Ausstellung in Rom
Barbara Yelin: Geschichte und Erinnerung im Comic
Sie gehört zu den bedeutendsten deutschen Autorinnen und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Max-und-Moritz-Preis 2016 und 2024, der Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher 2024, der Großen Preis für Kinder- und Jugendliteratur 2025, und der Preis für Demokratie und gegen Vergessen 2025. Barbara Yelin ist Teil jener Generation von Autor*innen, die in den 2000er Jahren – inspiriert von der Revolution der 90er Jahre durch Gruppen wie PGH Glühende Zukunft und Monogatari – neue Formen des Autorencomics, insbesondere der Graphic Novel, hervorbrachten, um Geschichten zu erzählen, die verschiedene Genres und Formate vereinten. Seit September 2025 lebt sie für ein Jahr in Rom als Rompreisträgerin der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo. Ab Januar 2026 werden ihre Originale in einer vom Goethe-Institut Rom organisierten und von Hamelin Associazione Culturale kuratierten Ausstellung zu sehen sein.
Von Emilio Cirri
Die Anfänge
Nach ihrem Studium bei Anke Feuchtenberger veröffentlicht Barbara Yelin ihre ersten Bücher in Frankreich bei Éditions de l’An 2, wo Thierry Groensteen auf sie aufmerksam wird. Ihre frühen Werke, die zunächst dem materiellen und geheimnisvollen Stil der starken Hell-Dunkel-Kontraste Feuchtenbergers folgen (Le Visiteur, 2004), werden bald um neue Nuancen bereichert: Farbe und komplexere Bildkompositionen kommen hinzu, begleitet von einer typisch französischen Erzählweise (Le Retard, 2005).Kurz darauf beginnt sie mit ihren Arbeiten für den deutschen Buchmarkt, die im Laufe der Jahre immer mehr werden: Kurzgeschichten (ein Format, das sie stets beibehalten wird) für selbstverwaltete Comic- und Kulturzeitschriften wie Spring, Reportagen für Tageszeitungen wie Der Tagesspiegel oder kurze Comicstrips, die in der Frankfurter Rundschau erscheinen und später in den Band Riekes Notizen (2013, Reprodukt) einfließen. Dieses Werk verbindet auf spielerische und humorvolle Weise autobiografische Elemente mit Zeichnungen und orientiert sich an der französischen Karikaturtradition – ein Stil, den die Autorin später nicht weiterverfolgt, der aber ihre kontinuierliche narrative und stilistische Suche deutlich macht.
Gift, der erste Comicroman in Deutschland
2010 ist ein wichtiges Jahr: Es erscheint Gift, ihr erster Comicroman, der von einem deutschen Verlag veröffentlicht wird. Die Geschichte der Serienmörderin Gesche Margarethe Gottfried entstand zusammen mit dem Szenaristen Peer Meter.Gift ist nicht nur ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum; durch die Zusammenarbeit mit einem Drehbuchautor, verfeinert Yelin ihre Erzähltechnik und lernt viel über bibliografische und historiografische Recherche, was für ihren weiteren Werdegang von grundlegender Bedeutung ist. Darüber hinaus unterstreicht das Werk einmal mehr Yelins stilistische Vielseitigkeit: ein raues, gewaltvolles Schwarz-Weiß, das die Grausamkeit und Dramatik der Geschichte widerspiegelt und die historischen Details dabei präzise erzählt.
Der Wendepunkt: Irmina
Das Jahr 2014 markiert den wahren Wendepunkt in Barbara Yelins Karriere. Anhand der eigenen Familiengeschichte, mit erweiterter historischer Forschung und im Versuch einer semifiktionalen Rekonstruktion, begleitet sie die Entscheidungen einer deutschen Frau, die ihren Drang nach Unabhängigkeit teils gezwungen, teils freiwillig aufgibt und sich in eine Diktatur eingliedert, sie letztlich unterstützt und in die grausamsten und unmenschlichsten Momente folgt. Eine individuelle, teils exemplarische Charakterstudie. So entsteht Irmina. Das Buch ist ein sofortiger Erfolg und es wird in verschiedene Sprachen übersetzt (darunter ins Italienische bei Rizzoli Lizard).Erinnerungskultur – Die Poetik von Yelin
Diese drei Elemente werden durch ein viertes in einen Zusammenhang gebracht, das eigentliche Kernstück von Yelins Werk: die Erinnerungskultur, die sie mit vielen Nuancen erzählt, in einer Weise, die an andere große zeitgenössische Autor*innen erinnert, von Nora Krug bis hin zu Paco Roca.Zwei Werke, die diese Erzählstränge besonders gut veranschaulichen, sind Der Sommer ihres Lebens (Text von Thomas von Steinaecker, Reprodukt 2017) und Emmie Arbel – Die Farbe der Erinnerung, die Geschichte der Holocaust-Überlebenden Emmie Arbel.
Im ersten Werk erzählt die Autorin das Leben der Seniorin Gerda anhand ihrer Erinnerungen, während sie im Altersheim ihren Lebensabend verbringt. Die Farbauswahl hat nicht nur eine narrative Funktion, indem sie die Gegenwart von der Vergangenheit unterscheidet, sie untermalt damit auch die Gemütszustände der Protagonistin.
Die Arbeit über Emmie Arbel geht noch tiefer: Die Erzählung der Überlebenden mehrerer NS-Vernichtungslager, die Yelin in Form eines Interviews führt, markiert einen Wendepunkt in der Verwendung des Comics als Dokumentarform. Es zeigt die Vielzahl erzählerischer Mittel, die Yelin einsetzt, wie die Verwendung von Farbe, aber auch die Art der gezeichneten Linien: je nach Art der Erinnerung von einem feinen, leichten Strich, der der Farbe Raum lässt, bis zu einem markanten, starken Strich, der mit der Farbe um Platz auf der Seite ringt.
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