Deutsche Saison | Interview Interview mit Ulla Lenze

Ulla Lenze | Sekolah Laskar Pelangi
© Ulla Lenze


Sie sind vor dieser Autorenresidenz schon viel gereist. Welche Erwartungen hatten Sie an den Aufenthalt in Indonesien?

Ich bin mit großem Interesse nach Indonesien gereist. Ich hatte in Berlin bereits Gespräche geführt mit Journalisten, die kurz vorher dort gewesen waren, und auch mit dem Verlegerehepaar Weidle, die kürzlich Leila S. Chudoris Roman "Pulang" herausgegeben haben. Auch hatte ich einige Romane gelesen. Ich war daher an bestimmten Themen interessiert, etwa an der Literaturszene Indonesiens, einschließlich dem "Phänomen" Andrea Hirata, der durch seine Erfolgsgeschichte (vom armen Arbeiterjungen zum internationalen Erfolgsautor) geradezu Nationalheld-Status genießt. Natürlich interessierte mich auch, wie und ob das Thema "1965", also der Massenmord, in der Gesellschaft angekommen ist jenseits der literarischen Auseinandersetzung, die ja seit einigen Jahren stattfindet. Zugleich wusste ich - und das ist bei jeder Reise so - dass es eine Herausforderung sein würde, die eigene Rolle zu finden. Ich bin einerseits einfach Reisende, teils Touristin, dann wiederum offiziell Romanautorin aus Deutschland. Welche Erwartungen würden an mich gestellt? Wäre ich Repräsentantin meines Landes? Das ist nie leicht. Zudem stelle ich fest, dass ich erst jetzt mit einigen Wochen Abstand überhaupt erst anfange, das Erlebte einordnen zu können. Während der Reise war ich doch teils zu überwältigt vom Geschehen.

Welche Ereignisse sind Ihnen während Ihrer Reise durch das Land besonders in Erinnerung geblieben?

Mich hat die Insel Sumatra sehr beeindruckt, auch wenn ich nur wenige Tage dort war. Über die matrilinear geprägte Minangkabau-Kultur hatte ich zuvor gelesen, war natürlich skeptisch, in wiefern sich von dieser Tradition für den Besucher etwas mitteilen würde. Auf unserer Reise durch das wunderschöne Hochland um Bukittinggi herum fiel das von Frauen geprägte Straßenbild auf, die Lässigkeit, mit der Frauen dort vor ihren Häusern saßen (und es sind tatsächlich "ihre" Häuser), und wie erfreulich leicht es fiel, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Auch meine zwei Begleiter - junge Dichter, die in Padang englische Literatur studieren - stammen aus Minangkabau-Familien und hatten Wissen aus erster Hand. Darüberhinaus hat mich auf Java die unglaublich geduldige Freundlichkeit der Menschen beeindruckt.
 

  • Ulla Lenze | Belitung 1 © Ulla Lenze
  • Ulla Lenze | Belitung 2 © Ulla Lenze
  • Ulla Lenze | Harbour © Ulla Lenze
  • Ulla Lenze | Ship © Ulla Lenze
  • Ulla Lenze | Tea Plantation © Ulla Lenze
  • Ulla Lenze | Bandung, Tea Plantation © Ulla Lenze
Hatten Sie die Möglichkeit, die indonesische Literaturszene genauer kennen zu lernen? Welche Eindrücke haben sie aus den Begegnungen mitgenommen?

Die Möglichkeit, die Existenz mit dem Schreiben zu bestreiten, ist in Indonesien viel geringer als bei uns, wo es neben den Buchverkäufen ja auch Einnahmen aus  Lesungen, Stipendien oder Literaturpreisen gibt. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb - so sagte man mir dort - die indonesischen Autoren Cliquen bilden, zwischen denen teils auch tiefe Gräben verlaufen. Dieses Phänomen soll sich durch die Einladung zur Frankfurter Buchmesse noch verstärkt haben. Zu hoffen ist, dass die  internationale Aufmerksamkeit letztlich allen Autoren und der Vielfalt ihrer Literatur zugute kommen wird.


Dieses Interview erschien zuerst auf der Webseite der Deutschen Saison/Ulla Lenze