Theater „Jede Aufführung ist anders – und unvorhersehbar“

Tanjas Geburtstag
Die Interviewten von links nach rechts: Laila Burāne, Artūrs Čukurs, Jānis Kronis, Mārtiņš Eihe und Jana Ļisova. | Foto (Ausschnitt): Goethe-Institut/Kaspars Garda

Über 90 teils sehr persönliche Erinnerungen an das 20. Jahrhundert haben Menschen aus Riga und anderen Städten Lettlands eingesandt. Das Ģertrūdes ielas teātris hat daraus ein Theaterstück produziert. Doch wie macht man aus Erinnerungsfragmenten eigentlich eine Inszenierung? Und welche Bedeutung haben Erinnerungen für die Gesellschaft, für die Gegenwart und Zukunft eines Landes? Ein Gespräch mit Regisseur Mārtiņš Eihe, der Dramaturgin Laila Burāne und den Schauspielern Jana Ļisova, Jānis Kronis und Artūrs Čukurs.
 
Wie entstand die Idee eines Familientreffens als Ausgangspunkt des Stücks?
 
Mārtiņš Eihe: Aus der Verzweiflung über das Ausgangsmaterial. (Lacht) Einige der Erzählungen sind sehr konkret und man kann als Theatermacher etwas damit anfangen, andere wiederum nicht... Es stellte sich die Frage: Was tun mit all dem Material? Dann verstand ich, dass Menschen, wenn sie zusammenkommen, über die Dinge sprechen, die ihnen wichtig sind, oft assoziativ und ohne einen Kontext zu liefern. Sie reden einfach. Deshalb hielt ich dies für die beste Möglichkeit, das eingeschickte Material in einem Stück zu verwenden.
Laila Burāne: Als wir während der Proben die Texte durchgingen, bemerkten wir, dass sich unser Gesprächsthema oft plötzlich änderte – wir wandten uns unseren eigenen Erzählungen zu. So entstand die Idee der Struktur dieses Stücks: Die Leute beginnen, etwas zu erzählen, werden dann unterbrochen und beginnen ein anderes Gespräch.
Mārtiņš Eihe: Wir lassen in den Aufführungen auch die Zuschauer ihre Geschichten erzählen. Das Ergebnis ist zwar unvorhersehbar, doch die Struktur des Stücks lässt das zu.
Jana Ļisova: Mir macht die Reaktion der älteren Generation ein wenig Sorgen. Diejenigen, die selbst an den Ereignissen, über die wir im Stück sprechen, teilgenommen haben oder damit verbunden sind, erwarten, dass man ihren Erinnerungen dieselbe Emotionalität entgegenbringt wie sie selbst. Möglich, dass jemand von unserer Interpretation verärgert ist und während der Aufführung Einspruch erhebt. Aber gleichzeitig finde ich es aufregend, dass wegen des Publikums jede Vorführung anders sein wird. Wir können die Reaktionen der Zuschauer nicht ignorieren, und das macht das Stück sehr lebendig.
 
Wie haben Sie, aus Sicht der Dramaturgie, die Erinnerungen ausgewählt und wie sind Sie auf den Text des Stücks gekommen?
 
Laila Burāne: Jeder ist alle eingesandten Materialien durchgegangen und hat die interessantesten Stellen jeder Erzählung und jedes Videos markiert. Mārtiņš hatte schon das Konzept einer Geburtstagsfeier oder eines Familientreffens, wo die Menschen ihre Geschichten erzählen. Daher mussten wir aus Sicht der Dramaturgie weder ein Narrativ noch eine Handlung erfinden. Wir suchten Erinnerungen mit einer starken Meinung oder sehr persönlichen Details aus, um zu zeigen, wie widersprüchlich die Erinnerungen sein können. Dann entwarfen wir die Struktur des Stücks: Wie könnte dieses Familientreffen aussehen? Wir überlegten, wie sich Gespräche entwickeln, wie die Personen von einem auf das nächste Thema kommen und wieder zum Ausgangsthema zurückkehren.
 
Wie interagieren Ihrer Meinung nach die subjektiven, persönlichen Erinnerungen der Menschen mit der offiziellen Geschichte, den großen geschichtlichen Namen und Ereignissen? Haben Sie Widersprüche gefunden?
 
Laila Burāne: Das ist interessant, denn wir haben Erzählungen von Großeltern und Urgroßeltern der Menschen, und die offizielle Geschichte ihrer Zeit unterscheidet sich von der offiziellen Geschichte unserer Zeit.
Mārtiņš Eihe: Die offizielle Geschichte änderte sich während ihrer Lebenszeit, bei manchen Menschen sogar dreimal. Nehmen wir zum Beispiel den 9. Mai. Für manche Letten ist dieser Tag das Ende des Krieges, für andere der Beginn der Okkupation. Wir müssen diese beiden Standpunkte verstehen und in unserem Bewusstsein vereinen, aber im Alltag denken wir einfach nicht über die Mehrdeutigkeit dieses Datums nach. Das ist ein und dieselbe Erzählung, aber aus verschiedenen Blickwinkeln. Auch die Barrikaden [Januar 1991] sind ein wichtiges Ereignis, aber darüber haben wir im Projekt keine Erzählungen bekommen. Ich weiß nicht warum. Vielleicht deshalb, weil auch viele russischstämmige Menschen an den Barrikaden mitwirkten, die aber später nicht die lettische Staatsbürgerschaft erhielten; das veränderte natürlich ihr Leben. Ich glaube, dass sie nicht darüber sprechen, weil es ihnen noch immer weh tut.
 
Ich nehme an, dass man über diese Konfliktpunkte sprechen müsste...
 
Mārtiņš Eihe: Ich glaube, dass viele Menschen in Lettland lieber nicht sprechen möchten. Sie haben ihre Meinung, und die behalten sie für sich. Somit denken sie nicht darüber nach, ändern ihren Blickpunkt nicht, hören vielleicht nicht einmal die Meinung anderer. Sie leben mit ihren Vorurteilen: Alle Letten sind Faschisten, oder alle Russen sind Besetzer.
Artūrs Čukurs: Dieses Projekt spiegelt auch die Meinung der jüngeren Generationen zu unserer Geschichte. Ich finde es interessant, dass sie sich größtenteils auf die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges konzentrieren, obwohl Erinnerungen an das 20. Jahrhundert eingeschickt werden konnten, welches auch viele andere Ereignisse einschließt. In der Schule geht es im Geschichtsunterricht immer um uns und wie wir leiden, und das können wir hier auch sehen...
Mārtiņš Eihe: Ja, da gibt es viele Vorurteile. Das war für mich die größte Überraschung. Die meisten Menschen machen sich nicht ihre eigenen Gedanken, sondern wiederholen die Meinungen anderer. Ich hoffe, dass sich das ändern kann. Dass Menschen unterschiedlich denken können.
Jānis Kronis: Es war interessant zu versuchen, in die Köpfe der Menschen zu schauen, die diese Geschichten erzählen, die das gleiche immer und immer wiederholen. Doch auch Erinnerungen ändern sich. Die Menschen selbst ändern sie mit der Zeit.


Kreatives Team:
Regie: Mārtiņš Eihe
Raum und Kostüme: Ieva Kauliņa
Dramaturgie: Laila Burāne
Mitwirkende: Artūrs Čukurs, Mārtiņš Eihe, Jānis Kronis, Jana Ļisova
Projektleiterin der Aufführung: Maija Pavlova
Konzept: Deniss Hanovs
 

Das Theaterstück "Tanjas Geburtstag" ist im Rahmen des Projekts "Deine Erinnerungen für die Zukunft Lettlands - multimediale Begegnungen mit der gemeinsamen Vergangenheit" entstanden.
 
Das Projekt wurde ermöglicht durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland.