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76. Berlinale – Preisverleihung
Wie politisch darf Kino sein? Die Berlinale ringt um ihre Haltung

Goldener Bär für den Besten Film 2026: „Gelbe Briefe” – der Regisseur İlker Çatak (Mitte) mit dem Filmteam
Goldener Bär für den Besten Film 2026: „Gelbe Briefe” – der Regisseur İlker Çatak (Mitte) mit dem Filmteam | Foto (Detail): © Dirk Michael Deckbar /Berlinale 2026

Preisgekrönte Filme über Macht, Identität und Gewalt – und eine Gala im Schatten von Kontroversen. Der Goldene Bär für „Gelbe Briefe” wirkt dabei wie ein Plädoyer für das Politische im Erzählen.

Von Ula Brunner

Bei dieser Preisvergabe lag Spannung in der Luft: Als im Berlinale-Palast die Silbernen und der Goldene Bär überreicht wurden, kulminierten zehn Tage Festival – und eine Debatte, die hartnäckiger war als mancher Wettbewerbsfilm: Wie politisch müssen die Internationale Filmfestspiele Berlin eigentlich sein? Die Antwort dieses Abends fiel vielschichtig aus.

Goldener Bär für Politdrama „Gelbe Briefe”

Der Goldene Bär ging an Gelbe Briefe von İlker Çatak – ein Politdrama, das seinen Anspruch nicht vor sich herträgt.  Erzählt wird von einem türkischen Künstlerehepaar, das zunehmend unter staatlichen Druck gerät. Gedreht in Berlin und Hamburg, angesiedelt in der Türkei, verbindet der Film eine präzise Beziehungsstudie mit politischer Parabel. Es geht um Angst, um Mut – und um die Frage, wie viel Widerstand ein Mensch aushält, wenn der Raum für Widerspruch immer kleiner wird. Jurypräsident Wim Wenders sprach von einer „Vorahnung” – einem Blick in eine Zukunft, die möglicherweise auch „in unseren Ländern” passieren könnte. Das ist sehr angemessen formuliert. Denn Çatak interessiert sich weniger für tagespolitische Zuspitzungen als für Strukturen von Macht.

Dass zuletzt 2004 mit Fatih Akin und Gegen die Wand ein deutscher Regisseur den Hauptpreis gewann, zeigt, wie besonders diese Entscheidung ist. Und doch war Gelbe Briefe nicht unumstritten – We Are All Strangers, Anthony Chens in Singapur verankertes Gesellschaftsporträt, galt vielen als Favorit. Vielleicht ist Çataks Film nicht der formal kühnste im Wettbewerb. Aber er ist einer, der bleibt, weil er politische Bedrohung als existenzielle Erfahrung begreift.

Politisch wacher Jahrgang

Auch die weiteren Preisträger fügen sich ins Bild eines politisch wachen Jahrgangs. Sandra Hüller erhielt den Silbernen Bären für ihre Hauptrolle in der österreichisch-deutschen Koproduktion Rose von Markus Schleinzer. Zwanzig Jahre nach ihrem Berlinale-Durchbruch mit Requiem schließt sich für sie ein Kreis. In Rose spielt sie eine Frau im 17. Jahrhundert, die sich als Mann ausgibt, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Historienfilm? Ja. Aber einer, der Fragen nach Identität und Geschlechterrollen so gegenwärtig verhandelt, dass es beinahe wehtut. Hüller trägt das mit einer Intensität, die den Film weit über sein Setting hinaushebt.
Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle 2026: Sandra Hüller in „Rose” von Markus Schlenzer

Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle 2026: Sandra Hüller in „Rose” von Markus Schlenzer | Foto: © Richard Hübner / Berlinale 2026

Der Große Preis der Jury ging an Salvation (Kurtuluş) von Emin Alper, eine eskalierende Fehde zwischen zwei Bergdörfern – Western-Anklänge inklusive. Auch das ist politische Kunst: eine Parabel über Gewaltspiralen, über verhärtete Fronten und Gemeinschaften.

Der Preis der Jury zeichnete Queen at Sea von Lance Hammer aus, ein stilles Demenz-Drama. Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall spielen ein altes Ehepaar mit berührender Selbstverständlichkeit – und wurden dafür als beste Nebendarsteller geehrt. Auch hier zeigt sich: Das Politische liegt oft im Privaten, in der Bereitschaft unserer Gesellschaft, würdevolles Altern zu ermöglichen.

Das Festival als Echokammer einer polarisierten Welt

Erwartungsgemäß war auch diese Gala erneut Bühne für reale Konflikte. Die libanesische Regisseurin Marie-Rose Osta (Bester Kurzfilm Someday a Child) erinnerte an Opfer in ihrer Region. Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib (Bestes Spielfilmdebüt für Chronicles From the Siege) nutzte seine Dankesrede für scharfe Vorwürfe gegen die Bundesregierung im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg. Applaus mischte sich mit Pfiffen, Bundesumweltminister Carsten Schneider verließ den Saal.

Schon im Vorfeld waren Filmschaffende in Pressekonferenzen immer wieder auf ihre Haltung zum Gaza-Krieg festgelegt worden. Ein offener Brief, unterzeichnet unter anderem von Tilda Swinton, warf dem Festival „institutionelles Schweigen“ vor. Intendantin Tricia Tuttle verteidigte die Berlinale als offenen Debattenraum: „Ein Festival ist ein Ort, an dem Künstler sprechen können, und manchmal sprechen sie auf eine Art und Weise, die unbequem oder umstritten ist, aber es ist wichtig, dass wir diesen Raum bieten”, sagte sie auf der Gala. Und Wim Wenders plädierte dafür, die Sprachen von Aktivismus und Kino nicht gegeneinander auszuspielen.

Muss ein Festival Stellung beziehen?

Hier liegt der Kern der Kontroverse: Muss ein Festival, müssen Filmschaffende Stellung beziehen – oder reicht es, Filme sprechen zu lassen? Keiner der prämierten Wettbewerbsbeiträge setzte sich etwa explizit mit dem Gaza-Krieg auseinander. Und doch kreisten viele um Macht, Gewalt, Identität, Erinnerung.

Gewiss: Es war kein durchweg starker Wettbewerb. Manche der 22 Beiträge werden schnell vergessen sein. Bei Rosebush Pruning schien die Starbesetzung – etwa mit Pamela Anderson und Elle Fanning – fast wichtiger als der Film selbst. Das Festival braucht Glamour, keine Frage. Aber es braucht vor allem Relevanz.

Auf welche Weise ist ein Festival politisch?

Vielleicht besteht die politische Qualität dieser Berlinale genau darin, Komplexität auszuhalten. In einer Zeit, in der Positionen oft in wenigen Worten verdichtet werden, setzten viele der ausgezeichneten Filme auf Zwischentöne.

Die 76. Berlinale hat einen Prozess sichtbar gemacht: das Ringen um Offenheit, um Haltung, ohne Kunst zum bloßen Statement zu verkürzen. Das verlief nicht reibungslos. Doch am Ende standen Filme im Mittelpunkt, die zeigen, was Kino leisten kann: Empathie erzeugen, Machtverhältnisse sichtbar machen, historische Stoffe in die Gegenwart holen. Ein Festival braucht Haltung. Entscheidend ist, wie es sie zeigt.
 

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