500 Jahre gelebte Nachbarschaft
Dr. Eli Tauber: “Unsere Freundschaft ist ein wertvolles Erbe, das bewahrt werden muss.”
Ich stehe vor dem Jüdischen Museum in Sarajevo und bin irritiert. Kein Wachposten, keine Absperrung, keine bewaffnete Polizei – nichts von dem, was ich aus Deutschland kenne. Das Museum ist in der alten sephardischen Synagoge untergebracht, erbaut 1581. Zögernd trete ich näher. Ein freundliches Gesicht lächelt mich an: „Kommen Sie ruhig herein, das Museum ist offen.“Es ist 1998. Ich besuche zum ersten Mal die Heimatstadt meines Vaters nach dem Balkankrieg. Damals bin ich Studentin und möchte mehr über die Geschichte des Landes meiner Familie erfahren. Der damalige Kurator lacht, als er meine Unsicherheit bemerkt: „Sie sind nicht von hier, oder?“ Ich nicke. „Aus Deutschland?“ Wieder ein Nicken. Dann sagt er etwas, das mich bis heute begleitet: „Bei uns hat es noch nie bewaffneten Schutz vor jüdischen Einrichtungen gegeben – weder vor, während noch nach dem Krieg. Es ist nicht so wie bei Euch.“
Erst nach der Führung begreife ich, was er meint: In Sarajevo ist jüdisches Leben seit Jahrhunderten wertvoller Teil des gesellschaftlichen Gefüges.
Die Sephardim, Juden aus Spanien und Portugal, wurden 1492 aus ihrer Heimat vertrieben. „Die Sepharden haben 500 Jahre lang die Schlüssel ihrer Häuser in Spanien aufbewahrt, ihre Sprache, ihre Küche, ihre Erinnerung“, erzählt Eli Tauber, Historiker, Publizist und Berater für Kultur- und Religionsfragen des Verbands der Jüdischen Gemeinden, den ich für ein Interview getroffen habe.„Dass wir heute hier leben, verdanken wir Sultan Süleyman dem Prächtigen.“ Nach neueren Forschungen kamen um 1530 die ersten sephardischen Familien aus seine Einladung hin aus Budapest über die Donau nach Belgrad, etwa 30 von ihnen ließen sich in Sarajevo nieder. So begann ein Zusammenleben, das bis heute außergewöhnlich ist. Es gab keine jüdischen Ghettos. Man teilte Berufe, Nachbarschaften und Feste. Im Stadtteil Bjelave war fast jedes zweite Haus jüdisch: “Nicht aus Zwang, sondern weil dort die Sonne am längsten schien”, lacht Tauber. Sarajevo liegt im Tal, umgeben von sieben hohen Bergen und ist man auf der “falschen Seite”, lebt man vor allem in den Wintermonaten im Schatten und Kälte.
Die Nacht der Sepharden – Musik die erinnert und verbindet
2022 lernte ich Dr. Eli Tauber kennen. Er lud mich zur Nacht der Sepharden ein, die jedes Jahr im Juli stattfindet. Entstanden ist sie aus einer Idee der damaligen Direktorin des jüdischen Museums Mevlida Serdarević, einer Muslimin, die Tauber fragte, warum man nicht eine sephardische Nacht im Rahmen eines großen Sommerfestivals organisiere. Aus dieser Anregung heraus gründete Tauber den Verein Haggadah Sarajevo, der bis heute Träger und Organisator dieses sephardischen Kulturereignisses ist. 2026 feiert die Veranstaltung ihr 20-jähriges Bestehen.Auch der Name des Vereins ist bewusst gewählt. Er ist der Sarajevo Haggadah gewidmet, einer der ältesten Haggadot der Welt. Die Haggadah verbindet Text, Ritual und Erzählung und macht die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten zu einem lebendigen Bestandteil jüdischer Identität. Die Sarajevo Haggadah jedoch ist einzigartig: Sie ist die einzige vollständig erhaltene ihrer Art und überstand sogar die Inquisition in Italien im Mittelalter. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sie von dem muslimischen Gelehrten Derviš Korkut vor den Nationalsozialisten gerettet – und so für die Nachwelt bewahrt.
Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch dieses außergewöhnlichen Abends: Eine Band aus Spanien spielt sephardische Musik, gesungen auf Ladino, der Sprache der Sepharden, die sie mit sich aus Spanien mitbrachten. Alle Plätze sind besetzt, viele begnügen sich mit einem Stehplatz. Dieses Jahr sind rund 700 Menschen gekommen. Unter den Gästen auch Christian Schmidt, der Hohe Repräsentant von Bosnien und Herzegowina. Muslime, Christen, Atheisten, Juden – sie alle singen gemeinsam, lachen, manche weinen. Die Stimmung: Dauer-Gänsehaut! Danach werden Speisen gereicht, deren Rezepte die Sepharden seit ihrer Vertreibung aus Spanien 1492 bewahrt haben. Als dieses Jahr aus Sicherheitsgründen eine Umbenennung des Abends vorgeschlagen wurde, um eine Beziehung zum Judentum zu vermeiden, lehnte Tauber ab. Die Veranstaltung soll seiner Meinung bleiben, was sie ist: Ausdruck kultureller Kontinuität.
Zusammenleben und offene Gemeinschaft
Vor dem Holocaust lebten 12.000 Juden in Sarajevo. Auch während der Balkankriegs in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts haben viele jüdische Mitbürger das Land verlassen und sind nach Israel ausgewandert. Heute leben etwa 500 bis 700 Juden in Bosnien und Herzegowina. Rund 70 Prozent sind Sepharden, der Rest Aschkenasim, die ab 1878 mit der Annexion des Landes durch Österreich-Ungarn ins Land kamen. Sie stammen von jüdischen Gemeinden ab, die sich seit dem frühen Mittelalter vor allem im Rheinland und später in Mittel- und Osteuropa entwickelten. Die jüdische Gemeinschaft ist bis heute offen: Sepharden und Aschkenasim feiern gemeinsam, was nicht immer der Fall war. “Der größte Unterschied war in der Kommunikation”, erklärt Tauber, “Die Sepharden sprachen Ladino, was dem spanischen ähnlich ist, und die Aschkenasim jiddisch. Doch mit der Zeit lernten sie die bosnischen Sprache, und nun wird gemeinsam gefeiert und untereinander geheiratet.” Seine eigene Familie ist ebenfalls gemischt: Seine Mutter war Sephardin, sein Vater sephardisch-aschkenasischer Herkunft.Ebenso zählen Menschen anderer Religionen zur Gemeinschaft. Eine Konversion ist keine Voraussetzung für die Mitgliedschaft. Tauber erzählt von Fata Finci, einer Muslimin und Freundin seiner Mutter, die mit einem Juden verheiratet war und bis zu ihrem Tod aktives Gemeindemitglied blieb.
Juden und Muslime in Bosnien verbindet eine besondere Nähe. In seinem Buch When Neighbors Were Real Human Beings sammelt Tauber Geschichten dieser Nachbarschaft. Er zeigt mir ein Foto von historischer Bedeutung: Die muslimische Frau Zejneba Hardaga bedeckt den Davidstern auf dem Arm der Jüdin Rivka Kabilio. Sie drückt ihre Freundin so fest an sich, dass der Davidstern durch ihren Umhang verborgen ist. Beide lebten während des Zweiten Weltkriegs in Sarajevo. Die Familie Hardaga rettete die Familie Kabilio und wurde später als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. 1994 wurden Zejneba, ihre Tochter und ihr Schwiegersohn während der Belagerung Sarajevos dank der Familie Kabilio nach Israel gebracht, wo sie auch starb und beerdigt wurde.
Ein Archiv gegen das Vergessen
Auch Taubers eigene Familiengeschichte ist von Rettung geprägt. „Diese Frau hat meine Mutter gerettet“, sagt er und zeigt auf ein Foto von Zora Krajina aus Mostar, einer Katholikin. Sie brachte seine Mutter 1941 von Sarajevo nach Mostar, später über italienisch kontrolliertes Gebiet nach Hvar. Ab 1943 schloss sie sich den Partisanen an. In Jugoslawien gab es den einzigen jüdischen Bataillon in Europa, der sich den Partisanen angeschlossen hat. Bis jetzt git es nur Aufzeichnungen von Erinnerungen darüber.Solche Geschichten möchte Tauber bewahren: ““Ich möchte wissend er diese Menschen waren.” Deshalb baut er als Direktor ein Archivs der Jüdischen Gemeinde von Bosnien und Herzegowina auf, das weltweit verstreute Dokumente sammelt und digitalisiert. Tausende Scans kommen bereits aus Belgrad, Israel, Paris, New York oder Los Angeles. Ziel ist es, bis 2030 – zum 500-jährigen Jubiläum der Ankunft der Sepharden – eine umfassende Geschichte der Juden in Bosnien und Herzegowina vorzulegen. Finanziert wird das Projekt durch Spenden, Gemeindemittel und hoffentlich künftig auch durch EU-Förderung.
Ein weiteres Projekt ist die sogenannte Geniza – ein Hohlraum zur Aufbewahrung ausgedienter heiliger Schriften. „Bei uns werden Bücher nicht weggeworfen, sondern begraben“, erklärt Tauber. Der sephardische Gelehrte Zeki Efendi (1845-1916) aus Sarajevo ließ eine solche Geniza anlegen und wollte sie Jahre später öffnen, starb jedoch einen Tag davor. Tauber recherchierte und vermutet die Stelle: “Es muss nur noch der Nachweis erbracht werden, das er er sich tatsächlich dort befindet.” Dort hofft er auf wertvolle historische Zeugnisse.
Sephardische Synagogen gen Mekka gerichtet
Nach dem Interview spazieren wir durch Sarajevo. Und während wir gemütlich schlendern, wird er alle paar Minuten von vorbeigehenden Menschen herzlich begrüsst. Ein Smalltalk hier und Verabredungen dort. Und immer ist er freundlich und lacht. Ich frage ihn, ob er jemals Angst hatte vor Antisemitismus, wenn er so frei die Strassen entlang schlendert? Er lächelt: “Nein, wir leben hier mit allen im Frieden und sind eine eingeschworen Gemeinschaft.”Auch der aktuelle Nahostkonflikt ändert nichts daran. Pro-palästinensische Demonstrationen finden statt, jedoch nie vor jüdischen Einrichtungen. „Aus Respekt“, sagt Tauber, „weil man hier weiß, dass wir mit dem Krieg nichts zu tun haben.“ Vielleicht liegt genau darin das Besondere an Sarajevo: dass Nachbarschaft hier nicht als Idee verstanden wird, sondern als gelebte Verantwortung – seit mehr als fünf Jahrhunderten.
Bevor wir uns verabschieden, lächelt der 75-Jährige verschmitzt: „Es gibt noch etwas, das man Ihnen nicht erzählt hat. Die sephardischen Synagogen Sarajevos sind nicht nach Jerusalem ausgerichtet, sondern nach Mekka.” aus Respekt gegenüber der muslimischen Obrigkeit, die Schutz gewährte.” Ein symbolischer Akt, der bewusst gewählt wurde. “Unsere multikulturelle Gemeinschaft ist ein wertvolles Erbe, das bewahrt werden muss“, sagt Tauber. „Ein Beispiel für Europa.“