer großen Bandbreite an Ausdrucksformen – von traditioneller Formensprache bis hin zu avantgardistischen Experimenten, in denen Technologie, Medien und Performance miteinander verschmelzen. Dadurch begann ich, visuelle Kunst nicht mehr als eine einzelne Gattung zu betrachten, sondern als ein vielschichtiges Ökosystem, in dem verschiedene Sinneseindrücke miteinander interagieren.

Zudem haben die Klarheit des Lichts, die Atmosphäre der Straßen und die besondere Helligkeit der europäischen Umgebung meine Wahrnehmung geschärft. Ich begann, Objekte und Phänomene deutlicher zu sehen und feinste Veränderungen in Licht und Raum bewusster wahrzunehmen. Diese Erfahrungen haben sich ganz selbstverständlich mit meiner eigenen künstlerischen Arbeit verbunden, in der Licht und Farbe eine zentrale Rolle spielen.

Sie arbeiten sowohl als DJ als auch als Professorin. Welche Vorteile oder Synergien erleben Sie, wenn Sie Kunst und Musik gleichzeitig erforschen?
Auch wenn visuelle und auditive Ausdrucksformen auf den ersten Blick unterschiedliche Sprachen zu sein scheinen, glaube ich, dass sie im Kern aus derselben Quelle stammen – nämlich aus dem Prinzip des Rhythmus. Für mich ist es weniger entscheidend, einzelne Genres voneinander abzugrenzen. Wichtiger ist die Erfahrung, gemeinsam mit anderen Menschen emotionale Schwingungen zu teilen und zu spüren. Auch wenn Musik, Installationen und Unterricht auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Formate sind, beginnen sie für mich alle am gleichen Punkt: beim Wahrnehmen und Abstimmen der emotionalen Rhythmen, die zwischen Menschen und Räumen zirkulieren. Diese Tätigkeiten sind für mich keine getrennten Bereiche, sondern jeweils unterschiedliche Erweiterungen einer einzigen sensorischen Haltung. Und diese Haltung führt schließlich zu einer bildnerischen Sprache, die diesen inneren Rhythmus sichtbar macht.

Wenn ich zum Beispiel auflege, spüre ich in den Bewegungen und Reaktionen des Publikums Strömungen von Emotionen. Diese Erfahrungen finden später ganz selbstverständlich Eingang in meine visuellen Arbeiten – etwa in Form von Farbverläufen, Strukturveränderungen oder dynamischen Formkombinationen. Wenn Musik die Sprache des zeitlichen Rhythmus ist, dann verstehe ich Kunst als die Sprache des räumlichen Rhythmus. Durch die Verbindung beider Felder entsteht für mich eine sinnliche Erfahrung, in der Zeit und Raum organisch ineinander übergehen.

Deshalb sind viele meiner Installationen von musikalischen Strukturen und Wellenformen inspiriert. Ich übersetze diese akustischen Impulse in visuelle Kompositionen, in denen Licht, Farbe und Bewegung miteinander interagieren.

Gibt es Künstlerinnen oder Künstler, die Sie besonders geprägt haben?
Ich habe mich schon früh intensiv mit der ZERO‑Gruppe beschäftigt, die in Düsseldorf entstanden ist. Die Künstler*innen dieser Bewegung haben weit mehr getan als rein visuelle Experimente: Sie stellten Licht, formale Strukturen, Wiederholung, Vibration und das Konzept von Zeit in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten und entwickelten daraus eine völlig neue Art, die Welt wahrzunehmen und zu gestalten.

Ihre performativen Ansätze, ihr Versuch, die Beziehung zwischen Werk, Raum und Welt neu zu ordnen, sowie die philosophische Haltung, die hinter diesen Experimenten steckt, wirken bis heute stark in mein eigenes Schaffen hinein. Die konsequente Untersuchung von Licht, Rhythmus und Bewegung innerhalb eines klaren, oft reduzierten Formenvokabulars ist für mich eine dauerhafte Quelle der Inspiration. Während meines Studiums in den Niederlanden hatte ich die Gelegenheit, die große ZERO‑Retrospektive im Stedelijk Museum zu sehen. Dieser Moment war für mich prägend: Durch die ständig changierenden Szenen aus Licht, Raum und Bewegung begannen sich die Konzepte, mit denen ich mich schon lange beschäftige – Zirkulation, Rhythmus, emotionale Wellen – plötzlich klar miteinander zu verbinden. Diese Erfahrung ist bis heute in meiner Wahrnehmung präsent und hat nachhaltig beeinflusst, wie ich Licht und Rhythmus in meiner eigenen Arbeit behandle.

Besonders stark beeindruckt hat mich das Werk von Heinz Mack. Seine Performances in der Wüste und seine Installationen, in denen Wind, Licht und Geschwindigkeit miteinander interagieren, haben mich tief berührt. Sie erinnerten mich daran, dass Kunst ein lebendiges Phänomen ist – ein Zusammenspiel von Raum, Natur und dem menschlichen Körper. Diese Erkenntnis begleitet mich bis heute und inspiriert mich immer wieder aufs Neue.

Zum Schluss: Gibt es einen geheimen Ort am Namsan, den Sie häufig besuchen, um Inspiration zu finden?
Streng genommen kann man es nicht wirklich als geheimen Ort bezeichnen, aber persönlich gehe ich am häufigsten auf einen kleinen Waldweg, der vom Rundweg des Namsan-Parks abzweigt. In diesem Abschnitt stehen alte Bäume dicht an dicht, und ich beobachte oft die verzweigten Strukturen der Äste, die fraktalen Muster der Wurzeln und die lineare Eleganz, mit der sich die Bäume zum Himmel strecken. Mit Musik im Ohr dort entlangzugehen, ist für mich eine wichtige Übung der Wahrnehmung.

Ein weiterer Ort, den ich sehr mag, ist eine ruhige Bank hinter der Namsan-Bibliothek. Dort überlagern sich Windgeräusche, Schritte von Passanten und das ferne Rauschen der Stadt zu einem ganz eigenen Rhythmus. Ich genieße diese subtilen Interferenzen, während ich mit meinem Hund spazieren gehe und für einen Moment verweile.

Diese beiden Orte vermitteln mir das Gefühl, dass Natur und Stadt sich gegenseitig inspirieren und so eine Einheit bilden. Es sind Plätze, an denen meine Sinne im Alltag am klarsten werden – und deshalb sehr besondere Orte für mich.

Projekt-Planung und Interview: Sohee Shin
Künstlerin: Vakki
Bilder: Leslie Klatte, Yoonjung Daw
SNS-Shorts: Yoonjung Daw
Deutsche & Englische Übersetzung: Leslie Klatte

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