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Martha Wohlleber
Diversität in aktuellen deutschen Kinder-Bestsellern

Zwei Kinder lesen ein Buch.
Foto (Detail): Yaroslav Shuraev/Pexels

„Alle Kinder in Deutschland haben das Recht auf Kinderliteratur, in der sie nicht rassifiziert, als Beiwerk, Problem oder ‚fremd‘ dargestellt werden. Alle Kinder in Deutschland haben das Recht auf Kinderliteratur, die sie meint, ermutigt und erfreut.“ (Noah Sow, 2011)

Von Martha Wohlleber

Hintergrund

In Deutschland leben Menschen aus vielen Nationen, Ethnien und Kulturen zusammen. Im Jahr 2018 wiesen 25,5% der Bevölkerung eine Migrationsgeschichte auf (Statistisches Bundesamt, 2020), bei Kindern unter 15 Jahren lag der Anteil sogar bei 35% (BBMFI, 2015). Mit vielfältigen Geschichten und vorbildgebenden Figuren, gerade auch von Vertreter*innen diskriminierter Gruppen, kann Kinderliteratur einen bedeutenden Beitrag zum Gelingen der Migrationsgesellschaft leisten, und dazu beitragen, die Grenze zwischen dem „Wir“ und dem „Anderen“ abzubauen und Migration als Realität bzw. Normalität zu erleben. Dafür ist es wichtig, dass Kinderliteratur die ganze Vielfalt Deutschlands portraitiert und damit allen in Deutschland lebenden Kindern eine Stimme verleiht.

Studien zur Kinderliteratur kommen zu dem Schluss, dass der Kinderbuchmarkt der natio-ethno-kulturellen Vielfalt in Deutschland bisher nicht gerecht wird und BAME (Black Asian Minority Ethnic)-Figuren hauptsächlich innerhalb eines begrenzten Rollenspektrums Eingang in Kinderbücher finden. Sie treten vor allem „im Zusammenhang mit vermeintlich ‚Typischem‘ wie der Rassismusproblematik oder als Verkörperungen kultureller Unterschiede“ (Wollrad, 2013, S. 8) in Erscheinung. Dies geht nicht spurlos an den lesenden Kindern vorbei, denn Literatur prägt das Bild, das sich Kinder von sich selbst und von anderen Menschen machen. So trägt Kinderliteratur dazu bei, die Trennung zwischen einem „Wir“ und den „Anderen“ zu stärken, anstatt ihr verbindendes und integrierendes Potential zu nutzen.

BAME-Figuren wurden bisher vor allem in Schul-, aber auch in Kinderbüchern zu interkulturellen oder expliziten Themen wie Rassismus und Flucht untersucht. Es fehlte ein dezidierter Blick auf ihre Darstellung in den aktuellen Kinderbuch-Bestsellern. Vor diesem Hintergrund entstand die Forschungsfrage: Präsentieren aktuelle Kinderbuch-Bestseller ein differenziertes Bild von BAME-Figuren?
 
Für die diesem Beitrag zugrunde liegende Arbeit wurden die von deutschsprachigen Autor*innen verfassten Kinderbücher untersucht, die im Zeitraum von Mai 2019 bis April 2020 auf der Kinderbuch-Bestsellerliste des Börsenvereins des deutschen Buchhandels standen, und deren Handlungsraum in Deutschland liegt.

Ergebnisse

Um die Forschungsfrage zu beantworten, wurde zum einen erfasst, ob BAME-Figuren in den Büchern vorkommen, und zum anderen ein Rollenprofil der gefundenen BAME-Figuren erstellt.
Diversität in aktuellen deutschen Kinder-Bestsellern. © Martha Wohlleber In der Gruppe Minority Ethnic befinden sich mit einer einzigen Ausnahme ausschließlich türkische Figuren. Die Markierungen von Zugehörigkeiten finden hauptsächliche über kulturspezifische Namen oder die Benennung der Hautfarbe oder des Herkunftslandes statt.

Rollenbilder von BAME-Figuren

Eine dezidierte Rollen für BAME-Figuren lässt sich in den Büchern nicht ausmachen. Es finden sich aber Gemeinsamkeiten über die Bücher hinaus. Im Folgenden werden einige ausgewählte Ergebnisse gezeigt:
Beziehungen in den Kinderbüchern. © Martha Wohlleber Das Spektrum der beschriebenen Berufe und Tätigkeiten ist weit gefasst – vom Spüler bis hin zum Fußballprofi, Chefarzt und zur Star-Anwältin. Dabei bildet die Gruppe der hoch dotierten Berufe die Mehrzahl. Es lassen sich jedoch auch Figuren als Kriminelle einordnen. Interessant ist es, die BAME-Figuren und ihre Berufe in ein Verhältnis zur jeweiligen Hauptfigur zu setzen. Je enger das Verhältnis einer BAME-Figur zur Hauptfigur ist, desto profilierter ist ihr Beruf bzw. desto höher ist ihr Ansehen.

Insgesamt lassen sich keine „typischen“ Charaktereigenschaften der gefundenen BAME-Figuren feststellen. Eine Tendenz zeigt sich jedoch: Viele Eigenschaften sind vor allem im zwischenmenschlichen Bereich beheimatet und zeigen sich insbesondere in einem rücksichtsvollen Umgang mit mehrheitsangehörigen Figuren. Zudem weisen die BAME-Figuren oft Eigenschaften auf, die sich für andere als nützlich erweisen können, während persönliche oder körperliche Eigenschaften nur selten gezeigt werden.

Nahezu alle BAME-Figuren weisen auch negative Eigenschaften auf. In Gruppen oder Klassen sind die BAME-Figuren in vielen Fällen sogar die einzigen, die solche Charaktereigenschaften zeigen. Insbesondere Figuren, die über ihre nicht-weiße Hautfarbe markiert sind, sind defizitär gestaltet, während beispielsweise türkisch markierte Figur eher milde negative Eigenschaften aufweisen.

Zum Schluss

Insgesamt zeigt sich für die Präsenz von BAME-Figuren sowie für eine differenziertere Darstellung derselben ein positiver Trend in den Kinderbuch-Bestsellern. Eine Reduktion der BAME-Figuren auf Problemfälle, die Kinderbüchern oft attestiert wird, kommt in den untersuchten Büchern nicht zum Vorschein. Themen, die in Kinderbüchern im Hinblick auf BAME-Charaktere häufig behandelt werden, wie Abschiebung oder Diskriminierungen, sind in keinem der untersuchten Bücher Teil der Geschichte. Auch die beobachtete Tendenz, dass um Toleranz für die entsprechenden Figuren geworben wird, kann für die untersuchten Büchern nicht bestätigt werden. Ebenso wenig wie eine Exotisierung oder Kulturalisierung der BAME-Figuren. Das bedeutet jedoch nicht, dass die untersuchten Kinderbücher positive oder realistische Bilder einer Migrationsgesellschaft entwerfen.

Im Gegenteil, die Autor*innen in den untersuchten Büchern verzichten auf jegliche Form von kulturellen Bezügen und vermeiden die Benennung von Unterschieden. Die BAME-Figuren erscheinen zum Großteil als gut angepasst; ihre Migrationsgeschichte, ihr Herkunftsland und dessen Kultur scheint für sie ebenso wenig eine Bedeutung zu haben wie daran anknüpfende Erfahrungen oder Eindrücke. Lediglich eine Figur bezeichnet sich als dem Herkunftsland ihrer Mutter zugehörig und sieht Vorteile in dieser Mehrfachzugehörigkeit. Diese Darstellung der BAME-Figuren suggeriert, dass Zusammenleben nur funktioniert, wenn alle gleich sind, bzw. wenn sich die Minderheiten der Mehrheit anpassen. Anstatt es den Kindern zu erleichtern, sich mit Vielfalt und Unterschieden wohlzufühlen, können die untersuchten Bücher einen eurozentristischen Blick auf die Welt und „die Anderen“ stärken. Die Notwendigkeit einer vielfältigen Gestaltung von BAME-Figuren in Kinderbüchern wird dadurch besonders deutlich.

Aussichtsreiche Entwicklungen sind also erkennbar. Insgesamt sind die Kinderbuch-Bestseller, und damit vor allem beliebte Kinderbuchreihen, jedoch noch weit von Noah Sows eingangs formulierten Forderungen entfernt. Damit sich alle Kinder gemeint und ermutigt fühlen, braucht es auch in den Kinderbuch-Bestsellern neben mehr diversen Figuren vor allem mehr Vielfalt in der Darstellung von Diversität.

Literatur

Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (BBMFI) (Hrsg.) (2015). Schulbuchstudie Migration und Integration. Paderborn. Verfügbar unter: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/wie-stellen-deutschlands-schulbuecher-migration-und-integration-dar--745708

Sow, N. (2011). Aufruf: Generationenvertrag für PoC Autor_innen. Verfügbar unter: https://www.noahsow.de/blog/aufruf-generationenvertrag-fur-poc-autor_innen/

Statistisches Bundesamt (2020, 28. Juli). Bevölkerung mit Migrationshintergrund 2019 um 2,1 % gewachsen: schwächster Anstieg seit 2011. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/_inhalt.html [Zugriff am 01.10.2020]

Wollrad, E. (2013). Rassismus in Kinderbüchern. Fachstelle Kinderwelten. Verfügbar unter: https://baustelle2013.kinderwelten.net/content/vortraege/pdf/4_Vortrag_Wollrad.pdf
 

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