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Islam in Bosnien und Herzegowina
Der Islam und die Muslime in Bosnien-Herzegowina

Careva Moschee in Sarajevo
Klaus Krischok

Die Volkszählung aus dem Jahr 2013 besagt für Bosnien-Herzegowina, dass im gesamten Land etwas mehr als 3,5 Millionen Einwohner leben und dass mehr als die Hälfte davon (50,7%) den Islam als ihre Religion anführen.

Der Einzug des Islam auf dem Gebiet des heutigen Bosnien-Herzegowinas


Die Volkszählung aus dem Jahr 2013 besagt für Bosnien-Herzegowina, dass im gesamten Land etwas mehr als 3,5 Millionen Einwohner leben und dass mehr als die Hälfte davon (50,7%) den Islam als ihre Religion anführen. Das bedeutet, dass dieses kleine Balkanland der westlichste europäische Staat mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung ist.
Der Islam fasst hier mit der Ankunft der Osmanen im 15. Jahrhundert seine Wurzeln. Warum gerade hier die Islamisierung so erfolgreich war, weiß man nicht genau. Durch Bosnien-Herzegowina verlief bereits im 11. Jahrhundert die Linie des sogenannten Großen Schismas, was eine Art Synonym für die Grenze zwischen der westlichen und der östlichen Kirche bzw. zwischen dem Katholizismus und der Orthodoxie darstellt. Die Schwäche beider Kirchen auf dem Gebiet der Demarkationslinie wird als einer der Gründe für die erfolgreiche Islamisierung der Bevölkerung auf diesem Gebiet angeführt.
Laut manchen Theorien hat auch eine dritte Kirche – die Bosnische Kirche – eine wichtige Rolle in diesem Prozess gespielt. Obwohl die Mitglieder dieser mittelalterlichen bosnischen Kirchengemeinde sich selber für Christen hielten und sich als „Krstjani und Krstjanke“ bezeichneten, galten sie in katholischen und orthodoxen Kirchenkreisen als Häretiker und wurden als solche verfolgt. Die Theorie, nach welcher die Mitglieder dieser Bosnischen Kirche massenhaft zum Islam übergetreten sind, um diesen Verfolgungen zu entgehen, hat nicht viele Anhaltspunkte, denn auch Katholiken und Orthodoxe nahmen die neue Religion aus ganz pragmatischen Gründen an: niedrigere Steuern und größere Privilegien im neuen Reich.

 
Die Entstehung der Islamischen Gemeinde von Bosnien-Herzegowina

Das religiöse Oberhaupt aller Muslime im Osmanischen Reich und damit auch der Muslime auf dem Gebiet des heutigen Bosnien-Herzegowinas während der osmanischen Herrschaft, war der Schaich al-Islam, der sogar bei den Entscheidungen des Sultans ein Vetorecht besaß, wenn er der Meinung war, dass diese Entscheidungen nicht im Einklang mit dem Koran waren bzw. dass der Gesandte Mohammed sie nicht gutgeheißen hätte. Diese Situation dauerte bis zum Berliner Kongress 1878, als Bosnien-Herzegowina von österreich-ungarischen Herrschern besetzt wurde. Um ihre Regierung zu festigen, war es notwendig, sowohl den religiösen als auch den politischen Einfluss der einstigen Istanbuler Zentrale auf einen großen Teil der Bevölkerung in Bosnien-Herzegowina. Ein Mittel, dieses Ziel zu erreichen, war die Errichtung der Islamischen Glaubensgemeinde von Bosnien-Herzegowina. Die Idee der geistigen religiösen Loslösung von Istanbul stieß unter den hiesigen Muslimen auf großen Widerstand und konnte erst vier Jahre später realisiert werden, als Kaiser Franz Joseph I den ersten Großmufti ernannte, welcher an der Spitze der Rijaset, des höchsten Verwaltungs- und Ausführungsorgans für Glaubensfragen von Muslimen in Bosnien-Herzegowina, stand. Seit 1909 wird der Großmufti von den Mitgliedern der Imamwahlkurie ernannt, welche von Muslimen in ganz Bosnien-Herzegowina gewählt wird. 
Der Großmufti war in der Zwischenkriegszeit und im sozialistischen Jugoslawien Titos die höchste religiöse Autorität für alle Muslime im damaligen Staat, und nach dem Zerfall Jugoslawiens und nach der Gründung von neuen Staaten auf dem Gebiet des Westbalkans erstreckt sich der Einflussbereich des Großmuftis nicht nur auf Bosnien-Herzegowina, sondern auch auf die muslimischen Gemeinden in Sandschak, Kroatien, Slowenien und Serbien.
 

Bosnische Muslime und der Name der Nation                             

Die Muslime in Bosnien-Herzegowina sind im religiösen Sinne mehrheitlich hanafitische Sunniten, was auch bei den meisten Muslimen auf dem Balkan der Fall ist.
Im nationalen Sinne deklarierten sich die meisten der bosnisch-herzegowinischen Muslime bei der letzten Volkszählung im Jahr 2013 als Bosniaken bzw. Bosniakinnen (50,11%) und bestätigten dadurch, dass sie hinter dieser nationalen Bezeichnung stehen, welche seitens der bosnisch-herzegowinischen muslimischen Politiker, Glaubensführer und der muslimischen intellektuellen Elite bei der am 27.9.1993 in Sarajevo abgehaltenen Bosniakischen Versammlung verabschiedet wurde.
Die Suche nach der eigenen nationalen Identität begann unter den bosnisch-herzegowinischen Muslimen nach dem Ende der osmanischen und der Errichtung der österreichisch-ungarischen Herrschaft in Bosnien-Herzegowina Ende des 19. Jahrhunderts. Das Osmanische Reich hatte nämlich sein gesellschaftliches Ordnungssystem auf den sogenannten Millets gegründet. Alle Bewohner des Osmanischen Reichs gehörten zu einem der Millets: dem muslimischen, dem jüdischen, dem griechisch-orthodoxen oder dem armenischen, selbst dann, wenn sie nicht ausdrücklich Teil eines bestimmten Millets waren, wie dies z. B. mit den bosnisch-herzegowinischen Katholiken der Fall war, die dem griechisch-orthodoxen Millet zugewiesen wurden. 
Das Millet-System hat ansonsten auf dem Balkan erheblich zur Entstehung von sogenannten Ethno-Nationen, d. h. der Identifizierung der Nation mit der konfessionellen Zugehörigkeit beigetragen. Wegen eines solchen Verständnisses der Nation nehmen die Katholiken auf dem Gebiet des heutigen Bosnien-Herzegowinas nach dem Weggang der Herrscher vom Bosporus die kroatische nationale Identität an, die Orthodoxen die serbische, während die bosnischen Muslime in einer Art nationalem Vakuum verbleiben.                                                                                                                            
Um vor allem den serbischen Nationalismus und die territorialen Ansprüche des benachbarten Serbiens Bosnien-Herzegowina gegenüber zu neutralisieren, setzte es sich die österreichisch-ungarische Regierung zum Ziel, eine regional definierte Nation zu schaffen, welche unter dem Namen „Bosniaken“ die Angehörigen aller Religionen im damaligen Bosnien-Herzegowina umfassen würde. Es wurde ebenfalls vorgeschlagen, dass die gemeinsame Sprache der neuen nationalen Gemeinde Bosnisch heißen sollte. Aber die Idee  der gemeinsamen Nation und der gemeinsamen Sprache fand auf keiner der Seiten genügend Unterstützung und schlägt fehl. 
Der Kampf um die nationale Anerkennung der bosnisch-herzegowinischen Muslime setzt sich auch im sozialistischen Jugoslawien fort. Im Jahr 1974 geht auf einen Vorschlag des Bunds der Kommunisten Jugoslawiens, der zu dieser Zeit herrschenden und einzigen politischen Macht im Staat, die konfessionelle Bezeichnung Muslime in die nationale Determinante „Muslime“ über. Die „Muslime“ werden im nationalen Sinne nach den Serben und Kroaten das drittgrößte Volk im damaligen Jugoslawien, denn sie umfassen nicht nur die Muslime in Bosnien-Herzegowina, sondern beinahe alle slawischen Muslime in der Sozialistischen  Föderalen Republik Jugoslawien.
Durch den Zerfall der jugoslawischen Föderation und die Entstehung des autonomen Staats Bosnien-Herzegowina wird die Bezeichnung „Muslime“ für die Nation nicht nur inakzeptabel, sondern auch zu einer politischen Bürde, denn sie erweckt Angst vor der Gründung eines muslimischen Staats in Europa, so dass die bosnisch-herzegowinischen Muslime bei der Bosniakischen Versammlung 1993 zur nationalen Bezeichnung Bosniaken zurückkehren und ihre Sprache Bosnisch nennen. Diese Bezeichnungen für die Nation und für die Sprache finden auch Eingang in das Daytoner Friedensabkommen, das als die Verfassung von Bosnien-Herzegowina gilt, so dass sie auch ihre rechtliche Grundlage bekommen.

Zum Dossier „Islam in Deutschland und in Bosnien und Herzegowina“
 

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