DaZ-Fortbildung in Ostbelgien
Vorbild Ostbelgien: DaZ nachhaltig stärken
Der Alltag und das Bildungssystem in Ostbelgien sind traditionell mehrsprachig. Seit einigen Jahren leben und lernen hier jetzt immer mehr zugewanderte Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen. Die Deutschsprachige Gemeinschaft unterstützt sie, unter anderem indem sie Lehrkräfte qualifiziert.
Von Janna Degener-Storr
Im Alltag mehrere Sprachen zu sprechen – das ist für die Menschen in Ostbelgien eigentlich selbstverständlich. Die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens grenzt direkt an Aachen. Und seit Jahrzehnten leben hier, nur rund dreißig Kilometer vonLüttichentfernt, auch viele Frankophone. In den Schulen ist in der Regel Deutsch die Unterrichtssprache, in wenigen Grundschulen wird die Unterrichtssprache Französisch angeboten. Seit einigen Jahren sitzen in den Klassen aber immer mehr Kinder und Jugendliche, die in ihrer Familie eine ganz andere Sprache sprechen, etwa Türkisch, Arabisch oder Ukrainisch – und Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache (DaZ/DaF) lernen müssen. Viele von ihnen sind vor Kriegen in ihrer Heimat geflohen und leben erst seit kurzer Zeit in der Region rund um die 20.000-Einwohner-Stadt Eupen. Andere leben von Anfang an mit ihren Familien in Belgien, beherrschen aber dennoch nicht die deutsche Sprache, da die Familiensprache eine andere ist.
„Wenn die Schülerinnen und Schüler und die Eltern weder Deutsch noch Französisch können, ist die Kommunikation für die Lehrkräfte schwierig“, sagt die Grundschullehrerin Diane Hennen, die im Fachbereich Pädagogik des Ministeriums der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens tätig ist. Und es sei auch eine Herausforderung, in einer 25-köpfigen Schulklasse allen gerecht zu werden, wenn einzelne zum Beispiel noch nicht alphabetisiert sind und – teilweise auch über längere Zeit – vor sprachlichen Barrieren stehen. In den vergangenen Jahren ist die Anzahl neuzugewanderter Schülerinnen und Schüler in den Grund- und Sekundarschulen sehr stark angestiegen und sie wächst weiter, auch in Folge der politischen Krisen in der Welt.
Fordern und fördern – die Rolle der Politik
Die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens fordert von ihren Schulen seit Jahren, diese „erstankommenden Schülerinnen und Schüler“, kurz EAS, sprachlich zu fördern – und unterstützt sie dabei: In den Schulen werden Sprachlernklassen oder -kurse angeboten und die Lehrkräfte erhalten das Angebot einer gezielten DaZ-Zusatzausbildung im Umfang von 10 ECTS. Die Schulen bekommen ein zusätzliches Stundenkontingent zur Beschulung erstankommender Schülerinnen und Schüler zugewiesen. „Im besten Fall wird die Sprachförderung durch eine geschulte Lehrkraft organisiert, die die Kinder und Jugendlichen sprachlich fit macht, damit sie anschließend in die Regelklassen integriert werden und dem Unterricht folgen können“, erklärt Diane Hennen. Mit Fragen und Problemen rund um die neue Aufgabeim Bereich EAS stehen die Lehrkräfte nicht alleine da, sondern sie bekommen fachliche Beratung und können sich bei Netzwerktreffen austauschen, die die Fachberatung DaZ organisiert.Kompetente Lehrkräfte für zugewanderte Schülerinnen und Schüler
Weil in den Schulen qualifiziertes Personal fehlt, finanziert die Behörde darüber hinaus Fortbildungsmöglichkeiten für die Lehrkräfte. Besonders erfolgreich war der letzte Jahrgang einer einjährigen Qualifizierung, der im Schuljahr 2025/2026 stattgefunden hat. Siebzehn teilnehmende Lehrkräfte nahmen am 8. Juni 2026 feierlich ihre international anerkannten DaZ-Zertifikate in Empfang. Das Goethe-Institut Belgien hatte das Ministerium vorher schon zu Fragen rund um DaZ und DaF beraten. Jetzt war es gemeinsam mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena erstmals als Kooperationspartner an der Durchführung des Blended-Learning-Programms beteiligt. Dieses umfasste 300 Stunden und damit die geforderten 10 ECTS-Punkte, die per Dekret vorgeschrieben sind. Die Fortbildung war bewusst sehr praxisnah gestaltet und konnte durch ihr hybrides Format auch von Lehrkräften besucht werden, die nebenbei Vollzeit im Ganztags-Schuldienst tätig waren. Basis war die Fort- und Weiterbildungsreihe Deutsch Lehren Lernen (DLL), die sich in Modulen unterschiedlichen Schwerpunkten widmet.Wie fördere ich die Aussprache von Kindern auf spielerische Art und Weise? Wie schaffe ich es, dass meine jugendlichen Lernenden im Fachunterricht Bildungssprache verwenden? Mit welchen Lernmaterialien motiviere ich meine Lernenden? Aber auch: Wie schaffe ich eine anregende Lernumgebung? Wie beobachte und dokumentiere ich Lernfortschritte? Das waren einige der Fragen, mit denen sich die Teilnehmenden in der Fortbildung beschäftigten. Sie alle hatten schon vorher einen Bezug zu DaZ in der Schule, viele davon unterrichteten bereits in Sprachlernklassen oder -kursen für EAS. Einige von ihnen allerdings sind Quereinsteigende– entweder allgemein im Lehrberuf oder speziell im Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Yvonne Klietz vom Goethe-Institut Belgien sieht darin den Grund dafür, dass alle hochmotiviert dabei waren: „Viele Lehrkräfte arbeiten an ihren Schulen als einzige DaZ-Lehrkraft und wünschen sich fachlichen Austausch, konkrete Unterstützung und Vernetzung. Deshalb wurde insbesondere der Aufbau eines professionellen Netzwerks innerhalb der Qualifizierung von den Lehrkräftenals äußerst wertvoll beschrieben.“