Teilen und Tauschen Sharing Economies: von der Praxis zur Politik

Comunes
Foto: Facción

Das, was wir noch immer als „Sharing Economy“ bezeichnen, hat sich mittlerweile so sehr diversifiziert, dass man dabei kaum noch von einer einzigen Bewegung sprechen kann. Während der Plattformkapitalismus neue Formen der Ausbeutung schafft, gibt es immer mehr Mittel und Wege, die dabei helfen, sich selbst zu organisieren und den Wert der Assoziativität wiederzuentdecken. Und das alles geschieht gleichzeitig, manchmal sogar auf demselben Weg. Doch wie kann man Technologien sinnvoll gebrauchen, Daten auf ethische Weise verwenden und kollektive Intelligenz zu Gunsten des Gemeinwohls nutzen?

Sharing Economy ist in aller Munde: Positives, Negatives und manchmal geht es nicht einmal um das eigentliche Konzept. Sie wird als brandneue oder ganz alte Idee präsentiert und im Zusammenhang mit technologischen Entwicklungen, wie alternativen Produktions- und Konsumformen, gesehen. Nach einigen Jahren, in denen es jetzt im Umlauf ist, befindet sich das Konzept der Sharing Economy bereits in einer Phase der Dekonstruktion.
 
Geht es dabei um Uber? Ist die Sharing Economy also ein großes Ungeheuer, das auf den Gewerkschaften herumtrampelt, Kleinstunternehmen ohne Sozialleistungen erzeugt und die Steuereinnahmen ruiniert?

Handelt es sich um traditionelle Formen des Teilens, um öffentliche Bibliotheken, um gemeinschaftliche Praktiken auf lokaler Ebene? Um schon immer existierende Gemeingüter wie die Umwelt? Oder um neuere Gemeingüter wie das Internet?

Sprechen wir über Geschäftsmodelle? Oder bestimmte Lebensstile?

Weder noch.

Wie immer hängt es davon ab, über wen man spricht und über was man genau sprechen will.
 

Pendel zwischen Kollaboration und Markt

Andre Gaul Foto: Boris Niehaus Kollaborative Praktiken des Teilens und Tauschens und das Organisieren in Netzwerken sind so alt wie die Menschheit selbst, wesentlich älter als der Kapitalismus. Doch zu Beginn dieses Jahrhunderts konnten diese dank neuer Technologien viel größere Reichweiten erlangen, die vorher unvorstellbar gewesen wären. Die Digitalisierung und Systematisierung von großen Datenmengen, die Expansion der Smartphones, die Geolokalisierung, die sozialen Netzwerke und das Instant Messaging verbesserten das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage aller Arten von Gütern und Dienstleistungen mithilfe von digitalen Plattformen. Die Krise von 2008 in den USA und in Europa bot die idealen Voraussetzungen für die Wiederentdeckung dieser Praktiken, die auf der Idee von maximaler Ressourcen- und Spareffizienz, sowie Nachhaltigkeit und guten menschlichen Beziehungen basieren.
 
Die Idee funktionierte so gut, dass sie an ihrem eigenen Erfolg zugrunde ging. Innerhalb von wenigen Jahren wurde sie von einem Mittel der weltweiten De-Kommerzialisierung („Ich kann kostenlos bei Fremden zu Hause schlafen!“) zu einem Instrument für die Re-Kommerzialisierung („Ich kann durch die Vermietung an TouristInnen Geld verdienen!“). Es war eine Pendelbewegung, fast als hätte der Kapitalismus die Idee fest in seinem Griff: zuerst wurde deutlich gemacht, wie viel außerhalb des finanziellen Systems möglich war, dann wurde ein Preis darauf gesetzt. So wurden Unmengen von kaum genutzten Aktiva (physischer Raum, Zeit, Kapazitäten, Gegenstände) ermittelt und angeboten: zuerst in einem wachsenden Markt für nicht-monetäre Tauschgeschäfte, die den existierenden Überfluss aufzeigten, kurz darauf in einem unfruchtbaren Markt, der Knappheit erzeugte, um Gewinn zu erwirtschaften. Beispielhaft sind der Wechsel von der kostenlosen Unterkunftsplattform Couchsurfing zu Airbnb, von Fahrten in einem geteilten Auto zu Uber, von kostenlosen Schenkungs- und Tauschwebsites, wie Freegle, zu Mercado Libre, Ebay oder Ähnlichen.
 
Auf diesem Wege bereitete die Sharing Economy den Markt Anfang dieses Jahrhunderts mit Überfluss und Peer-to-Peer-Plattformen auf das vor, was danach kam: der Plattformkapitalismus. Ein solcher Erfolg von Dienstleistungen wie Uber und Airbnb wäre ohne die bereits vorher begonnenen kulturellen Veränderungen, wie dem gewachsenen Vertrauen zwischen fremden Menschen mithilfe von Technologie, unmöglich gewesen. Und heute helfen Plattformen wiederum dabei, neue Formen von Gemeingütern und dezentralisierter Organisation zu entwickeln.

Die Blase und danach

Uber Foto: Colourbox.de Im September 2010 erschien das Buch von Rachel Botsman und Roo Rodgers mit dem Titel What‘s mine is yours: the rise of collaborative consumption. Ihre Aussage ist so einfach, dass sie fast schon offensichtlich erscheint: Infrastruktur zu teilen ist wesentlich zweckmäßiger und nachhaltiger als sie zu kaufen, zu verstauen und zu bewahren. In diesem Konzept des „Teilens“ spielen Vermietungsformen zwischen Privatpersonen mithilfe von Online-Plattformen (welche wiederum durch Technologien ermöglicht werden) eine wichtige Rolle.
 
2011 schrieb die Time, dass der kollaborative Konsum eine der zehn Ideen sei, die die Welt verändern würden. Das Silicon Valley füllte sich schnell mit Startups, um alles zu teilen (beziehungsweise zu vermieten). Nach und nach sprach die ganze Welt über Uber und Airbnb und im Jahr 2013 war die Welle bereits in Argentinien angekommen. Die Crowdfunding-Plattform Idea.me war seit 2010 aktiv und es entstanden Startups im Bereich der Finanztechnologie (fintech), sowie sechs Plattformen für gemeinsame Autofahrten. Es boomten lokale Versionen von Airbnb und Plattformen zur Verleihung von Objekten unter Privatpersonen. 2014 meinten ExpertInnen, dass die Sharing Economy alle Industrien aufrütteln und die Welt innerhalb von ein oder zwei Jahren verändern würde.
 
Doch dann platzte die Blase. Bereits Anfang des Jahres 2016 hatte der Großteil der Plattformen, die im Kollaborationshype entstanden waren, den Betrieb aufgrund mangelnder finanzieller Mittel wieder aufgeben müssen. Im Rennen blieben nur eine oder zwei der Großen pro Branche. Und so lag der kollaborative Konsum, welcher Dezentralisierung und Eliminierung der ausbeutenden Verhältnisse zum Ziel gehabt hatte, nun weltweit in den Händen weniger digitaler Vermittler, die immer reicher und einflussreicher wurden. So festigte sich das Modell der Wertschöpfung und -aneignung der Plattformen, welches tatsächlich alle Industrien aufrüttelte, jedoch oft kaum etwas oder sogar nichts Kollaboratives beinhaltete. Aufgrund ihrer zentralen Stellung in der Wirtschaft, aber auch wegen ihrer vertikalen Betriebsstruktur sagt man auch, dass Plattformen die Fabriken des 21. Jahrhunderts sind.
 

Mikrophysischer Postkapitalismus

Und wo bleibt die Sharing Economy in diesem Szenario? Zu allererst hat sich diese so sehr diversifiziert, dass man kaum noch von einer einzigen Bewegung sprechen kann. Deshalb benutzt man bereits seit längerer Zeit Sharing Economies, im Plural um das Paradigma der Diversität zum Ausdruck zu bringen. Es gibt einige, die der „extraktiven Sharing Economy“ die „progemeinschaftliche Sharing Economy“ gegenüber stellen, wobei sich letztere nicht nur auf die Verteilung des Konsums und der Produktion konzentriert, sondern auch auf den Profit und die Verwaltung.
Wie die Expertin für komplementäre Währungen Heloisa Primavera sagt, geschieht „alles auf einmal“: die dominierenden Plattformen koexistieren mit unendlichen alternativen Praktiken in den Gemeinschaften (, die oft wiederum selbst in Plattformen organisiert sind). Die offenen und freien Informationstechnologien fördern die Aneignung von Tools – Software, Hardware, Vorgehensweisen und Strategien -, die in den Händen von organisierten Netzwerken unmessbare Konsequenzen haben.
 
Und nun geschieht alles gleichzeitig: der Plattformkapitalismus schafft neue Formen der Ausbeutung, wie Zustellungsunternehmen, und wer mit den jeweiligen Apps arbeitet, fängt an, sich mithilfe von Instant Messaging und sozialen Netzwerken zu organisieren und den Wert von Gewerkschaften und Assoziativität wiederzuentdecken. Dieselben Netzwerke, die Produkte Made in China anbieten, helfen beim Organisieren von Direktverkäufen unter Nachbarn. In Ländern ohne die Option einer legalen Abtreibung bieten Gruppen von Rettungsschwimmern Informationen über pharmakologische Abtreibung, telefonische Beratung oder betreiben Kliniken im Meer, wobei sie Gesetzeslücken ausnutzen, wie es auch Uber tut. Die gemeinschaftlichen Netzwerke im Internet erlagen eine Reichweite, die für die großen Infrastrukturunternehmen unmöglich ist. In verschiedenen Teilen der Welt schaffen unterschiedliche Organisationen offene Lizenzen, um die Keime des Extraktivismus vor den großen Landwirtschaftsunternehmen zu bewahren. Die Idee, dass wir Dinge auf Augenhöhe erledigen können – und dass Wissen ein Gemeingut ist, das Türen öffnet und Hindernisse aus dem Weg räumt, – ist widerstands- und ausbaufähig.

Alle Macht den Plattformen / Plattformen an die Macht

Als die sinnbildliche Kutsche des kollaborativen Konsums sich in einen Kürbis verwandelte, war die Enttäuschung zunächst groß – Sollten Plattformen etwa doch nicht unser Traumprinz, sondern gar der böse Drache des Märchens sein? Ein Drache, der sich von den Informationen, die Menschen im Netz produzieren, ernährt? Zum ersten Mal in der Geschichte bewegen Firmen, die erst seit wenigen Jahren existieren, mehr Geld als Staaten dieser Erde. Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft, Alibaba, Uber, Mercado Libre und viele mehr: Parallel existierende supranationale Großmächte, die ihre Macht aus der Erzeugung, Filterung und Bearbeitungen von Daten schöpfen. Eine Welt, in der der Sieger alles erhält und die wirtschaftliche und soziale Kluft, die der technologische Fortschritt auftut, immer unüberwindbarer wird.
 
Als Maßnahmen gegen diese Konzentration dienen alte (und mühsame) Formeln: Organisation von Privatpersonen, Zusammenschließungen, Kooperativen. Das Neue schafft eine Kreuzung dieser Ideen mit den Technologietools mit dem Ziel einer Anpassung. So entstehen beispielsweise Plattformkooperativen oder platformcoops, die versuchen, mit den Dienstleistungen der Nachfragewirtschaft auf ethische Art und Weise zu konkurrieren. FairBnB, Fairmondo oder viele weitere Taxikooperativen schaffen Ungleichheit im Streit, da allein die Nutzung eine große Gewinnspanne garantiert. Laut Trebor Scholz, der wichtigsten Antriebskraft von platformcoops, „ist nicht die Technologie das Essentielle, sondern die soziale Organisation der Arbeit“. Sozusagen die Politik.

Von der Praxis zur Politik: Gemeinschaftliche Städte

Ferias Foto: Facción Heute schaffen die Sharing Economies ein Momentum, sie gelangen an einen kritischen Punkt, an dem sie sich selbst nicht mehr als einzelne Initiativen sehen und anfangen, sich eher als eine Entwicklung zu einer auf Gemeingütern basierenden Gesellschaft zu verstehen. Dieser Prozess wird nie absolut sein und auch nicht vom einen Tag auf den anderen passieren, er hat jedoch bereits begonnen.
 
Die globalen Diskurse, von denen viele vom Projekt Comunes aufgegriffen werden (ein Treffen des Goethe-Instituts Buenos Aires, welches dieses Jahr zum dritten Mal stattfindet) versuchen, den Schritt von der Praxis zur Politik zu tun, indem sie einzelne alternative Initiativen zeigen, um andere Paradigma zu fördern.
 
Als Trebor Scholz anfing, von Plattformkooperativen zu sprechen, erwähnte er gerade einmal fünf Arbeitsplätze. Heute sind es fast 200. Es gibt frei zugängliche Tools, die es ermöglichen, neue Plattformkooperativen zu gründen. Zudem verfolgen laufende Gespräche mit diversen Instanzen der lokalen Regierung das Ziel der Förderung der Plattformkooperativen. Ihr Wachstum war so beeindruckend, dass Google sogar eine Million Dollar spendete, um ihre Entwicklung noch weiter voranzutreiben.
 
Die Städte erscheinen wie Szenarien von organisierten Bürgerinnen und Bürgern, die sich den wirtschaftlichen und politischen Prozessen entgegenstellen. Die Misión Antiinflación in Rosario, welche als Zusammenschluss von NachbarInnen für den Einkauf von Lebensmitteln entstand, entwickelte sich zu einer sozialen Bewegung, bis sie eine politische Partei gründete.
 
In der ganzen Welt werden Akteure der öffentlichen Politik drauf aufmerksam: sie beginnen zu überlegen, wie man Plattformen regulieren, Daten auf ethische Weise verwenden und künstliche Intelligenz für das Gemeinwohl nutzen kann. Bürgerforen geben den Bewohnern Tools in die Hand und zeigen, wie Innovation geschaffen werden kann. Einen wichtigen Beitrag leistete Ada Colau, die Bürgermeisterin von Barcelona, die Francesca Bria als Technologiebeauftragte der Stadt einstellte. Gemeinsam mit einem multidisziplinären Team trafen sie radikale Entscheidungen, wie beispielsweise die Kündigung des Vertrags mit dem Elektrizitätsunternehmen, das die Stadt bis dahin versorgt hatte, um stattdessen mit lokalen Kooperativen zusammenzuarbeiten, oder auch die strenge Kontrollierung der Datenpolitik ihrer eigenen Lieferanten.
 
Dies ist ein ganz besonderer und emotionaler Moment. Es stellt sich die Frage: Wie können wir Strategien entwickeln, mit denen die freien kollaborativen Systeme Ungleichheiten reduzieren und das Leben von Millionen von Menschen verbessern können? Es liegt in unseren Händen.