Kuhrische Nehrung Interpretation litauischer Künstler

Adolis Jonas Krištopaitis (1925–2000) Nehrung. 1972
Adolis Jonas Krištopaitis (1925–2000) Nehrung. 1972 | © Nationales M.-K.-Čiurlionis-Kunstmuseum

Ostpreußische Künstler, Lehrende und Studierende der Kunstakademie in Königsberg entdeckten schon um 1850 die Kurische Nehrung und verewigten sie in ihren Arbeiten. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstand eine Künstlerkolonie in Nidden, der sich später auch Künstler aus ferneren Gegenden Deutschlands und ganz Europas anschlossen.

Die litauischen Künstler entdeckten die Kurische Nehrung mit ihrer eindrucksvollen Landschaft eine ganze Weile später. Laut Dr. Nijolė Strakauskaitė, die sich der Geschichte dieses Landstriches widmet, hatte die litauische Bevölkerung, auch nachdem das Memelland 1923 zum autonomen Teil der Litauischen Republik wurde, ihre Schwierigkeiten mit der "Entdeckung" der Kurischen Nehrung, denn man wusste nur wenig von ihr und störte sich am deutschen Image dieser Sommerferienorte. In der Tat wird in den Erinnerungen des Bildhauers Petras Rimša, der 1912 die Kurische Nehrung bereiste, neben der Begeisterung für die Landschaft auch ein Gefühl des Unbehagens vernehmbar, das ihn in der deutschen Umgebung überfiel und das auch in den Gesprächen zwischen dem Publizisten und Fotografen Petras Babickis und so manchem Intellektuellen von Kaunas noch um 1931 auftaucht. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass die ersten Künstler, die auf die Kurische Nehrung für Erholung und Arbeit kamen, sämtlich auf die eine oder andere Weise mit Deutschland in Verbindung standen oder Deutsch sprachen. Es ist anzunehmen, dass der erste litauische Künstler, der hier länger verweilte, 1920 der Maler Antanas Žmuidzinavičius war. Er war bereits mehrfach zu Studienzwecken in Deutschland gewesen und ließ sich von der einzigartigen Landschaft der Nehrung so begeistern, dass er sich dort sowohl in den 1920ern als auch in den 1930ern oft aufhielt und arbeitete. Um 1923 besuchte der aus Klaipėda (Memel) stammende Künstler Adomas Brakas die Nehrung. Im Sommer 1926 arbeiteten Petras Kalpokas, der in München studiert hatte, und seine spätere zweite Ehefrau, die bildende Künstlerin und Ballett-Tänzerin Olga Dubeneckienė (geb. Schwede), die aus einer deutschen Familie in Livland stammte, auf der Kurischen Nehrung.

Antanas Žmuidzinavičius (1876–1966) Die Pyramide in Juodkrantė. 1937 Antanas Žmuidzinavičius (1876–1966) Die Pyramide in Juodkrantė. 1937 | © Nationales M.-K.-Čiurlionis-Kunstmuseum Die 1926 auf der Kurischen Nehrung entstandenen Bilder von Antanas Žmuidzinavičius, Petras Kalpokas und Olga Dubeneckienė-Kalpokienė wurden 1926, 1927 und 1928 bei Ausstellungen gezeigt und erzielten auch eine gewisse Werbewirkung für die eigentümliche Schönheit dieses Landstriches. Ein unmittelbarer Austausch von Eindrücken wird sehr wahrscheinlich auch stattgefunden haben. Das Interesse an der Kurischen Nehrung wuchs auch unter dem Einfluss der Aufmerksamkeit, die die litauische Regierung dem 1923 übernommenen Landstrich zukommen ließ. Verschiedene Informationsschriften wurden herausgegeben, 1935 fand eine große Ausstellung über Kleinlitauen im Vytautas-Magnus-Museum statt, in der damaligen Presse erschienen Artikel mit den besonders beliebten Landschaftsfotografien, die für die Kurische Nehrung warben. Bereits Ende der 1920er und in den 1930ern weilten schon wesentlich mehr litauische Künstler auf der Kurischen Nehrung. Das in Museen oder den Ausstellungskatalogen der Zwischenkriegszeit verzeichnete künstlerische Erbe bezeugt, dass damals auf der Nehrung neben deutschen Künstlern auch folgende Künstler arbeiteten: Neemija Arbitblat, Kajetonas Sklėrius, Vytautas Kairiūkštis, Ignas Piščikas, Jonas Buračas, Gerardas Bagdonavičius, Vladas Eidukevičius, Leonardas Kazokas, Aleksandras Šepetys, Rudolfas Hoppas, Matas Menčinskas, Mečislovas Bulaka, Juozas Bagdonas, Antanas Gudaitis, Rimtas Kalpokas, Telesforas Valius, Česlovas Janušas und andere.

Petras Kalpokas (1880–1945) Etüde aus Nidden, 1926 Petras Kalpokas (1880–1945) Etüde aus Nidden, 1926 | © Nationales M.-K.-Čiurlionis-Kunstmuseum Nach der Okkupation Litauens durch die Sowjetunion im 2.Weltkrieg wurde die Kurische Nehrung unerreichbar für ausländische Künstler. Auch für litauische Künstler wurde es schwieriger, da die zum Grenzsperrgebiet erklärte Nehrung nur noch mit Sondergenehmigung zugänglich war. Doch einige Künstler, die noch vor dem Krieg dieses eigentümliche Land ins Herz geschlossen hatten, fanden Mittel und Wege, dieses Hindernis zu umgehen und kamen weiterhin auf die Nehrung. Anscheinend war Žmuidzinavičius wieder einer der ersten, die nach dem Krieg auf die Kurische Nehrung kamen. Im Verzeichnis seiner Arbeiten finden sich schon ab 1946 erneut Bilder mit Motiven der Nehrung. Nach und nach kehrten auch andere Künstler, die sich dort vor dem Krieg aufgehalten hatten, auf die Nehrung zurück: Leonardas Kazokas, Rimtas Kalpokas, Mečislovas Bulaka und andere. Antanas Gudaitis z.B. kam nicht nur selbst, er brachte auch seine Studenten vom staatlichen Kunstinstitut der Litauischen SSR zum Praktikum auf die Nehrung mit. Es folgten weitere Kunstdozenten und Kunstlehrer mit ihren Praktikanten. So wurden die Kunstpraktika zur Sowjetzeit für einige litauische Künstler zu einem hervorragenden Anlass, eine Genehmigung zu erhalten und auf die Nehrung zu kommen. Für manche bedeutete das Praktikum lediglich eine nette Episode, andere, wie Adelė Medutytė (ab 1956), Romualdas Kunca (ab 1957) oder Rimtas Tarabilda (ab 1959) wurden zu treuen Liebhabern der Kurischen Nehrung. Manche Künstler entdeckten die Nehrung durch staatlich organisierte Exkursionen. Solche Tagesausflüge wurden oft vom Künstlerhaus in Palanga aus veranstaltet. Später konnten die Künstler auch die hier von den Betrieben errichteten oder gemieteten Ferienwohnungen nutzen. Einigen wenigen Künstlern gelang es auch zur Sowjetzeit, ein eigenes Sommerhaus auf der Nehrung zu erwerben. 1959 wurden die Künstler Eugenija und Vytautas Jurkūnas Eigentümer des 1939 von dem Künstler Richard Birnstengel in Purvynė erbauten Hauses. Rimtas Kalpokas gelang es von 1964 – 1969 ein Atelier in Juodkrantė (Schwarzort) zu erhalten. Um 1970 ließ sich der Volkskünstler und Förderer der ethnischen Tradition der Nehrung Eduardas Jonušas in Nida nieder, genau wie 1976 auch der Künstler Rimantas Didžpetris. Mit zunehmender Liberalisierung des Genehmigungssystems und steigender Zahl privat vermieteter Ferienwohnungen entdeckte auch zur Sowjetzeit ein Großteil der litauischen Künstler die Kurische Nehrung für sich als Ort der Erholung und des künstlerischen Schaffens. Um nur einige zu erwähnen: Augustinas Savickas, Leonas Katinas, Arvydas Šaltenis, Igoris Piekuras, Adolis Jonas Krištopaitis, Jonas Čeponis, Algimantas Švažas.

Augenblicke aus dem Plein-Air-Workshop „Nidos ekspresija“, 2009 Augenblicke aus dem Plein-Air-Workshop „Nidos ekspresija“, 2009 | © Aus dem Archiv des Malers Saulius Kruopis Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens 1991 und der Abschaffung des Genehmigungssystems wurde die Kurische Nehrung für Künstler noch leichter erreichbar. Auch Künstler aus dem Ausland konnten wieder anreisen, v.a. seit dem Beitritt Litauens zur EU im Jahre 2004. Auch weiterhin blieb die Nehrung Anziehungspunkt und Inspirationsquelle für Künstler. Das wieder zum Leben erwachte aktive Künstlerleben der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert brachte deutliche Abwechslung in die Besuche einzelner Künstler. Seit 1993 veranstaltet Giedrė Bulotaitė-Jurkūnienė, die Präsidentin des Vilniusser Künstlerklubs Plekšnė, jedes Jahr einen Plein-Air-Workshop auf der Nehrung. Der jährliche internationale Plein-Air-Workshop Nidos ekspresija wird seit 1995 von dem Maler Saulius Kruopis organisiert, der bewusst eine Wiederanknüpfung an die Tradition der Künstlerkolonie in Nidden vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts anstrebt. Er trägt eine Sammlung der auf den Plein-Air-Workshops gemalten Bilder zusammen, organisiert Ausstellungen und dokumentiert konsequent das Geschehen.

2010 begann die Gruppe der Individualisten in Pervalka (Perwelk) ihre Plein-Air-Workshops zu veranstalten. 1997-1999 fanden in Juodkrantė internationale Symposien der Steinbildhauerei statt, die dort entstandenen Arbeiten schmücken noch heute das Haffufer. Seit 2008 finden in Juodkrantė internationale Symposien für Feuerskulpturen aus Schilf statt. Die dabei entstehenden Arbeiten werden zur Feier der Herbst-Tagundnachtgleiche verbrannt. Auch die Tradition der Kunstpraktika auf der Nehrung für Schüler und Studenten wird fortgesetzt. Zum Stützpunkt des Sommerpraktikums der Vilniusser Kunstakademie wurde 2011 die Kunstkolonie Nidden, die auf ihre Weise die Tradition der historischen Künstlerkolonie fortsetzt und aktualisiert. 1994 ließ sich die Künstlerfamilie Kristina und Albertas Danilevičius in Juodkrantė nieder und eröffnete dort ihr Sandstudio. Um 1995 erwarben die Künstler und Förderer der ethnischen Tradition der Nehrung Jūratė Bučmytė und Albertas Krajinskas hier ein Sommerhaus. Der aus Nida stammende Marius Valančius schloss ein Kunststudium ab. Neben den staatlichen Museen wurde auch die private Galerie der Familie Mizgiris und eine Kurenkahnwimpel-Galerie eröffnet. Auf der Nehrung finden zahlreiche Festivals und Seminare statt. Die Kurische Nehrung gilt also wieder als ein Paradies für Künstler, wobei es einfacher wäre, die litauischen Künstler aufzuzählen, die seit 1991 nicht hier gewesen waren, als solche, die hier waren.

In den auf der Nehrung entstandenen Arbeiten litauischer, genauso wie auch deutscher Künstler dominiert die Landschaft mit dem faszinierenden Raum dieser Gegend, den majestätischen Dünen der Nehrung, der Ruhe ausstrahlenden Weiten des Haffs, die launenhafte See mit den für diese Gegend charakteristischen Booten, den Stränden, der landestypischen Architektur, den Einwohnern und ihrem Alltag und den Feriengästen. Meist enthalten sie Ansichten von Nida, Motive aus Juodkrantė, Pervalka sowie Preila (Preil) kommen auch vor. Die auf der Nehrung entstandenen Arbeiten dokumentieren deren Landschaft, halten ihren Wandel fest und vermitteln die Identität und Essenz dieses einzigartigen Landstriches.
 

Literatur:


Jörn Barfod. Nidden Künstlerkolonie auf der Kurischen Nehrung. Fischerhude, 2005.

Nijolė Strakauskaitė. Kuršių nerija – Europos pašto kelias (Die Kurische Nehrung – die Poststraße Europas). Klaipėda, 2001

Petras Babickas. Gintaro krantas (Die Bernsteinküste). Kaunas, 1932

Juozas Pronskus. Lietuvos Sahara: Kuršių užmaris (Die litauische Sahara: das Kurische Haff). Klaipėda, 1923

Bilder/Werkeverzeichnis des Malers A. Žmuidzinavičius (Žemaitis) Antanas-Žmuidzinavičius-Museum, Kaunas

Saulius Kruopis. Nidden. Brücke. Anthologie der Plein-Air-Workshops expressionistischer Malerei. Vilnius, 2011

Tarp dangaus ir jūros: Kuršių nerija XIX a. pabaigos – XX a. I pusės meno kūriniuose: parodos katalogas (Zwischen Himmel und Meer: Die Kurische Nehrung in künstlerischen Arbeiten Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Ausstellungskatalog)/ Hg. Irmantė Šarakauskienė. Kaunas, 2011