|

19:30 Uhr

Futur drei

Mittwochskino Spezial|Regie: Faraz Shariat 2019, 92 min

  • Goethe-Institut Peru, Lima 15072

  • Sprache Deutsch mit spanischen Untertiteln
  • Preis Eintritt frei
  • Teil der Reihe: Mittwochskino

Futuro 3 Foto; Juenglinge Film

Futur drei Foto: Juenglinge Film

Der dritte Oktober ist Tag der deutschen Einheit. 

FUTUR DREI
Regie Faraz Shariat
2019, Farbe, 92 min
Eintritt frei


Die sorglos driftende Existenz zwischen Reihenhaussiedlung, Raves und Dates des jungen persisch-stämmigen Parvis bekommt eine neue Wendung, als er ein erst kürzlich aus dem Iran geflohenes Geschwisterpaar kennenlernt; es wird ein Sommer der Liebe und des Erkennens, wie fremd man im Vertrauten sein kann.

Mehr zum Film

Zwischen Dachgeschosszimmer im elterlichen Reihenhaus, Grindr-Dates und Raves bewegt sich das Leben von Parvis, dessen Eltern einst aus dem Iran nach Deutschland migriert waren. Nach einem Ladendiebstahl wird er zu Sozialstunden als Übersetzer in einem Flüchtlingsheim verurteilt, wo er ein aus dem Iran geflohenes Geschwisterpaar kennenlernt. Während Amon, dem es schwerfällt in Deutschland anzukommen, den blondierten Jüngling zunächst für einen von „ihnen“ hält, durchschaut dessen Schwester Banafshe das hiesige Leben wie die andere „Fremdheit“ von Parvis deutlich schneller; und auch das romantische Knistern zwischen den beiden Männern.

Es wird ein Sommer der Liebe und durchtanzter Nächte, der Unbeschwertheit des Augenblicks und des prekären Aufenthaltsstatus, des Annäherns an unterschiedliche Prägungen durch Migration, die den in Deutschland geborenen Parvis die verdrängte eigene Fremdheit spüren lassen, ihn aber auch näher an den Erfahrungshorizont seiner Eltern heranrücken. Pendelnd zwischen Musikvideo-Ästhetik, Pop-Kultur-Referenzen und einem feinen Gespür für atmosphärische Stimmungen wie gesellschaftliche Zusammenhänge, lässt Regisseur Faraz Shariat immer auch durchblicken, dass autobiografische Erfahrungen dem Film zugrunde liegen.

Pressestimmen:
„An manchen Tagen will ich den Leuten am liebsten ins Gesicht schreien: Ich bin die Zukunft!’, sagt Parvis (Benny Radjaipour).

Der queere 20-Jährige lebt als Sohn iranischer Einwanderer in Hildesheim, die Eltern haben sich und ihren Kindern hier ein neues Leben aufgebaut, aber nie richtig dazugehört. ‚Und manchmal’, sagt Parvis zu seiner älteren Schwester, ‚habe ich das Gefühl, dass wir nur die Erinnerung an Mamas und Papas Schmerz sind.’ Um dieses Dazwischen, dieses Zerrissensein, geht es viel in Futur Drei, dem Regiedebüt von Faraz Shariat und seinem Jünglinge-Kollektiv, der damit auch seine eigenen Erfahrungen als Deutschiraner zweiter Generation reflektiert. (…)

Sehr differenziert verhandelt er auch die Konflikte innerhalb der Community, zwischen den Menschen, die bereits in zweiter und dritter Generation hier leben, den Erwartungen der Eltern und den gerade Geflüchteten mit ihren je eigenen Erfahrungen, Bedürfnissen und Haltungen. Die autobiografischen Bezüge ziehen sich durch Handlung und Inszenierung.

Regisseur Shariat verwendet Homevideos, auf denen er selbst als kleiner Junge zu sehen ist, die Rollen von Mutter und Vater hat er mit den eigenen Eltern besetzt. Der Film atmet Leben, in jedem Moment. Nichts Falsches oder bloß Behauptetes in den Dialogen, aber auch den auffallend unpeinlich inszenierten Party- und Sexszenen. Da waren ganz offensichtliche Talente am Werk, die von ihrer Lebenswirklichkeit erzählen und denen kein Fernsehredakteur und keine Filmförderung reingeredet haben. ‚Uns gehört die Welt!’ ruft Banafshe bei einer Wanderung in die Weite des Landes, das sie bald wird verlassen müssen. Hören tut es in dem Moment niemand außer den dreien, aber sie weiß, dass es stimmt, irgendwann.“ (Thomas Abeltshauser, epd Film, 28.8.2020)

„Es geht hier jedoch um viel mehr als das Multikulti-Betroffenheitskino, in dem das traurige Schicksal Geflüchteter ausgeschlachtet wird, oder erst recht um etwas anderes als in jenen Wohlfühlkomödien, in denen Migration zum klischeebehafteten Witz eingedampft wird. Das post-migrantische Kino von Futur Drei ist in der deutschen Filmlandschaft längst überfällig. Das Kollektiv um Faraz Shariat bewegt sich selbstbewusst zwischen den Kulturen und hebelt damit Hierarchien und Machtstrukturen aus – diverse, queere und feministische Geschichten fließen durch die Musikvideo-Ästhetik mit eklektischen Verweisen aus der Popkultur zusammen und entwickeln einen rauschhaften Sog.
Shariat versteht Futur Drei als ‚aktivistisches Popcornkino’; politisches Bewusstsein und Unterhaltung müssen sich nicht ausschließen. In seiner Selbstermächtigung wendet sich der Film aktiv gegen Diskriminierungen durch Herkunft, Geschlecht und Sexualität und wird so zum künstlerischen wie identitätspolitischen Befreiungsschlag.

Futur Drei ist auch deshalb ein Film der Selbstermächtigung, weil er sich der eigenen Produktionsbedingungen nicht nur bewusst ist, sondern diese aktiv so gestaltete, dass keine althergebrachten Machtstrukturen reproduziert werden. Shariat gründete mit Kommilitonen das Kollektiv Jünglinge, um bewusst Machtgefüge zu umgehen und auch im Produktionsprozess respektvolle Strukturen zu schaffen. Das Kollektiv lebt die eigene Message der Repräsentation und Diversität auch hinter der Kamera vor. Dass Futur Drei als unabhängige Einreichung in einem Wettbewerb für Abschlussarbeiten deutschsprachiger Filmhochschulen bei den First Steps Awards den Preis für den besten Nachwuchsfilm gewann, ist daher auch ein wichtiges Zeichen.
Der rauschhafte Mix aus Autobiografie und popkultureller Überhöhung, aus Emotionen, Erfahrungen und Ästhetiken macht Futur Drei zu einer dreidimensionalen Erlebniswelt, in der Migrationserfahrungen und andere persönlichkeitsbildende Narrative miteinander kommunizieren. ‚Seit wir hier sind, habe ich das Gefühl, alles immer doppelt zu erleben: als die, die ich hätte sein können, und die, die ich bin’, sagt Banafshe einmal und fasst damit den Bruch zusammen, der ihrer Erfahrungswelt innewohnt. Sie versucht das nicht zu verheimlichen, sondern kehrt die Zerrissenheit selbstbewusst nach außen, denn nur so kann sie ins allgemeine Bewusstsein rücken und zu einer positiven Diversität umgedeutet werden.“ (Sofia Glasl, filmdienst.de)

„Die Ästhetik in diesen Szenen erinnert an Musikvideos. Auch die gehören zum Geschäft des Filmkollektivs Jünglinge, das Shariat zusammen mit Paulina Lorenz und Raquel Molt gegründet hat. Die drei haben sich an der Uni Hildesheim kennengelernt und versuchen nun gemeinsam, postkoloniale und queere Theorie in filmaktivistische Praxis zu übersetzen.
Der akademische Überbau bremst den Vorwärtsdrang des Films zum Glück nur äußerst selten aus, am ehesten noch in jenen Szenen, in denen die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit der ganzen Härte ihrer Definitionsmacht die Regie übernimmt: Ein Sexdate wundert sich, dass Parvis trotz seiner Herkunft gar nicht so behaart ist, ein Projektmitarbeiter (Gastauftritt Jürgen Vogel) nutzt Banafshes prekären Status aus, um ihr eine Schutzehe vorzuschlagen. Doch diese plakativen Szenen sind hierzulande eben auch Realität. (…)

Zum Filmstart von Futur drei erscheint ein Band mit politischen Essays und Produktionsnotizen unter dem Titel I See You. Der Satz ‚I See You’ fällt erstmals, als Parvis nach einer durchzechten Nacht in der Badewanne sitzt und Amon durch das Loch hindurch sieht, das er in die Schaumwolke auf seinen Händen geblasen hat. In die manchmal undurchdringlich erscheinende weiße Schaumwand des deutschen Films pustet auch Futur Drei ein Guckloch – und bekommt Lebenswelten scharf gestellt, die sonst nur in äußerst schwacher Auflösung in Erscheinung treten.“ (Till Kadritzke, spiegelonline.de, 23.9.2020)

Frederik Lang (16.11.2020)