Künstlerduo Distruktur im Gespräch
„Das Meer sieht jeden Tag anders aus“

„In the Traveler's Heart“ by Distruktur, 2013
„In the Traveler's Heart“ by Distruktur, 2013 | © Distruktur

Das Künstlerduo „Distruktur“, bestehend aus Melissa Dullius und Gustavo Jahn, ist gleichermaßen aktiv in allen Bereichen der Filmproduktion – im Bereich des Drehbuch-Schreibens, Produzierens, Regieführens, an der Kamera und als Schauspieler. Ihre Produktionen werden auf 16 mm gedreht, und auch die weitere Bearbeitung sowie das Erstellen von Kopien übernehmen sie selbst. Die Arbeit der beiden Künstler bewegt sich zwischen Kino und den bildenden Künsten, Fiktion und Realität, Fotografie und bewegtem Bild. Distrukturs Filme wurden auf der Berlinale gezeigt, auf dem Torino International Film Festival, im New Museum in New York und beim Caixa Cultural in Rio de Janeiro. Vier ihrer Filme sind im Katalog vom New Yorker Filmmaker’s Coop, und im Mai 2012 war das Duo das Highlight bei der Performa Paço week im Paço das Artes in São Paulo.

Im Januar/Februar 2013 lebten die Künstler mit Unterstützung des Goethe-Instituts in der Kunstkolonie Nidden auf der Kurischen Nehrung und arbeiteten dort an einem Film, der im April 2013 Teil der Ausstellung „Ritualraum“ im Zentrum für zeitgenössische Kunst (CAC) in Vilnius sein wird.

Was weckte euer Interesse für den Ort Nidden?

Melissa Dullius: Wir wurden vom CAC wegen der für das Frühjahr geplanten Gruppenausstellung zusammen mit den anderen beteiligten Künstlern nach Nidden eingeladen, damit wir uns kennen lernen. Daraus folgte die Idee, im Winter zurück zu kehren und in Nidden zu arbeiten.

Gustavo Jahn: Unsere letzten Filme haben wir in großen Städten gedreht. In einem Ort wie Nidden zu drehen war also neu für uns, die Farben, und überhaupt, dass wir uns mit der Natur beschäftigten.

Woran genau habt ihr gearbeitet und wie war eure Arbeitsweise dabei?

G. J: Im Oktober hatten wir bereits ein paar Ideen, die auch schlussendlich zur Grundessenz unserer Arbeit wurden. Eines davon war das Konzept des Doppelten. Wir haben uns damals entschieden, mit dem Unterschied von ein und zwei zu spielen. Wir wussten damals bereits, dass wir keine Crew haben, sondern alleine arbeiten würden – Melissa und ich. Dazu passte das Konzept natürlich, zwar mit zwei Charakteren zu arbeiten, aber trotzdem eine Einheit herzustellen. Als wir dann im Januar ankamen, haben wir die Idee weiter entwickelt – durch Spaziergänge und der Suche nach Orten. Danach schrieben wir das Drehbuch, nähten die Kostüme, bereiteten die Gegenstände, die im Film erscheinen, vor und begannen schließlich mit dem Dreh. Alles außer Bäumen und Schnee wurde von uns selbst hergestellt und platziert.

Gehört es zu eurer üblichen Arbeitsweise, autonom und alleine zu agieren – alles selbst zu machen?

G.J: Ich würde es nicht alleine nennen. Es hängt von dem Projekt ab, manchmal arbeiten wir auch mit mehreren Leuten zusammen. Aber die grundsätzliche Idee des Do-it-yourself ist sehr wichtig. In Nidden haben wir zum Beispiel ein Labor aufgebaut, auf 16 mm-Filmmaterial gedreht und gleichzeitig entwickelt. Wir haben das Gefühl, dass wir alles einmal angefasst haben müssen.

M.D: Das ist echte Handarbeit. Uns wurde schon oft gesagt, dass unsere Arbeitsweise sehr primitiv sei, aber im Grunde läuft alles, wie es üblich ist, eben nur mit den Händen anstatt von Maschinen.

Das spiegelt sich bestimmt auch in der Ästhetik wider.

M.D: Auf jeden Fall.

Worum geht es bei der Gruppenausstellung im CAC und inwiefern fügt sich euer Film ein?

G. J: Das Konzept der Ausstellung hat den Film von Anfang an sehr stark beeinflusst, zum Beispiel das Thema „Rituale“. Mit den anderen Künstlern unterhielten wir uns außerdem über visuelle Sprache und planten, vor allem mit Bildern zu arbeiten. Ein konkretes Beispiel ist, dass es in unserem Film keine Gespräche, sondern nur ein Lied gibt – Worte geschehen also nur in der Musik.

Die Atmosphäre in Nidden hat bereits den traditionsreichen Ruf, eine hohe Anziehungskraft auf Künstler zu besitzen. Habt ihr das gespürt?

M.D: Ich habe viele Landschaften und Zustände erlebt, die ich so vorher noch nie gesehen habe. Zum Beispiel das zugefrorene Haff oder dass das Meer jeden Tag anders aussieht. Die Atmosphäre von Nidden ist vor allem bestimmt durch eine große Ruhe.

G. J: Der Film hat zwei Teile: Der erste ist realistisch und der zweite abstrakt – und zwar deswegen, weil ich genau diese beiden Zustände in Nidden spüren konnte: einerseits die Natur als etwas, das größer ist als wir und das wir nicht kontrollieren können, und andererseits der Eindruck, dass nicht viel passiert. Das führt dazu, dass der Geist mehr arbeitet, meine Träume reicher waren als üblicherweise.
 

Film „In the Traveler’s Heart“ | © Distruktur


Der Ruhe und Zurückgezogenheit in Nidden wird häufig diese enorme Inspirationskraft zugeschrieben. Aber habt ihr nur dies erlebt oder ist euch nach ein paar Wochen auch mal langweilig geworden?

M.D: Eigentlich nicht, weil wir ganz viel zu tun hatten. Wir haben uns ab einem bestimmten Punkt in Schichten organisiert: Dreh, Labor und ein bisschen Schlaf. Die Ruhe war zwar unweigerlich da, aber wir haben ganz viel bewegt.

Wie sieht ein ganz klassischer Nidden-Arbeitsalltag aus?

G. J: Oft sah es so aus, dass wir erst ein bisschen Gymnastik gemacht haben, dann nach draußen gegangen sind und nachmittags und abends gelesen haben, studiert sozusagen. Wir haben ein paar Bücher mitgebracht, die etwas mit unseren Themen zu tun hatten.

M.D: Später wurde das eher vom Schreiben, Basteln und dem Herstellen der Kostüme abgelöst.

Wie sehen die Kostüme aus?

G. J: Die sind unterschiedlich inspiriert, zum Beispiel von den Gauchos. Der Film war generell inspiriert von der Idee des Südens. Wir wollten mit Figuren arbeiten, die für unbestimmte vergangene Zeiten stehen. Die Gauchos sind dabei ein wichtiger Einfluss, die Cowboys Süd-Amerikas. Sie zeichnen sich durch diesen Hut und einen Poncho aus – an die Ponchos haben wir ein paar Symbole angebracht, die mit Magie in Verbindung stehen.

Wie funktioniert eure Arbeitsteilung? Müsst ihr häufig Kompromisse eingehen oder steht die vorher gefasste Idee ohnehin an erster Stelle?

M.D: Unsere Zusammenarbeit ist mit der Zeit sehr organisch geworden.

G. J: Die Idee vom einen findet grundsätzlich beim anderen Gehör. Alle Positionen, die eine Filmcrew mit sich bringt, erledigen wir gemeinsam und wir tauschen regelmäßig.

M.D: Wir versuchen wirklich, uns nicht zu spezialisieren. Das wäre langweilig. Dann könnte einer immer seine Meinung zu dem gleichen Bereich geltend machen.

G. J: Wenn ich vor der Kamera stehe, muss Melissa Kamerafrau und Regisseurin sein und anders herum. Einmal musste ich sie zum Beispiel daran erinnern, dass sie in diesem Augenblick als Schauspielerin zu agieren hat und nicht als Regisseurin, das würde es zu kompliziert machen. Dazu gehört Vertrauen, und einander zu vertrauen kann man üben. Dadurch, dass wir ganz und gar auf uns gestellt waren, haben wir eine Menge gelernt.
 

Gustavo Jahn (Florianópolis, 1980) und Melissa Dullius (Porto Alegre, 1981) sind Künstler und Filmemacher. Seit 2007 leben und arbeiten sie in Berlin und formen gemeinsam das Duo „Distruktur“.