Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1) Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Kaffee
Eine heiße Liebe

Über 90 Prozent aller Deutschen trinken regelmäßig Kaffee.
Foto (Ausschnitt): © xtock – fotolia.com

Der Deutschen liebstes Getränk ist Kaffee. Durchschnittlich 2,6 Tassen trinkt jeder am Tag, das sind rund 150 Liter im Jahr. Im Laufe der Zeit haben Verzehr und Wahrnehmung des Heißgetränks eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen.

Während die eine Hand das Mobiltelefon hält, führt die andere einen Pappbecher mit dampfenden Kaffee zum Mund – auf der Straße, in der U-Bahn, im Park. Was vor zehn Jahren noch ein seltener Anblick war, ist heute Alltag. Kommunikation und Coffee to go – das traditionelle deutsche „Kaffeekränzchen“ ist im 21. Jahrhundert mobil geworden.

Mit der Kaffeehaus-Kultur, die das Heißgetränk vor mehr als 350 Jahren im 17. Jahrhundert über den Orient nach Europa brachte, hat das so viel gemeinsam wie die Postkutsche mit einem Porsche. Den Anfang machte damals Italien, gefolgt von England und Frankreich, kurze Zeit später wurde Kaffee auch in Deutschland als Genussmittel entdeckt. Der Deutsche Kaffeeverband verortet das erste deutsche Kaffeehaus 1673 in Bremen. Wie in anderen europäischen Großstädten trafen sich dort vor allem Kaufleute zum Debattieren, Anbahnen und Abwickeln von Geschäften.

Vom Luxusgetränk zum Muntermacher für die Masse

Nachdem der heiße Wachmacher zunächst nur für wohlhabende Bürger erschwinglich war, brachte die Industrialisierung die Wende: Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Kaffee zum Volksgetränk. Man trank ihn zum Frühstück und nach dem Mittagessen, die ärmere Bevölkerung kochte sich eine Art Kaffeesuppe, die den ganzen Tag auf dem Herd köchelte, um darin Brotbrocken zu tunken. Das hielt warm und dämpfte gleichzeitig das Hungergefühl. Fabrikarbeitern mit ihren langen, harten Arbeitstagen diente Kaffee vor allem als Nervennahrung.

Für einen ungetrübten Genuss sollte ab 1908 die Filtertüte sorgen. Die Erfindung der Hausfrau Melitta Bentz aus Dresden machte endlich Schluss mit dem lästigen Kaffeesatz auf dem Tassenboden. Mit ihrem Patent legte sie den Grundstein für das Unternehmen Melitta, das seit 1929 in der Stadt Minden im Bundesland Nordrhein-Westfalen ansässig ist, und heute mehr als 3.500 Mitarbeiter beschäftigt.

Wohlstandsindikator im Westen, Mangelware im Osten

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Kaffee Mangelware – und so heiß begehrt, dass er als Ersatzwährung gehandelt wurde. Mangels Kaffebohnen röstete man sogar Getreide, Eicheln und Bucheckern. Im geteilten Deutschland durchlief der Koffeintrunk dann zwei ganz unterschiedliche Karrieren. Im Westen avancierte er in den 1950er-Jahren, der sogenannten Wirtschaftswunderzeit, zum Symbol für Wiederaufbau und neuen Wohlstand. Kaffeetrinken hieß, so der Deutsche Kaffeeverband, sich wieder etwas leisten zu können. Zwischen 1953 und 1990 verfünffachte sich der Kaffeekonsum laut Statistikportal Statista von 1,5 Kilo Rohkaffee pro Person auf über sieben Kilo.

Sich in der DDR mit Kaffee zu versorgen, war nicht immer selbstverständlich. Bereits 1954 kam es zu einem ersten Versorgungsengpass. Die Versorgungslücke im Jahr 1977 ging als Kaffeekrise in die Geschichte ein. Als damals die günstigste Kaffeesorte eingestellt und von einer Mischung ersetzt wurde, die zur Hälfte aus Kaffeeersatz bestand, kochte die Volksseele. Viele DDR-Bürger sahen darin einen Angriff auf ein zentrales Konsumbedürfnis und damit einen wichtigen Teil ihrer Alltagskultur.

Kaffeebars und Kaffeespezialitäten

In den Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung sank der Kaffeekonsum sukzessive. 2005 verbrauchte jeder Deutsche gut sechs Kilo Rohkaffee, also ein Kilo weniger als im Spitzenjahr 1990. Dass sich diese Entwicklung Mitte der Nullerjahre wieder umkehrte, hat verschiedene Gründe und markiert eine Zäsur in der Kaffeekultur. Angestoßen haben den Wandel neue oder adaptierte Zubereitungsmöglichkeiten von Kaffee, hauptsächlich im Zusammenspiel mit Milch. Filterkaffee konkurriert seit den 1990er-Jahren mit Kaffeespezialitäten wie Milchkaffee, Latte Macchiato und Cappuccino.

Gleichzeitig entstand ein neues gastronomisches Segment: Kaffeebars und Coffee Shops mit italienischer oder amerikanischer Färbung, ausgerichtet auf ein junges Publikum, das in den mit trendorientierter Gemütlichkeit ausgestatteten Kaffeebars ein öffentliches Wohnzimmer fand. Es dauerte nicht lange, bis sich Coffee-Shop-Ketten bildeten, die sich rasch verbreiteten. Mehr noch, dieser Gastronomie-Typ wurde zum Schrittmacher der jungen Kaffeebewegung. Rund 90 Prozent aller Deutschen trinken heute regelmäßig Kaffee, jeder Zweite genießt sogar mehrmals täglich ein Tässchen. In Summe macht das 149 Liter pro Jahr und Kopf. Daran reicht kein anderes Getränk heran – weder Bier mit 107 Litern noch Mineralwasser mit 144 Litern (Zahlen: Tchibo Kaffeereport 2015).

Mehr Kompetenz, steigendes Qualitätsbewusstsein

Längst sind Coffee Shops mehr als nur Ausschankstellen. Sie fungieren als Trendmotor und Experimentierfeld für neue Kreationen und Brühtechniken, zum Beispiel Cold Brew oder Cascara, also Tee aus getrockneten Kaffeekirschenschalen. Der Einzug der Baristi – ausgebildeten Fachkräften – an der Kaffeemaschine, brachte buchstäblich eine neue Qualität ins Kaffeegeschäft. Auf der anderen Seite wächst die Gruppe der Konsumenten, deren Anspruch an Kaffee steigt, beobachten Experten wie die amtierende Deutsche Barista-Meisterin Erna Tosberg: „Das gilt quer durch alle Altersgruppen, insbesondere für die jüngeren Genießer. Diese Entwicklung reicht bis hinter den Tresen klassischer Bars, wo Kaffee gerade als Mixzutat entdeckt wird.“

An dem erstarkenden Qualitätsbewusstsein hat auch die Technik einen Anteil. Auswahl und Ausstattung von Kaffeemaschinen haben sich in den vergangenen Jahren deutlich ausdifferenziert. Filterkaffeemaschinen werden ergänzt von Voll- und Halbautomaten zum Befüllen mit ganzen Bohnen, Pad- und Kapselgeräten. Denn trotz der unzähligen Gelegenheiten, seinen Kaffeedurst außer Haus zu stillen, trinken die meisten Deutschen den heißen Braunen nach wie vor am liebsten daheim: aus der Tasse statt aus dem Pappbecher zum Mitnehmen.

Zurück zum Dossier

Top