with / against the flow Zeitgenössische fotografische Interventionen

Ausstellung

  • Bischkek

 with / against the flow Foto: ©Michael Schäfer

Die Ausstellungsreihe „with/against the flow. Zeitgenössische fotografische Interventionen“ stellt in Deutschland lebende Künstlerinnen und Künstler vor, die die Fotografie neu befragen und eine eigenständige Bildsprache etabliert haben. Was die Positionen verbindet, ist die Form der künstlerischen Intervention. Ganz gleich, welche inhaltlichen Interessen die Künstler und Künstlerinnen verfolgen und woher sie ihre Anregungen beziehen, für ihre Arbeiten greifen sie in das Material der Bilder selbst ein oder in die äußere Wirklichkeit. Es bleibt offen, ob dies noch als dokumentarisch zu bezeichnen oder ob es vielmehr eine Form von Realismus ist, die in Fiktion übergeht.
 
Als Auftakt der Reihe werden in dieser Doppelausstellung mit Viktoria Binschtok (*1972 in Moskau, lebt in Berlin) und Michael Schäfer (*1964 in Sigmaringen, lebt in Berlin) zwei Positionen vorgestellt, die Medienbilder aufgreifen und deren Funktionsweisen reflektieren. Gleichzeitig untersuchen beide Künstler die sich anbahnende Autonomie von Bildern in einer zukünftig von digitalen Algorithmen beherrschten vernetzten Welt. Mit dieser Arbeitsweise stehen Binschtok und Schäfer in der Tradition eines künstlerischen Interesses an den Massenmedien seit den 1970er Jahren und repräsentieren zugleich eine neue Generation von Künstlern, die das Fotografische und Dokumentarische erweitern.
 
Eine Ausstellung des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen e.V.), Stuttgart
Konzept und Auswahl: Florian Ebner und Christin Müller
 
Organisation der Ausstellung: Goethe-Institut Kasachstan mit Unterstützung des ifa und des Assanbay-Zentrums
 
Eröffnung: 03.05.2018  um 19:00

www.goethe.de/kaz
www.ifa.de

VIKTORIA BINSCHTOK
 
In ihrer Serie „World of Details“ stellt Binschtok New Yorker Straßenbilder aus Google Street View fotografische Detailaufnahmen zur Seite, die sie vor Ort aufgenommen hat, um das automatisierte Straßenbild des Google-Universums mit ihrer subjektiven Wahrnehmung von eben jener urbanen Realität abzugleichen.
 
Die Aufnahmen aus der Serie „Three People on the Phone“ sind bereits 2004 in Tokio entstanden, einige Jahre bevor die Smartphones begannen, unser öffentliches Leben vollends zu bestimmen. Als Arbeit von der Künstlerin 2007 editiert, lassen ihre Bilder bereits erahnen, wie sehr uns die kleinen Apparate unsere Ökonomie der Aufmerksamkeit völlig verändern werden.
 
Die „Clusters“ ergründen die Verwandtschaft von Bildern, ausschließlich basierend auf dem Ergebnis, welches die Algorithmen der Google-Bildersuche als „ähnliche Bilder” definieren. Ausgangspunkt jeder Gruppe ist ein Bild aus Binschtoks privatem Archiv, das sie in die Suche einspeist. Unter den im Internet gefundenen Bildern wählt die Künstlerin einige aus und inszeniert sie im Studio nach.
 
MICHAEL SCHÄFER
 
Als Grundlage der „Vorbilder“ dienen Fotos von Persönlichkeiten aus Politik oder Wirtschaft, die zumeist im Nachrichtenmagazin Spiegel veröffentlicht worden sind. In diese montiert Michael Schäfer von ihm fotografierte Köpfe und Körper von Statisten, um das suggestive Zusammenspiel von inszenierter Politiker-Pose, dem verdichteten Moment der Aufnahme und dem begleitenden Untertitel auf Magazinseiten offenzulegen.
 
Für die Aufnahmen aus der Serie „Generation“ verwendet Michael Schäfer Laufstegfotos von Models, die er im Internet findet, und ersetzt deren Köpfe mit Studioaufnahmen von Kindergesichtern. Dabei entstehen hybride Geschöpfe, die die Begehren, Sehnsüchte und Körperideale unseres Medien- und Konsumzeitalters als digitale Chimären sichtbar machen.
 
In Schäfers früher Werkreihe „Pressebilder“ werden Nachrichtenfotos mit Akteuren und Requisiten bis ins Detail nachgestellt und ins große Format eines Tafelbildes übersetzt. So arbeitet der Künstler heraus, wie das Narrativ eines Pressebildes funktioniert und komplexe Sachverhalte zeichenhaft und symbolisch verdichtet.
 
Im „Offenen Archiv“ sind bisher nicht verwendete Bilder aus dem Zeitungs- und Internetbilderarchiv des Künstlers vereint. Verarbeitet werden prägnante Bilder, die durch die Medienkanäle rauschen und die gerade noch in unseren Köpfen festhängen. Auf diese Weise wächst ein hochaktueller Bilderfundus, der einen Transfer zu Schäfers vorherigen Arbeiten herstellt und in einer vielschichtigen Zusammenstellung die Rhetorik, Inszenierung und Funktionsmechanismen der jüngsten Bildproduktion befragt.
 
Michael Schäfers Montagen für „Invasive Links“ liegt das häufig propagandistische Internet-Bildmaterial zu Grunde, das über den Krieg in Syrien und im Irak berichtet. Schäfer stellt – stellvertretend für uns – ein paar junge Menschen Anfang zwanzig in ein pixeliges Handyvideo hinein. Was bedeutet es, wenn wir uns ausschließlich als passive Betrachter mitten im fotografierten oder gefilmten Geschehen befinden? Die Distanz zwischen Vorder- und Hintergrund, gefundener und hinzugefügter Bildwelt, lässt sich trotz der Unmittelbarkeit unserer medialen Zeugenschaft nicht überbrücken