Wikipedia im Gespräch Das Erschaffen und Teilen von Wissen via Wikipedia

Wikipedia Workshop in der Bibliothek des Goethe-Instituts Jakarta
Wikipedia Workshop in der Bibliothek des Goethe-Instituts Jakarta | © Goethe-Institut Indonesien

Mit dem Ziel, die indonesische Sprachversion der Online- Enzyklopädie Wikipedia weiter auszubauen, führten Wikimedia Indonesia und das Goethe-Institut Indonesien einen öffentlichen Schreibwettbewerb zu sozialwissenschaftlichen und deutschlandbezogenen Themen durch. Die drei Gewinner wurden am 28. Februar 2018 im Rahmen einer Preisverleihung im Goethe-Institut Jakarta geehrt. Im Gespräch mit dem  Mitgründer von Wikimedia Indonesia, Ivan Lanin, und der stellvertretende Vorsitzende von  Wikimedia Indonesia, Ivonne Kristiani, wollten wir mehr über die Hintergründe und Ergebnisse des Projekts erfahren.



Herr Lanin, Sie waren von Anfang an dabei: Wie hat sich Wikipedia Indonesien in den letzten Jahren verändert?

Als ich 2006 zu Wikipedia dazu kam – das war etwa zwei Jahre nach der Einführung von Wikipedia in Indonesien –, lag die Anzahl der Artikel bei etwa 18.000. Wir sind seither stetig gewachsen und inzwischen gibt es etwa 420.000 Artikel in der indonesischen Wikipedia. Eine weitere Veränderung, die ich seit meiner Anfangszeit beobachtet habe, ist die Qualität der Artikel. Ein Beispiel ist mein erster Artikel, den ich editiert habe; Es ging darin um Steuereinnahmen: In der englischen Wikipedia konnte man den Artikel über zwei bis drei Seiten nach unten scrollen, in der indonesischen Ausgabe hingegen stand da nur ein einziger Satz. Sieht man sich die indonesischen Artikel heute an, haben sie wenigstens eine angemessene Länge.

Hat sich die öffentliche Wahrnehmung zu Wikipedia auch verändert?

Als mein Sohn zwei Jahre alt war, hatte ich den Traum, dass Wikipedia eine zuverlässige Informationsquelle sein würde, wenn er zur Grundschule geht. Heute schauen sich Akademiker Wikipedia an und behaupten noch immer, die Online-Enzyklopädie sei nicht zuverlässig. Ich hoffe aber nach wie vor, dass Wikipedia eines Tages als eine zuverlässige Informationsquelle wahrgenommen wird.

Mit welchen anderen Herausforderungen sieht sich Wikimedia in Indonesien konfrontiert?

Eine der Hürden des Indonesischen ist tatsächlich, dass es kaum eine Schreibkultur gibt. Indonesisch ist eine gesprochene Sprache, die sich aus dem Gesprochenen heraus entwickelt hat. Daher müssen wir hart daran arbeiten  eine Schreibkultur hier aufzubauen.

Frau Kristiani, in Hinblick auf den Wettbewerb: Warum haben Sie sich speziell für den Schwerpunkt „Sozialwissenschaften“ im Wettbewerb entschieden?

Wir haben Sozialwissenschaften gewählt, weil wir der Ansicht sind, dass Themen wie Demokratie, Bürgerrechte, Wirtschaft, Soziologie oder Geschichte sehr wichtige Themen sind: Diese Themen haben alle direkt oder indirekt mit unserem täglichen Leben zu tun. Aber leider sind sozialwissenschaftliche Themen auf Wikipedia Indonesia nach wie vor unterrepräsentiert. Einer der wichtigsten Gründe für die Ausrichtung des Schreibwettbewerbs war deshalb das Ziel, die Anzahl sozialwissenschaftlicher Artikel in guter Qualität zu erhöhen.

Die Gewinner des Schreibwettbewerbs Ganesha Die Gewinner des Schreibwettbewerbs Ganesha | © Goethe-Institut Indonesien Würden Sie sagen, dass der Wettbewerb in dieser Hinsicht erfolgreich war?

Ja, im Laufe des Wettbewerbs sind 4.000 bereits vorhandene Artikel editiert worden und 1.065 Artikel neu entstanden. Außerdem ist die thematische Bandbreite der neu entstandenen Artikel sehr groß. Wir sind überrascht, wie unterschiedlich  und teilweise auch außergewöhnlich die Artikel sind! Wir haben nun beispielsweise einen sehr umfangreichen Artikel über die Demokratie in Indonesien, ein anderer Artikel behandelt das Recht auf Selbstdiskriminierung und auch zum internationalen Handel im alten Java findet sich nun ein Abschnitt in der Enzyklopädie. Es ist etwas ganz Besonderes und ein großer Mehrwert, wenn Menschen ihr Fachwissen über Wikipedia mit der Allgemeinheit teilen.

Abgesehen von Ihrer Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut, warum haben Sie neben den Sozialwissenschaften auch Deutschland als Thema für den Wettbewerb gewählt?

Weil Wikipedia ein kreatives Medium für den kulturellen Austausch ist. Ich denke, die meisten Menschen in Indonesien wissen etwas über Deutschland, aber wahrscheinlich kennen sie nur einen winzigen Ausschnitt des Landes, wie zum Beispiel  den deutschen Fußball. Durch den Wettbewerb werden nun mehr und mehr Artikel mit Deutschlandbezug publiziert. Die Teilnehmer schrieben über äußerst interessante Themen, wie Islam in Deutschland oder die Bundestagswahl. Und natürlich gibt es jetzt auch jede Menge Artikel über Personen des öffentlichen Lebens in Deutschland, wie Politiker oder Celebrities. Oder Artikel über besonderes deutsches Essen, wie den Zwiebelkuchen oder die Bratwurst.

Wenn Sie auf das Projekt zurück-blicken, welche Erkenntnisse nehmen Sie für die Zukunft mit?

Uns hat sehr überrascht, wie viele Menschen am Wettbewerb teilnehmen wollten. 1.400 Anmeldungen – das ist wirklich eine sehr große Anzahl. Andererseits wissen wir, dass es keine leichte Aufgabe ist, einen Wikipedia-Artikel zu verfassen und viele haben bei bestimmten Missionen aufgegeben. Daher denke ich, dass wir weiterhin über Wege nachdenken müssen, wie wir Menschen ermutigen, mit ihrem Wissen zu Wikipedia beizutragen. Für die Zukunft müssen wir, abgesehen von Wettbewerben, uns noch andere Wege überlegen, wie wir Menschen zum Mitmachen bewegen können. Es geht in erster Linie nicht darum, Artikel zu schreiben, um einen attraktiven Preis zu gewinnen. Es geht vor allem auch darum, das Bewusstsein für den Wert der Wikipedia als kollaborative und frei zugängliche Wissensplattform zu schärfen.

Herr Lanin, Können Sie uns zum Schluss noch einen Ausblick auf die Zukunft von Wikimedia in Indonesien geben?
Was ich besonders an der heutigen Generation schätze, ist, dass sie mehr Energie und mehr Leidenschaft aufbringt, um Wikimedia zu einer professionelleren Organisation zu entwickeln. Es ist sehr gut, dass die neue Generation einen langfristigen strategischen Plan hat. Damit werden meines Erachtens die Vorhaben und die damit verbundenen Anstrengungen strukturierter. Denn die Mission ist immer noch Wissen frei zugänglich zu machen, auf Indonesisch sagen wir bebaskan pengetahuan. Wir können dies jedoch nicht allein erreichen, wir müssen dafür mit Organisationen wie dem Goethe-Institut oder mit Bildungseinrichtungen in ganz Indonesien zusammenarbeiten.
 

Ivonne Kristiani Ivonne Kristiani | © Goethe-Institut Indonesien Ivonne Kristiani
ist stellvertretende Vorsitzende von Wikimedia Indonesien von 2017-2018. Sie begann zum ersten Mal bei Wikipedia Indonesien beizutragen, als sie bei einem Schreibwettbewerb unter dem Titel „Bebaskan Pengetahuan“ (Befrei Dein Wissen) teilnahm und anschließend den dritten Platz belegte. Im Augenblick arbeitet sie auch als Managerin an dem Projekt „Cipta Media Ekspresi“, das Frauen im Bereich Kunst und Kultur Stipendien bewilligt.




Ivan Racela Lanin Ivan Racela Lanin | © Goethe-Institut Indonesien Ivan Racela Lanin
ist Senior Consultant und Direktor für Banking, Finance & GRC bei der Proxsis Consulting Group, Jakarta. Seine derzeitige Spezialisierung liegt in den Bereichen Qualitätsmanagement und Risikomanagementsysteme. Ivan Lanin ist seit 2006 Wikipedia-Autor und einer der Gründer von Wikimedia Indonesia im Jahr 2008. Er ist auch bekannt als indonesischer Sprachaktivist in den sozialen Medien.