Deutsche Spuren im Libanon Deutsche Konsularakten: Von Schmuckdieben und Schwindlern

Konsularsbericht über das Ehepaar Mögtling
Konsularsbericht über das Ehepaar Mögtling | © GStaPK, III. HA MdA, III Nr. 14128, fasc.1

Eine wahre Fundgrube für Anekdoten und kleine Geschichten sind die konsularischen Botschaftsakten, die sich – je nach Zeitpunkt – im Geheimen Staatsarchiv oder im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin erhalten haben. 

Meist ging es in den Vorgängen entweder um Streitigkeiten, in die mindestens eine Deutsche oder ein Deutscher involviert waren wie zum Beispiel ungeklärte Vaterschaften oder Erbschaftsangelegenheiten. Wie aus den Akten ersichtlich ist, übte der Vordere Orient offenbar auch auf Kriminelle eine besondere Anziehungskraft aus.

Der Schmuckdiebstahl von Beirut

Der früheste dokumentierte Fall, ein Schmuckraub, begangen durch das Ehepaar Mögtling zuungunsten des ehemaligen niederländischen Konsuls, spielte sich zu Beginn der 1860er Jahre in Beirut ab. Ob die Täter jemals gefasst wurden, wissen wir nicht. Tatablauf, Flucht und Nachforschungen wurden von den zuständigen Behörden aber ausführlich beschrieben:

Am 30. Juli 1862 berichtete der Konsularbeamte Herford von einem Diebstahl, den der aus Weimar stammende Schneider Christoph Julius Gustav Moegtling zusammen mit seiner Ehefrau Helene am 5. Juni begangen haben soll. Helene Moegtling war beim ehemaligen, inzwischen im Ruhestand befindlichen und verwitweten niederländischen Konsul Kaufmann Fercken als Hausmädchen angestellt. Moegtling soll mit Hilfe seiner Frau ins Haus gelangt und den Schmuck der verstorbenen Ehefrau des Konsuls gestohlen haben.

Unter dem Vorwand, sich wegen einer Erkrankung im Deutschen Johanniter-Krankenhaus behandeln lassen zu müssen, habe sich das Hausmädchen nach der Tat aus dem Hause des Konsuls entfernt. Im Krankenhaus sei sie aber nie angekommen.

Das Ehepaar habe sich stattdessen aus Beirut „in einer Weise entfernt, welche beide der Thäterschaft eines hier verübten Diebststahles dringend verdächtig mache.“

Nachforschungen hätten ergeben, dass Moegtling seinen beim deutschen Konsulat deponierten Reisepass mit der Begründung abgeholt habe, er wolle demnächst nach Konstantinopel (heute: Istanbul) reisen. Dorthin sei er aber nicht abgereist, weil am Tage des Verschwindens keine Schiffsverbindung in diese Richtung bestanden habe. Dagegen sei ein französischer Dampfer nach Jaffa und Alexandrien abgegangen. Obwohl man die dortigen Konsulate informiert habe, seien die beiden Verdächtigen weder in Jaffa noch in Alexandria anzutreffen gewesen.

Als einzige verbleibende Möglichkeit wandten sich die Berliner Behörden deshalb am 20. August an den preußischen Gesandten in Weimar, Herrn von Heydebrand und der Laser. Dieser solle bewirken, dass der in Weimar lebende Vater des Schneiders, der Handarbeiter Johann Carl Moegtling, „in vorsichtiger, namentlich nicht Aufsehen erregender Weise und ohne ihn die Veranlassung und den Grund dieser Schritte merken zu lassen“, den Aufenthaltsort seines Sohnes preisgebe.

Tatsächlich konnte der Aufenhaltsort des Täters schon eine Woche später lokalisiert werden: Er war nach Jerusalem geflüchtet und empfing dort Korrespondenz unter seinem zweiten Vornamen über einen gewissen Herrn Duckardt.

Doch damit nicht genug: Selbstverständlich ermittelten die Weimarer Behörden auch im Umfeld des mutmaßlichen Täters und zeichneten das Bild eines „sehr gefährlichen, in seiner Heimath gefürchteten Mensch[en]“, der „ebenso gewandt als verwegen“ sei. Nach der Lehre habe Mögdling lange Jahre nicht gearbeitet und ein „Vagantenleben“ begonnen, „weit und breit herumschweifend“. Es sei nicht ermittelbar, wie oft er in dieser Zeit mit dem Gesetz in Konflikt geraten sei.

Nachdem Mögdling 1852 seine Wanderschaft vorübergehend eingestellt habe und in die Heimat zurückgekehrt sei, habe er sich einige Zeit tadellos verhalten. Er sei in dieser Zeit „unter strenge polizeiliche Aufsicht gestellt“ worden. Doch sei dies nicht von langer Dauer gewesen, weil er seine Wanderschaft bald wieder aufgenommen habe. Auch während seiner Militärdienstzeit im Jahre 1953 sei er mehrfach bestraft worden, so dass er schließlich aus dem Militär „ausgestoßen wurde“.

Daraufhin sei Mögdling spurlos verschwunden. In einem Brief aus Jerusalem vom 27. Februar 1862 an seinen Vater habe Mögdling berichtet, er sei in das französische Militär eingetreten und habe dort 1 ½ Jahre gedient und während dieser Zeit u.a. am Krimkrieg teilgenommen. Er sei dann zunächst nach Constantinopel gegangen, später in die Walachei, wo er seine Frau Helene geheiratet habe. Er sei dann mit ihr nach Jerusalem gegangen, wo er sich nun befinde.

Auf einem undatierten aber angeblich mehrere Monate später erstellten „Billet“ habe er seinem Vater mitgeteilt, dass er für immer in Jerusalem zu bleiben gedenke, weil seine Frau 30.000 Piaster zu verzehren habe. Korrespondenz könne er über den genannten Herrn Duckardt empfangen.

Der Vater nehme aber an, dass Mögdling bald nach Deutschland gehen werde, weil er keine gültige Legitimation der Eheschließung besitze. Der Vater wolle die Behörden informieren, sobald es Neues gebe.

Leider brechen die Berichte an dieser Stelle ab. Ob Mögdling jemals nach Deutschland zurückgekehrt ist, ob er bestraft wurde, oder ob er in Jerusalem geblieben ist, wissen wir daher nicht. 
 

Quelle

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz [GStA] III. HA MdA, III Nr. 14128 – Ermittlungen über den Aufenthalt des in Weimar (Sachsen-Weimar) gebürtigen Schneiders Christoph Julius Gustav Mögdling und seiner Frau Helene in Beirut (Türkei) wegen schweren Diebstahls