Kriminalliteratur in Lettland Von “Mendela Davidsona briljanti” bis “Parādu piedzinēji”

Kriminalliteratur in Lettland. Von “Mendela Davidsona briljanti” bis “Parādu piedzinēji”.
Kriminalliteratur in Lettland. Von “Mendela Davidsona briljanti” bis “Parādu piedzinēji”. | © Goethe-Institut Riga / Z.Murovska

Es ist schon fast ein Fünftel des neuen Jahrhunderts vergangen, doch der lettische Krimi scheint die Verwirrung, welche die Wiedererlangung der Unabhängigkeit Ende des 20. Jahrhunderts mit sich brachte, noch immer nicht überwunden zu haben. Vom Tod des Genres zu sprechen wäre übertrieben, doch auch seine ersehnte Renaissance lässt noch auf sich warten.
 

Beliebt bei den Lesern

Die Zahl der erschienenen lettischen Krimis ist seit der Jahrhundertwende allerdings gestiegen und dafür sind vor allem die Verlage Latvijas Mediji (früher Lauku Avīze) un Zvaigzne ABC verantwortlich, die durch verschiedene Wettbewerbe und Serien (Lata romāns, Zvaigznes Detektīvu klubs) versucht haben, das Genre zu reanimieren. Doch eine Steigerung der Quantität bedeutet nicht gleichzeitig eine Steigerung der Qualität und die Einzelbände dieser Serien werden zumeist von der Literaturkritik als künstlerisch wenig wertvolle Trivialliteratur angesehen und ignoriert.
 
Einerseits kann man dies nicht als negatives Phänomen betrachten, denn zweifellos ist Kriminalliteratur zur Unterhaltung der Leser gedacht und einzelne Krimiautoren, die z.T. ebenfalls von der „ernsthaften Kritik“ ignoriert werden, erfreuen sich dennoch großer Beliebtheit bei den Lesern. Und das ist womöglich das wichtigste Kriterium für den Erfolg lettischer Krimis. Andererseits verliert der durchschnittliche lettische Krimi im Vergleich mit erfolgreichen Übersetzungen aus der amerikanischen, schwedischen oder deutschen Literatur kläglich.
 
Von Erfolg auf dem internationalen Markt kann höchstens der Krimiklassiker Andris Kolbergs träumen, der in den ehemaligen Sowjetrepubliken noch immer einen Namen hat und dessen Bücher aufgrund ihrer literarischen Qualität und der exotischen Informationen über das Leben im sowjetischen Lettland für Leser im Westen von Interesse sein könnten. Kolbergs' Talent hat die lettische Kriminalliteratur ihr wahrscheinlich wichtigstes Werk des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts zu verdanken, die historische Krimi-Trilogie Mendela Davidsona briljanti („Mendel Davidsons Brillanten”, 2002-2004).

Kluge und furchtlose Frauen ermitteln

Eines der interessantesten Phänomene der letzten Zeit im lettischen Krimi ist sicherlich der vergleichsweise hohe Anteil an weiblichen Autorinnen und das damit einhergehende große Angebot an sogenannten „Frauenkrimis“. In diesen Büchern ermittelt meist eine kluge und furchtlose Frau, deren Biografie oft auffällige Ähnlichkeiten mit der Biografie der Autorin aufweist (so sind z.B. im Roman Tik vienkārši („So einfach“, 2011) der ehemaligen Journalistin Dace Judina und in Maija Pohodņevas Roman Aklās mājas gūstekņi („Die Gefangenen des blinden Hauses“, 2000) die Hauptfiguren ebenfalls mutige, vom Leben abgehärtete Journalistinnen).
 
Judina und Pohodņeva (deren letzte Bücher in Zusammenarbeit mit Modris Pelsis entstanden sind) schreiben über das Lettland von heute und lassen verschiedene Realien und Probleme unserer Zeit in ihre Geschichten einfließen. Allerdings wird die literarische Oberflächlichkeit der Autorinnen leider durch banale Überlegungen auf publizistischem Niveau und das Aufhalten der Handlung durch überflüssige Abschweifungen und unnötige Handlungsstränge noch verstärkt. Judinas Romanreihe Izmeklē Anna Elizabete („Anna Elisabeth ermittelt”) ist nur ein weiterer Miss-Marple-Abklatsch, wohingegen Pohodņeva und Pelsis eher versuchen, russische Action-Thriller nachzuahmen.
 
Frauenkrimis in ähnlichem Stil wie Judina schreibt auch Margarita Grietēna, die ihre Handlungen gern auch mal in exotischeren Orten im Ausland ansiedelt, wie bereits die Titel Nāve Londonā („Tod in London“) oder Kad visi striķi trūkst jeb Atentāts Burgteātrī („Wenn alle Stricke reißen oder Attentat im Burgtheater“) zeugen. Extravaganter und künstlerisch hochwertiger sind Franciska Ermleres Frauenkrimireihe Rīgas detektīvs („Riga-Krimi“, begonnen 2013, bisher 7 Bände) und der Roman Neredzamie („Die Unsichtbaren” – 2018) von der anerkannten Dichterin und Schriftstellerin Inga Gaile. Die Autorinnen setzen die Handlung in den ihnen wohlbekannten lettischen Kulturkreisen zwischen Künstlern, Theaterleuten und Literaten an.

Nationale Thriller zum Thema Weltverschwörung

Ein anderer spürbarer Trend geht hin zu nationalen Thrillern zum Thema Weltverschwörung, bei denen die Geschichte des lettischen Volks im Mittelpunkt des Weltgeschehens steht (Grund hierfür ist vermutlich die große Beliebtheit der Werke von Dan Brown und Umberto Eco in Lettland). Hierzu zählen Eva Mārtužas historischer Roman Pētera zvērests („Peters Schwur“ – 2008, in der Presse als „erster lettischer Kryptothriller“ tituliert) und Otto Ozols‘ Roman Latvieši ir visur („Letten sind überall“ – 2010), der seinerseits auf dem Klappentext als „erster lettischer Weltverschwörungs-Thriller“ beschrieben wird. Diese beiden Romane werden aufgrund von künstlerischen Unzulänglichkeiten und der fehlenden genretypischen Spannung kritisiert. Nichtsdestotrotz wird Ozols‘ Roman zu einem für die örtlichen Verhältnisse einschlagenden Literaturphänomen. Vor einiger Zeit hat sich auch Arno Jundze mit seinem Kryptothriller Bergs un relikviju mednieki („Bergs und die Reliquienjäger“ – 2016) zu ihnen gesellt. Darin geht es um einen Bodyguard, der versucht, in Lettland versteckte Schätze der Templer zu finden.
 
Hin und wieder erscheinen auch andere politische Thriller aus Lettland auf der Bildfläche. Als einer der ersten wagte sich Andis Sedlenieks mit seinem Roman Gladiators („Gladiator“ – 2002) an dieses Genre heran, in dem der estnische Geheimdienst die Hilfe eines lettischen Millionärs in Anspruch nimmt, um entführte estnische Fischer zu finden, die zur Unterhaltung skrupelloser, reicher Leute zu brutalen Gladiatorenkämpfen gezwungen werden. Es folgen Bens Latkovskis‘ Nelaiķis ierodas ar nokavēšanos („Eine Leiche kommt mit Verspätung” – 2002) und der von Jurģis Liepnieks und Nils Sakss gemeinsam verfasste Detektivthriller Nāve – tās nav beigas („Der Tod ist nicht das Ende“ – 2014). Die Autoren haben den Wunsch gemeinsam, in ihren Büchern politische Verschwörungen zu erschaffen, die sich die Kontrollübernahme in Lettland zum Ziel gesetzt haben (in beiden Romanen balancieren die Verschwörungen hart an der Grenze zum Absurden) und gleichzeitig mit allen ihnen missfallenden lettischen Politikern, Journalisten, Mitarbeitern des Rechtssystems usw. abzurechnen, die entweder beim Namen oder in leicht zu entschlüsselnder Weise genannt werden. Die Werke von Latkovskis und Liepnieks/Sakss werden von einer spürbaren Ironie durchzogen, wodurch der Leser raten muss, wie ernst er die Botschaft der Autoren zu nehmen hat. Außerdem ist es Liepnieks und Sakss gelungen, eine der schillerndsten Ermittlerfiguren in der lettischen Kriminalliteratur zu erschaffen.

Außerhalb der gewöhnlichen Kategorien

Es sollen auch einige Autoren erwähnt werden, deren Bücher nicht in die oben genannten Kategorien passen. Der Roman Kartona kareivji („Pappsoldaten“ – 2005) von Johans Korins, dem Begründer des intellektuellen Krimis in Lettland, ist ein ungewöhnliches Werk sowohl in der Geschichte des lettischen Kriminalromans, als auch in der Geschichte der lettischen Literatur insgesamt. Die Romanfiguren klären Verbrechen auf, indem sie mathematische Regeln anwenden und Logikaufgaben lösen, wodurch die Handlung meist in einer scheinbar von der Realität abstrahierten Umgebung stattfindet.
 
Aldis Bukšs' Debütroman Parādu piedzinēji („Die Schuldeneintreiber“ – 2015) folgt der Tradition des sozialpsychologischen Krimis à la Kolbergs und anderer Autoren aus der Sowjetzeit. Leider fehlen dem Roman die starke Individualität des Autors und eine sorgfältigere Textauslese. Egīls Venters scheint hingegen der einzige Schriftsteller in der lettischen Literatur zu sein, der konsequent in der Tradition des roman noir schreibt. Seine Bücher werden zwar nicht zu den traditionellen Krimis gezählt, dennoch nutzt der Autor verschieden Elemente und Klischees des Genres für seine postmodernen, literarischen Spiele.
 

Das Bild ist in Zusammenarbeit mit der Lettischen Nationalbibliothek, wo auch alle darin zusehender Bücher vorhanden sind, entstanden.
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