Neue Herausforderungen „Wie präsentieren wir uns, was posten wir als Bibliothek?“

Neue Herausforderungen für Bibliotheken
Neue Herausforderungen für Bibliotheken | Foto (Ausschnitt): © stokkete - Fotolia.com

Goethe.de sprach mit Kirsten Marschall, zuständig für Qualitätssicherung in den Bücherhallen Hamburg, über Trends und Entwicklungen bei Bibliotheken.

Frau Marschall, der Bibliothekartag 2014 stand unter dem Motto „Wir öffnen Welten“. Um welche Schwerpunkte ging es?

Bibliotheken, egal ob wissenschaftliche oder öffentliche, gewinnen zunehmend an Bedeutung. Zugleich stehen sie durch die Digitalisierung vor neuen Herausforderungen hinsichtlich ihrer Aufgaben und ihrer Wahrnehmung. Das war ein zentrales Thema auf dem Bibliothekartag. Wie können wir im virtuellen Raum unsere Informationskompetenz behaupten und ausweiten? Und wie verändert sich die Bibliothek als konkreter Ort? Auf diese Frage spielte auch das Motto Wir öffnen Welten an. Heute bekomme ich eine Information aus Papua-Neuguinea genau so schnell wie ein Buch aus dem Magazin.

Inwiefern stellt die Digitalisierung öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken vor unterschiedliche Aufgaben?

Die Digitalisierung in den wissenschaftlichen Bibliotheken konzentriert sich auf die Sicherstellung und dauerhafte Erhaltung des Wissens. In den öffentlichen Bibliotheken lautet die Überlegung eher: Schaffe ich das Medium noch als Buch an, oder schon digital als E-Book? Die Etats wachsen ja nicht. Wenn ich einen großen Bestand an elektronischen, also E-Medien, haben möchte, muss ich an anderer Stelle beschneiden. Zugleich ist hier Vermittlungskompetenz gefragt. Manche Kunden befürchten fälschlicherweise, dass sie öffentliche Bibliotheken ohne E-Book-Reader nicht mehr nutzen können, weil alles nur noch digital angeschafft wird. Das wird nicht passieren.

Unsichtbares präsentieren

Werden Nutzer in den Prozess der Digitalisierung auch eingebunden?

Die Geräte zur Digitalisierung werden immer benutzerfreundlicher. In vielen öffentlichen Bibliotheken sind etwa Scanner vorhanden, an denen Kunden auch mitgebrachte Medien einlesen können, wie das Kriegstagebuch des Großvaters. Allerdings sind mit der Digitalisierung eine Reihe ungeklärter rechtlicher Fragen verbunden, vor allem, was Urheberrecht und Lizenzierung betrifft. Wichtig ist, dass Politiker realisieren, dass E-Medien für Bibliotheken die gleiche Bedeutung wie gedruckte Medien haben. In Bremen hatte der Bürgermeister Jens Böhrnsen für den sogenannten „Bremer Appell“ ein offenes Ohr (d. Red.: In dem Eröffnungsschreiben zum Bibliothekartag forderten die Bibliothekare Rahmenbedingungen für zeitgemäße Wissensvermittlung.)

Gibt es neue Modelle, wie digitale Bestände in physischen Räumen sichtbar gemacht werden können?

Es setzt sich zum Beispiel die Idee durch, mit QR-Codes am Regal auf E-Books direkt zu verlinken. Das Ziel ist, über diesen Link das Buch in der virtuellen Bibliothek auch sofort ausleihen zu können. Aber bei diesem Thema stehen wir immer noch am Anfang. Wichtig ist, dass wir neue Kunden, die vielleicht noch das veraltete Bild der verstaubten Bibliothek im Kopf haben, in den sozialen Netzwerken und anderen virtuellen Bereichen erreichen und dort guten Service anbieten.

Ist der Web-Auftritt der öffentlichen Bibliotheken mittlerweile Standard?

Immer mehr öffentliche Bibliotheken haben Stellen für Social-Media-Manager geschaffen. Auf dem Bibliothekartag 2011 in Berlin haben wir uns noch die Frage gestellt: Brauchen Bibliotheken Facebook? Heute lautet die Überlegung: Wie präsentieren wir uns, was posten wir? Das muss professionell betrieben werden. Ein langweiliger Auftritt im Netz bringt gar nichts.

Modernes Management

Wandelt sich auch die Rolle der öffentlichen Bibliotheken als moderner Bildungsanbieter?

Kirsten Marschall Kirsten Marschall | © Kirsten Marschall Was das betrifft, sind wir Vorreiter. Wir vermitteln in Hamburg zum Beispiel an Kindergärten oder auch Grundschulen, wie ein Tablet sinnvoll in die Vorlesestunde integriert werden kann. Eine Neuheit in Bremen waren Bilderbuch-Apps, mobile Anwendungen zu Klassikern wie Die kleine Raupe Nimmersatt. Das ist ein Trend, der wichtig werden wird für die frühkindliche Bildung. Es geht ja nicht darum, eine Gruppe von Kindern alleine vor das Tablet zu setzen. Vielmehr eröffnen sich schon durch die Sprachvielfalt neue interaktive Möglichkeiten. Man kann die Sprache auswählen, statt ein Buch auf Türkisch, Griechisch oder Italienisch anzuschaffen. Das kommt den Kindergärten und Grundschulen entgegen, die ja zum Glück immer multikultureller werden.

Sind die Bibliotheken auch strukturell im Wandel?

Hätten Sie mich vor fünf Jahren gefragt, welche Management-Strategien es für Bibliotheken gibt, hätte ich entgegnet: Das Wort Management muss in Bibliotheken erst noch ergründet werden. Heute haben wir Controlling und Innovationsmanagement. In den meisten Bibliotheken besitzt der kaufmännische Direktor eine Ausbildung in Betriebswirtschaft oder Volkswirtschaft, wir Bibliothekarinnen und Bibliothekare bilden uns nicht mehr ein, alles selbst zu können. Wir holen Fachkompetenz in die Bibliotheken.

Räume für die Zukunft

Welche Strategien gibt es hinsichtlich der Mitbestimmung von Nutzern?

Die Bibliothekskataloge werden zunehmend mit Elementen angereichert, wie sie der Kunde beispielsweise vom Online-Buchhändler Amazon kennt. Wir schlagen beispielsweise vor, für welche Medien sich der Nutzer noch interessieren könnte. Ebenso hat der Nutzer die Möglichkeit, Buchcover grafisch aufzubereiten oder Anmerkungen zu Titeln zu hinterlassen. Die Bibliotheken haben begriffen, dass sie den Kunden mit seinem Wissen abholen und einbinden müssen.

Als Bilanz vom Bibliothekartag in Bremen: Welche Themen werden für die Zukunft wichtig?

Die Fragen zu Urheberrecht, Lizenzierung und Gleichstellung von E-Medien für Bibliotheken müssen geklärt werden. Zumindest im Ansatz diskutiert wurde in Bremen die Sonntagsöffnung (d. Red.: In Deutschland sind Geschäfte an Sonn- und Feiertagen in der Regel geschlossen. Ausnahmeregelungen sind aber möglich.) für öffentliche Bibliotheken. Auch hier sollten juristische Unklarheiten schnellstmöglich beseitigt werden. Immer wichtiger wird auch die Gestaltung der Bibliotheksbauten und ihrer Innenräume. In Berlin haben sich die Bürger im Volksentscheid gegen den Standort der Landesbibliothek auf dem Tempelhofer Feld ausgesprochen. Eine mutige Entscheidung. Aber die nächste Frage muss jetzt lauten: Wo kann man die Bibliothek bauen oder die vorhandenen Gebäude sinnvoll ergänzen?