Kriminalliteratur in Lettland Von „Mērnieku laiki” bis „Meklējiet sievieti”

Kriminalliteratur in Lettland. Von „Mērnieku laiki” bis „Meklējiet sievieti”.
Kriminalliteratur in Lettland. Von „Mērnieku laiki” bis „Meklējiet sievieti”. | © Goethe-Institut Riga / Z.Murovska

Im Kontext der lettischen Literatur von starken und individuellen Krimitraditionen, vergleichbar mit der anglophonen, französischen oder schwedischen Literatur zu sprechen ist schwierig. Doch auch lettische Autoren haben sich im Laufe der letzten 150 Jahre immer wieder dazu hinreißen lassen, mit literarischen Krimielementen zu spielen.

Kriminelle Intrigen in den lettischen Klassikern

Es mag unglaublich klingen, aber bereits im ersten historisch bedeutenden Werk der lettischen Literatur, dem Roman Mērnieku laiki („Landvermesserzeiten” – 1879), haben die Autoren, die Brüder Kaudzīte, es geschafft, mit dem Auftreten eines falschen Landvermessers eine kriminelle Intrige einfließen zu lassen, die im Roman eine Reihe tragischer Ereignisse auslöst, welche die Schicksale der Figuren maßgeblich beeinflussen. Kriminelle Handlungen finden sich auch in anderen Werken der lettischen Literatur um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts, besonders im Kontext der Zuwendung zum Realismus und zur Untersuchung der sozialen und psychischen Verfassung des Menschen. Hier muss vor allem der lettische Klassiker des Realismus Rūdolfs Blaumanis erwähnt werden, der in seinen Werken häufig ein Verbrechen als Ausgangssituation für die Erkundung der inneren Welt seiner Figuren oder als Spannungshöhepunk á la Tschechow oder Dostojewski einsetzt, so z.B. in seinen Novellen Slepkavas („Mörder“) und Raudupiete („Die Raudup-Wirtin“) oder im Theaterstück Pazudušais dēls („Der verlorene Sohn“).
 
Zu ähnlichen Zwecken sowie zur Sozialkritik nutzen auch andere lettische Autoren des frühen 20. Jahrhunderts, vor allem Vertreter des Realismus wie Augusts Deglavs, Andrejs Upīts, Andrievs Niedra, Augusts Saulietis, Krimielemente in ihren Geschichten. Einen der ersten, relativ gelungenen Krimis schuf Andrievs Niedra mit seinem Werk Sikspārnis („Die Fledermaus“ – 1905), in dem der Einfluss der deutschen Literatur spürbar ist.
 
Doch eine Krimitradition entwickelt sich in der frühen lettischen Literatur nicht und auch während der unabhängigen Republik Lettlands (1918-1940) ändert sich nichts daran. Krimiliebhaber müssen vor allem mit billigen Schundromanheftchen Vorlieb nehmen, die – wenngleich sie von einheimischen Autoren (z.B. Žaņis Gingulis‘ Noslēpumainais tiesnesis („Der geheimnisvolle Richter“)) geschrieben werden – nur ungeschickte Nachahmungen auf dem Niveau der Fantômas- und Lips-Tullian-Serien sind. In den 1920er Jahren sind die sogenannten Schelmenromane bzw. pikaresken Romane beliebt, in denen verschiedene Finanzaffären, kleine und große Halunken und der Einfluss des Kapitalismus auf die Moral und Tugend der Gesellschaft beschrieben werden, oft mit einer ordentlichen Dosis Ironie und Satire. Zu den bedeutendsten Werken dieses Genres zählen Pāvils Rozītis’ Ceplis („Der Brennofen“ –  1928), Kārlis Zariņš’ Spīganas purvā („Die Hexen im Moor“ – 1929) und V. J. Gregri Latvijas karalis („Der König von Lettland“ – 1928). Doch diese Bücher können nicht als vollwertige Werke der Kriminalliteratur angesehen werden und erfüllen auch eine ganz andere Funktion – die Autoren möchten nicht einfach unterhalten (auch wenn diese Romane zumeist sehr rasant und attraktiv sind), sondern einen zeitgenössischen Einblick in die lettische Gesellschaft geben.

So nah wie möglich an der sowjetischen Lebensrealität

Die Situation in der Nachkriegsliteratur ändert sich nach Beginn der sowjetischen Okkupation Lettlands. Zunächst finden sich vereinzelte Krimielemente in den Romanen des Sozrealismus, später auch in der Abenteuerliteratur, die den Krieg, die Revolution von 1905 und andere historische Ereignisse behandelt, z.B. in Gunārs Cīrulis‘ und Anatols Imermanis‘ gemeinsam verfassten Romanen. Später schafft es der lettische Krimi, in mehrere Richtungen zu expandieren, ungeachtet der sowjetischen Zensur und verschiedener ideologischer Einschränkungen sowie der Funktion der Literatur als gesellschaftlicher Moralkompass, was den Rahmen der möglichen Handlungen und Figuren beträchtlich einschränkt.
 
Vladimirs Kaijaks wendet sich Ende der 60er Jahre der Richtung des psychologischen Kriminalromans zu, in denen er vor allem Verbrechen, die aus Alltagssituationen heraus entstanden sind, sowie die innere Welt der Figuren untersucht. Auch andere Krimiautoren befassen sich in ihren Büchern eher mit der Ergründung der Ursachen für ein Verbrechen und der Persönlichkeit der Verbrecher, als mit spannenden Wendungen der Handlung oder ungewöhnlichen Ermittlerfiguren, da die Schriftsteller angehalten sind, das Verbrechen und die Ermittlungen möglichst nah an der sowjetischen Lebensrealität darzustellen.

Sorgfältige Vertiefung in die wirtschaftlichen Probleme des Sowjetsystems

Der beste lettische Krimiautor dieser Zeit ist Andris Kolbergs, dessen erste Kriminalerzählung 1969 erscheint. Zunächst spielt Kolbergs in seinen Geschichten mit den amerikanischen „hardboiled detective“ und den englischen Krimi-Schemen, die er in die sowjetische Realität überträgt, später beginnt er, das Genre kreativ seinen eigenen Ansichten über den Kriminalroman anzupassen. Charakteristisch für Kolbergs‘ Romane (Krimināllieta trijām dienām („Drei Tage zum Nachdenken” – 1977), Cilvēks, kas skrēja pāri ielai („Der Mann, der über die Straße lief” – 1978) u.a.) sind die Fragmenthaftigkeit der Handlung, sein Spiel mit verschiedenen Klischees des Genres (so wird z.B. ein Mord genutzt, um die Aufmerksamkeit der Leser zu erregen, die dann auf völlig andere Verbrechen stoßen), biografische und historische Absätze und umfangreiches informatives Material zu verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Aspekten des Lebens in der Sowjetunion, u.a. ein Einblick in das Gefängnisleben und die Welt des professionellen Verbrechens.
 
Kolbergs nutzt das Modell des sozialpsychologischen Kriminalromans, um die wirtschaftlichen Probleme in der Sowjetunion gründlich zu analysieren und Verbrechen aufzudecken, die auch Vertreter der hohen Gesellschaftsklassen wie Ingenieure, Fabrikdirektoren, Ärzte usw. begehen. Kolbergs wird zu einem der beliebtesten lettischen Schriftsteller in der gesamten Sowjetunion, seine Werke werden in viele Sprachen übersetzt und verfilmt. Ein einzigartiges Phänomen sind die Romane von Anatols Imermanis, die in den USA, Singapur, Spanien und der BRD, also im kapitalistischen Westen, spielen (Pavadonis met ēnu (Ein Satellit wirft Schatten – 1964), Lidmašīnas krīt okeānā (Flugzeuge stürzen in den Ozean – 1968) u.a.).
 
Imermans‘ Werke sind Imitationen ausländischer Literatur (hauptsächlich im Stil von Krimis und politischen Thrillern aus Amerika). Sie sind eine Art Ersatzliteratur für die sowjetischen Leser und die Handschrift des Autors verschwindet vor dem Hintergrund der vielen Klischees.

Qualitätsverfall

Nach Lettlands Wiedererlangung der Unabhängigkeit erlebt die Kriminalliteratur paradoxerweise nicht etwa eine Blütezeit, sondern einen starken Qualitätsverfall, der auch durch eine Vielzahl an künstlerisch wenig wertvollen Übersetzungen ergänzt wird. Beeinflusst von der westlichen und russischen Literatur reproduzieren viele Schriftsteller, die bereits zu Sowjetzeiten aktiv waren (Gunārs Cīrulis, Miermīlis Steiga, Andris Puriņš, Anatols Imermanis u.a.), in ihren Werken vor allem Klischees des Genres, noch dazu auf eine literarisch minderwertige und ideologisch widersprüchliche Weise. Der beliebte Humorist Andrejs Skailis schreibt mehrere ironische Kriminalromane und zeigt so die humoristische Seite der lettischen Kriminalliteratur. Der bedeutendste Krimiautor der 90er Jahre ist noch immer Andris Kolbergs, dessen Romane Civilizēto krokodilu sindroms („Das Syndrom des zivilisierten Krokodils” – 1993) und Meklējiet sievieti („Suchen Sie die Frau” – 1996) die historischen Veränderungen und Herausforderungen, mit denen sich Lettland in diesem schwierigen Jahrzehnt auseinandersetzten muss, präzise widerspiegeln.

 
Das Bild ist in Zusammenarbeit mit der Lettischen Nationalbibliothek, wo auch alle darin zusehender Bücher vorhanden sind, entstanden.
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