Julia Rosa Peer Warum “Ejaculation” auch Gefühlsausbruch heißt

Ejaculation  Discussions about female sexuality Poster
© Painting "Yellow room II" by Sirkku Rosi, Graphic design by Sophie Troppmair

und wir mehr über Sex reden müssen…

Für die Performance “Ejaculation - Discussion About Female Sexuality”, die am 24. Oktober 2018 am Nationaltheater in Helsinki Premiere feierte, führten wir über 40 Gespräche mit Frauen aus verschiedenen Kulturen, um die Darstellung und kollektiven Erfahrungswerte weiblicher Sexualität in unserer Gesellschaft zu hinterfragen.

Als Symbol für unsere künstlerische Aussage wählten wir die “weibliche Ejakulation”, welche noch immer ein ungeklärtes und wenig beachtetes Phänomen darstellt. Zugegeben, eine interessante Wahl für einen Titel, doch wurden wir von kontroversem Feedback überrascht.
Die Löschung unseres Plakats von Facebook sollte wohl nichts heißen, doch zeigten auch die Beteiligten unterschiedliche Reaktionen: Der Titel erweckte Kampfgeist und Neugierde bei den meisten, aber auch beschämte Haltungen bei anderen. Zu meiner Überraschung wurde sichtbar, dass wir es noch immer mit einem Tabuthema zu tun haben. Das bestärkte mich darin, dem verborgenen Schamgefühl auf den Grund zu gehen.

Die richtigen Worte finden

Ich sah das Problem in einem nicht stattfindenden Dialog, inmitten einer komplett überladenen multimedialen Welt voller sinnlicher Erfahrungen. Der häufig zitierte Begriff “oversexed and underfucked” beschreibt einen Status quo, in dem Sexualität zwar übermäßig präsent, nicht aber gelebt oder diskutiert wird. Nicht zuletzt sollte eine offene und ehrliche Debatte über Sexualität auch in Voraussicht geschaffen werden, um für die heranwachsende Generation ein nachhaltiges Bewusstheit für dieses Thema zu schaffen, da diese sich sozusagen durch das Internet sozialisiert und somit sämtlichen unzensierten sexuellen Inhalten ausgeliefert ist.
 
So stellte sich für uns zu Beginn unseres Projektes die Frage, wie man den Dialog am besten beginnen könnte?

Ein kurzer Exkurs in die Sprachwissenschaft brachte uns Einblick in den Ursprung einiger umstrittener Wörter des neuzeitlichen Dialoges: “Eiaculor” steht im Lateinischen für “herausschleudern, hoch emporschießen”.  Im 17. Jahrhundert wurde es sowohl im sexuellen Kontext, als auch zur Umschreibung eines plötzlichen verbalen Gefühlsausbruchs verwendet. Ebenso steht “Ejaculation” im Englischen noch bis heute, wenn auch seltener gebraucht als der sexuelle Begriff, für einen verbalen Ausbruch.
 
Ein weiteres Beispiel ist im Französischen mit “La petite mort” (“der kleine Tod”) zu finden. Ein Begriff, der vor allem im 19. Jahrhundert Verwendung fand, um den kurzen Verlust des Bewusstseins am sexuellen Höhepunkt oder einen vergleichbaren spirituellen Zustand zu artikulieren.
 
Anhand dieser ursprünglichen Wortbedeutungen könnte man vermuten, dass die philosophische Betrachtung von Sexualität in unserer Sprache immer vorhanden war, jedoch das nicht Existieren oder Verschwinden von ausreichenden Terminologien in unserem heutigen Sprachgebrauch Anzeichen für einen fehlenden Dialog sowie ein damit verbundenes Schamgefühl sein könnten. Zumindest war es für unsere Performance ein Anreiz dazu, dem Problem tiefer auf den Grund zu gehen.
 
Im Deutschen gibt es laut Dr. Laura Méritt, Kommunikationswissenschaftlerin und Sexaktivistin, keine Begrifflichkeit um das weibliche Geschlecht ausführlich zu beschreiben. Mit ihrer Bewegung “Sexklusivitäten” schafft sie in Berlin-Kreuzberg seit mehr als 20 Jahren Raum für Dialog und erforscht neue Ausdrucksformen für den sexuellen Diskurs. Sie war auch diejenige, die unsere Forschungen zum Thema der weiblichen Ejakulation entscheidend prägte.

Das Mysterium des Weiblichen Ejakulats

Bereits im Mittelalter wurde das Phänomen als “Freudenfluss” beschrieben, doch bleibt es bis heute unseren schulischen Lehrbüchern fern. Méritt beschreibt in ihrer gleichnamigen Aufklärungsbroschüre ein tabuisierte Kapitel der weiblichen Geschlechtlichkeit und analysiert, warum jeder Mensch die Fähigkeit Besitz zu ejakulieren. Auch Aristoteles, die arabische Medizin oder das Kamasutra beschreiben ein Sekret, das dem weiblichen Körper entspringt.
Die Frauengesundheitsbewegung der siebziger Jahre widmete sich dem Thema erneut. Im Jahr 2002 wurde die weibliche Prostata (Prostata feminina) offiziell als funktionsfähiges Organ anerkannt.
Meine weitere Recherche zeigte jedoch, dass aufgrund mangelnder Forschungsergebnisse und Kontroversen bis heute nicht ganz geklärt ist, was es nun wirklich mit dem geheimnisvollen Drüsensekret auf sich hat.
 

Sich begegnen (lernen)

In weiterer Folge erforschten wir die weibliche Ejakulation als künstlerisches Symbol für das “Nicht-Gesagte” und “Nicht-Gehörte”. Dabei ist die Begegnung mit den Gesprächspartnerinnen und die damit verbundene persönliche Entwicklung der Akteurin die treibende Kraft der Performance und lässt auch den Zuschauer Teil davon werden.
 
Das Casting der Protagonistinnen war eine Herausforderung in sich, doch schien sich die Sehnsucht nach Austausch sogar über die kulturellen Grenzen hinaus durchzusetzen. Dabei fiel mir eines auf: Es war sehr einfach über den gemeinsamen Schmerz zu sprechen, weniger einfach war es über das Positive der eigenen Sexualität zu erzählen. Es war auch einfach über Feminismus zu diskutieren, nicht aber über die persönlichen Erfahrungen.
 
Zudem schien, die sexuelle Freiheit, die man als Europäerin leben könnte, fast schon paradox im Anbetracht kultureller und politischer Gegebenheiten mit denen es Frauen in anderen Ländern zu tun haben. Dies bedarf einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Realität, sich verletzlich zu machen und eigene Konzepte in Frage zu stellen. Lebe ich meine Sexualität oder bin ich dabei fremdbestimmt?
 
Ganz generell und nicht nur auf die Tabuisierung der weiblichen Aspekte dieses Dialoges bezogen, stellt sich für mich nach wie vor die Frage, wieviel wir wirklich über die eigenen sexuellen Vorlieben wissen und ob wir fähig sind diese zu kommunizieren.
 
Tiia Forsström, finnische Sexarbeiterin und Aktivistin, brachte es (in ihrem Interview) für mich auf den Punkt: “Sexualität ist Ausdruck purer Lebenskraft!”. Und deshalb sollte sie auch gelebt und erforscht werden. In unserer Performance steht sie somit als Ausdruck von “am Leben Sein” und am Ende dieser Recherche ist für uns eines ganz klar: Wir brauchen mehr Dialog und müssen unser Dasein als sexuelle Wesen neu definieren.



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Über die Performance

Ejaculation - Discussions About Female Sexuality

Premiere Finnland @ National Theatre Helsinki, Willensauna
24. - 25. Oktober 2018
Infos

Premiere Österreich @ BRUX - Freies Theater Innsbruck
Spieldauer: 30. November - 2. Dezember 2018

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Quellenverzeichnis