Europoly: Interview mit Giedrė Žickytė „Sie wollen nicht als Assistentinnen enden“

Giedrė Žickytė bei den Dreharbeiten von „Amazons“
Giedrė Žickytė bei den Dreharbeiten von „Amazons“ | Foto: Tomas Ivanauskas

Litauen ist europaweit das Land mit den meisten Frauen in Führungspositionen, Dänemark kommt hier nur auf den vorletzten Platz. In ihrem EUROPOLY-Kurzfilm „Amazons“ begleitet die litauische Filmemacherin Giedrė Žickytė zusammen mit dem dänischen Fernseh-Moderator Emil Thorup Frauen, die in Männerterritorium eindringen: Weibliche Freiwillige der litauischen Armee. Im Interview spricht Žickytė über die Beweggründe der Frauen.

Den Ausgangspunkt Ihres Filmes bildete eine Statistik, der zufolge Litauen den höchsten Anteil von Frauen in Spitzenpositionen aufweist. War Ihnen diese Tatsache bekannt oder fanden Sie das überraschend?
 
Das überraschte mich natürlich nicht, da in Litauen wirklich viele Frauen in Spitzenpositionen zu finden sind: Wir haben eine Staatspräsidentin, eine Parlamentspräsidentin und auch eine ehemalige Verteidigungsministerin. Für mich ist das vollkommen natürlich, etwas, das ich nicht einmal hinterfrage. Für mich war allerdings überraschend, dass in Dänemark so wenige Frauen Spitzenpositionen einnehmen.
 
Welche Gründe gibt es für diese Zahlen? Könnte es sein, dass in der Arbeitswelt das alte sozialistische Modell der Gleichheit von Mann und Frau noch immer aktuell ist? Oder gibt es andere Gründe dafür?
 
Ich ordne Dinge nicht gern in Schubladen ein. Irgendetwas in mir sträubt sich dagegen. Auch in meinem Land hat ein Teil der Männer altmodische Ansichten, sie sehen Frauen nur in der Assistentenrolle.
 
In meiner Sprache beispielsweise existieren – anders als im Englischen – geschlechtsspezifische Endungen für Berufsbezeichnungen. So gibt es im Litauischen das Wort „asistentas“ für Männer und „asistentė“ für Frauen. Wenn Arbeitgeber in der Vergangenheit nach einem Assistenten gesucht haben, so wurde die Form „asistentė“ verwendet, also „Assistentin“ – es wurde nicht einmal in Erwägung gezogen, dass sie auch nach einem Mann zum Assistieren suchen könnten. Um den jetzt geltenden gesetzlichen Bestimmungen zur Gleichstellung zu genügen, steht in den Anzeigen „Assistent/-in“. Eigentlich suchen sie aber immer noch nach Frauen und es bewerben sich auch mehr Frauen auf solche Stellen.
 
Andererseits wird unser Land von Frauen geführt, die sich bereits in ihrer zweiten Amtszeit befinden. Dazu kann ich mal etwas Lustiges erzählen: Auf einem Filmfestival wurde ich einem mazedonischen Regisseur vorgestellt. Er lachte und sagte: „Ich bereise nun schon seit etlichen Jahren die einschlägigen Festivals und es kommt mir so vor, als ob in Ihrem Land nur Frauen leben würden!“ Wann auch immer er mit der litauischen Filmbranche in Berührung gekommen ist, ist er auf Frauen getroffen.
 
In Litauen war das sozialistische Modell der Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Arbeitswelt eine Utopie geblieben. Frauen waren hier hart arbeitende Assistentinnen – so sah die „Gleichheit“ aus. Man konnte auf den Tribünen zwischen all den führenden Parteileuten keine Frauen finden, sie durften allenfalls beim Leistungsmelken siegen. Ich würde das daher nicht an der Sowjetzeit festmachen. Es gab in der Sowjetunion auch zahlreiche andere Teilstaaten, in denen die Lage noch schlechter war und die heute überhaupt keine Frauen in Spitzenpositionen haben.
 
Sie sagten gerade, dass Sie im Falle von Dänemark über den niedrigen Frauenanteil in Führungspositionen überrascht waren. In Ihrem Film meint eine der Protagonistinnen, dass Frauen in Dänemark ein stärkeres Maß an Gleichberechtigung erführen. Wie kommt es, dass die Menschen dies so wahrnehmen?
 
Das ist ein Stereotyp über alle skandinavischen Länder. Wenn Sie an Gleichstellung der Geschlechter denken, kommt einem als erste Region Skandinavien in den Sinn. Man kann sich nicht vorstellen, dass dort Frauen mit Genderproblemen konfrontiert würden.
 
Es sieht beinahe so aus, als ob Gleichstellung an zahlreichen Faktoren festgemacht würde, nur nicht an solchen Indikatoren wie Position, Macht und Geld. Was bedeutet Gleichstellung für Sie – wie Sie Ihre Beziehung gestalten, Ihre Kinder erziehen oder sich kleiden?
 
Für mich ist Gleichstellung eine äußerst ambivalente Angelegenheit. Einerseits bin ich nicht der Auffassung, dass wir gleich sein können. Wir werden nie gleich sein. Wir sind nicht gleich geboren. Männer können keine Kinder gebären. Männer und Frauen sind hormonell unterschiedlich ausgestattet. Ich habe einen Sohn und für mich war es normal, dass ich in den ersten Jahren mehr Zeit mit ihm verbringen würde, da mein Mann ihn nicht stillen kann. Das ist schlicht und einfach von Natur aus nicht möglich. Ich habe mich nicht darüber geärgert, mir war klar, dass ich nun Mutter bin und meinen Sohn stillen muss. Ich habe darin kein Problem gesehen. Ich finde es aber problematisch, wenn es um unsere Berufe und Träume geht.
 
Gleichstellung bedeutet für mich, das Recht zu haben, die gleichen Dinge zu tun, zu arbeiten, Neues zu erschaffen. Wenn ich Filmregisseurin sein möchte, so habe ich das Recht dazu, Filme zu drehen und will mich dabei nicht fühlen, als ob ich verbotenes Terrain beträte. Niemand soll sagen: „Das ist eine Frau, ich will mit ihr nicht zusammenarbeiten, die bringt es nicht.“
 
Natürlich wird es eine Frau bei der Arbeit immer schwerer haben als ein Mann, insbesondere, wenn sie Familie hat. Dann steht sie vor mehr Herausforderungen. Ich mache Filme und habe einen Sohn. Manchmal nervt mich das Hin und Her zwischen beidem wirklich sehr. Aber ich habe es mir so ausgesucht – und Männer haben andere Dinge zu bewältigen.
 
Ich bin sehr froh darüber, dass wir diese Bewegungen hatten, dass wir zur Wahl gehen, demonstrieren und das gleiche Leben führen können wie Männer. Wenn wir davon träumen, Filme zu machen, als Chirurgin zu arbeiten, in der Armee zu dienen oder das Land zu regieren, so haben wir das Recht dies zu tun. Aber ich schließe mich nicht solchen radikal feministischen Ansichten an, nach denen wir so wie Männer auszusehen hätten oder uns von ihnen nicht mehr die Tür aufhalten lassen dürften. Ich bringe meinem Sohn auch bei, nach dem Motto „Die Damen zuerst!“ zu handeln. Darin liegt der Charme des Lebens.


 
Wie kamen Sie von Frauen in Spitzenpositionen auf Freiwillige beim Militär, was ja hinsichtlich der Machtposition eine der niedrigsten ist, die man sich vorstellen kann? Warum sind Sie nicht in die Bereiche Politik oder Wirtschaft gegangen?
 
Der Film stellt eine Interpretation dar. Es ist nicht so, dass ich Statistiken bestätigen oder widerlegen müsste. Mir wurde nur klar, dass in meinem Land etwas vor sich geht. Zufällig hat Litauen gerade im vergangenen Jahr die Wehrpflicht wieder eingeführt. Das wurde in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert, genauso wie das Fotoprojekt „Sie haben im Lotto gewonnen.“ Dabei ging es um Männer, die nicht zur Armee wollten und deswegen als „unmännlich“ bezeichnet wurden. Gleichzeitig schrieben sich viele Frauen für den freiwilligen Wehrdienst ein.
 
Wenn ich Frauen in Spitzenfunktionen gezeigt hätte – na und?! Das entspräche den Statistiken, aber das ist nicht interessant, nichts Besonderes. Filme sind nicht dazu da, irgendetwas zu illustrieren, sondern um Fragen zu stellen. Es geht mehr darum, wie sich junge Frauen auf sogenanntem „männlichen Terrain“ fühlen. Genauso ist es mit dem Filmemachen, was lange Zeit als männliche Domäne betrachtet wurde. Vor 50 Jahren fanden sich nur Männer in der Führungsriege von Unternehmen. Gar eine Frau als Staatspräsidentin, das galt als unvorstellbar.
 
Mir haben die widersprüchlichen Momente in Ihrem Film gefallen: weinende Männer, Frauen als Freiwillige, der dänische Fernsehmoderator Emil beim Auftragen von Make-up. Warum haben Sie sich für diese widersprüchlichen Elemente entschieden und was hoffen Sie, damit zu erreichen?
 
Emil ist ein Mann ohne Ängstlichkeit, der in der Tat jeden Tag Make-up benutzt, und er spielt auch mit Genderrollen. In diesem Sinne begibt er sich auch auf weibliches Terrain. EUROPOLYs Konzeption machte einen Protagonisten aus Dänemark erforderlich, daher war es günstiger, jemanden zu haben, der sich auf fremdes Terrain vorwagt.
 
Ein weiterer Widerspruch besteht darin, dass eine Freiwillige nach eigenen Aussagen denkt, dass später kein Mann über sie bestimmen könne, aber sie möchte immer noch, dass ihr Ehemann sie beschützen soll. Daher ändern Frauen beim Militär vielleicht doch nichts an den Genderrollen …
 
Diese Frau will beim Militär dienen und gleichzeitig möchte sie beschützt werden. Ich habe beide Aussagen im Film belassen – darum mag ich ihn: Er führt uns Widersprüche vor. Das war für mich auch deswegen interessant, weil es Raum für Interpretationen lässt.
 
Auch ist in der letzten Einstellung eine Frau in Uniform zu sehen. Sie können fühlen, dass sie zugleich stark und schwach ist. Und das war meine Frage: Wie fühlt sie sich selbst?
 
Hat es Ihrer Meinung nach etwas mit der gegenwärtigen europäischen Krise zu tun, dass Frauen freiwillig beim Militär dienen?
 
Freiwillig zu dienen kam in Litauen sehr stark in Mode und zwar nicht wegen der europäischen Krise, sondern wegen der russischen. Es gab vergangenes Jahr derart viele Freiwillige, dass schließlich gar keine Wehrpflichtigen mehr einberufen zu werden brauchten. Die freiwillig Wehrdienst leistenden Frauen kommen aus völlig unterschiedlichen Milieus, was mich überrascht hat. Einige von ihnen sind nicht einmal Litauerinnen, sie sind Polinnen oder Russinnen. Auch sie haben unterschiedliche familiäre Hintergründe. Der Bruder einer der jungen Frauen wollte nicht zum Militär, sie aber hat sich dafür entschieden.
 
Mir fiel auch auf, dass einige von ihnen das als Abenteuer sehen. Sie wollen sich selbst etwas beweisen. Beim Militär wird körperlich viel abverlangt und das ist nicht einfach. Sie sind sehr jung und vielleicht können sie sich in anderen wichtigen Bereichen nicht unter Beweis stellen. Wenn wir mal den Patriotismus beiseite lassen, nämlich dass sie ihr Land verteidigen wollen, dann bleibt davon nur übrig, dass sie sich Herausforderungen stellen wollen, die sie im Alltagsleben nicht finden. Sie wollen nicht als Assistentin enden.
 
Ich setze dieses Projekt fort und viele der jungen Frauen erzählten mir, dass sie Angst vor der Reaktion von Männern hatten, wie deren Haltung dazu sein würde. Aber jetzt, wo sie tatsächlich in der Armee dienen, gibt es keinen großen Konflikt.
 
Haben Sie auch hinterher noch Interviews geführt?
 
Ein paar Kontakte pflege ich noch um mitzuverfolgen, wie es ihnen geht. Und über Folgendes war ich sehr froh: Es scheint keine Genderkonflikte in der Armee zu geben. Frauen werden dort respektiert und gleich behandelt. Manchmal macht jemand einen Witz, aber das sind wirklich nur Witze. Und sie drehen sich nicht um Haltungen zu Genderfragen, das sind einfach Erscheinungen, mit denen man beim Militärdienst konfrontiert wird.
 
Sie haben sich für die bekannte litauische Musikerin Jurga Šeduikytė entschieden, um die Filmmusik zu schreiben und einzuspielen. Welche Art von Atmosphäre wollten Sie erzeugen?
 
Ich arbeitete schon bei meinem vorigen Film mit ihr zusammen. Sie komponierte die Filmmusik, bewies dabei ein Gespür für die Stimmung des Films und konnte ihm dadurch etwas Eigenes hinzufügen. Das Endergebnis gefiel mir richtig gut, die Musik explodiert irgendwie. Das bedeutet, dass wir als Frauen quasi explodieren: nach vorn gehend, etwas unternehmend. Und trotzdem tragen wir noch etwas Furcht in uns.
 
Giedrė Žickytė ist eine litauische Regisseurin. Sie schloss ihr Studium 2007 mit einem MA in Bildender Kunst an der Vilnius Art Academy ab. Ihre Dokumentarfilme How We Played the Revolution (2011, Litauen / Frankreich) und Master and Tatyana (2015, Litauen) wurden zu zahlreichen internationalen Festivals eingeladen und mehrmals ausgezeichnet.
Žickytė ist ein Mitglied der Lithuanian Film Academy, der Lithuanian Filmmakers Union und des European Documentary Network, außerdem ist sie Absolventin des Berlinale Talent Campus, von Sources2 und Eurodoc und aktuell Teilnehmerin des CPH: DOX LAB-Programms.