7 Fragen an Friedrich Hubert Esser Mit Deutsch in den Beruf: Expertenreisen

Das Goethe-Institut in Rom organisiert innerhalb seines Projekts „Mit Deutsch in den Beruf“ zusammen mit seinen italienischen Partnern Expertenreisen zum Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn.

Was ist das duale Ausbildungssystem in Deutschland? Was sind seine Stärken? Sehen Sie auch Verbesserungsmöglichkeiten?

Das duale Ausbildungssystem in Deutschland ist geprägt von einer engen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft, die sich die Verantwortung für die duale Berufsausbildung teilen. Sozialpartner und Kammerorganisationen haben eine starke Stellung in der Berufsbildungspolitik. Kern der dualen Berufsausbildung ist das Lernen im Arbeitsprozess, d. h. die Kombination von praxisnahem Lernen im Betrieb sowie theoriegeleitetem Lernen in der Berufsschule. Durch das konsensuale Zusammenwirken aller Akteure ist gewährleistet, dass in den bundesweit gültigen Ausbildungsordnungen und Prüfungsanforderungen einheitliche Regelungen und nationale Standards gelten. In der Praxis wird die Qualität des Systems durch qualifiziertes Ausbildungspersonal gesichert, wobei eine spezielle Verordnung – die Ausbildereignungsverordnung (AEVO) – festlegt, unter welchen Voraussetzungen eine Person als Ausbilder im Sinne des Berufsbildungsgesetzes anerkannt werden kann. Letztendlich gehört auch eine institutionalisierte Forschung und Beratung zu den Stärken der dualen Berufsbildung, denn gerade die Bildungs- und Arbeitsmarktforschung des BIBB ermöglichen erst die ständige Anpassung der Berufsbildung an die aktuellen technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Stärke dieses Systems – nämlich die praxisnahe, enge Anbindung an die Wirtschaft – ist zugleich aber auch seine Schwäche, denn in konjunkturell schwierigen Zeiten gerät mit einer gewissen Verzögerung auch der Ausbildungsstellenmarkt unter Druck, da die Betriebe weniger ausbilden.

Wie spielen die Träger des dualen Ausbildungssystems in Deutschland zusammen: die Betriebe, die Berufsschulen, die weiteren beteiligten Institutionen?

Das duale System bildet den Kern beruflicher Ausbildung. Rund die Hälfte der Jugendlichen eines Jahrgangs strebt nach dem Ende der Schulzeit eine duale Berufsausbildung an. Die Kooperation zwischen Staat, Wirtschaft und Sozialpartnern findet dabei auf mehreren Ebenen statt. In einem gemeinsamen Gremium auf Bundesebene – dem BIBB-Hauptausschuss, der auch als „Parlament der Berufsbildung“ bezeichnet wird – arbeiten, mit gleichem Stimmenanteil, Beauftragte des Bundes, der Länder, der Arbeitgeber und der Gewerkschaften („Bänke“) zusammen. Dieses Gremium erörtert alle wichtigen Fragen und ist das gesetzliche Beratungsorgan der Bundesregierung in grundsätzlichen Fragen der beruflichen Bildung.

Auf der Ebene der Ausgestaltung von Ausbildungsordnungen arbeiten der Bund und die Sozialpartner – unter der Moderation des BIBB – ebenfalls zusammen. Die Ausbildungsordnungen sind die curriculare Grundlage der betrieblichen Ausbildung. Ihre Aktualität sichert die Arbeitsmarktrelevanz der erworbenen Qualifikationen und Kompetenzen. Mit den Ländern erfolgt schließlich die Abstimmung zwischen den betrieblichen Ausbildungsordnungen mit den Curricula der beruflichen Schulen.

Auf der dritten Ebene, der eigentlichen Ausbildung, spielen die Betriebe eine zentrale Rolle. Sie schließen mit den Auszubildenden einen speziellen Ausbildungsvertrag, der die Rechte und Pflichten beider Seiten regelt. Darin verpflichten sich beispielsweise die Betriebe, nach den in den Ausbildungsordnungen festgelegten Vorgaben auszubilden und dem Auszubildenden eine Ausbildungsvergütung zu zahlen. Die Qualitätssicherung beziehungsweise die abschließenden Prüfungen übernehmen die zuständigen Stellen, z. B. die Kammern als Selbstverwaltungsorgane der Wirtschaft.

Wie sieht die typische Berufsausbildung eines jungen Menschen im dualen System aus und welche Berufsabschlüsse kann er erreichen? Nehmen wir das Beispiel eines Kfz-Mechatronikers.

Die Neuordnung des Kfz-Mechatronikers aus dem Jahr 2003 ist eine echte Erfolgsgeschichte. Hervorgegangen aus der Zusammenlegung der beiden Vorgängerberufe Kfz-Mechaniker und Kfz-Elektriker hat sich der Kfz-Mechatroniker schnell zum beliebtesten Handwerksberuf in Deutschland entwickelt, der Jahr für Jahr die höchsten Vertragszahlen bei den Neuabschlüssen im Handwerk ausweisen kann. Wie wandlungs- und anpassungsfähig das deutsche Ausbildungssystem ist, zeigt die Tatsache, dass dieser duale Ausbildungsberuf zurzeit erneut modernisiert wird, um die praktische und theoretische Ausbildung dem Bedarf der Wirtschaft folgend an die neuesten technologischen Entwicklungen anzupassen. Dies gilt zum Beispiel in Bezug auf neue Antriebsformen, wie Hybrid- oder Elektromotoren oder die Hochvolttechnologie, oder zum Beispiel in Bezug auf die Verarbeitung neuer Materialien im Karosseriebau, wie die Verwendung von Karbon.

Nach der dreieinhalbjährigen Ausbildung stehen dem Kfz-Mechatroniker zudem attraktive Fortbildungs- und Karrierewege offen. Er kann sich zum Kfz-Servicetechniker, zum Kfz-Techniker-Meister oder zum Betriebswirt im Kfz-Gewerbe weiterbilden. Durch die Einführung des Europäischen und des Deutschen Qualifikationsrahmens (EQR/DQR) ist eine Vergleichbarkeit und Anschlussfähigkeit zum hochschulischen System gewahrt, denn der Kfz-Techniker-Meister steht gleichwertig mit dem Bachelor auf der Stufe 6 des EQR und des DQR. Dies verdeutlicht auf anschauliche Weise die Attraktivität der deutschen Aus- und Fortbildungsabschlüsse und ihre Gleichwertigkeit mit den Abschlüssen im hochschulischen System.

Wie wird die Berufsausbildung finanziert?

An der Finanzierung der beruflichen Bildung in Deutschland beteiligen sich mehrere Akteure. Dabei wird der weit überwiegende Teil der Kosten von den ausbildenden Betrieben selbst getragen. Sie übernehmen zum Beispiel die Kosten für die Ausbildungsvergütungen der Auszubildenden sowie für die Betreuung und Ausbildung im Betrieb. Die Länder tragen die Kosten für die Berufsschulen. Gegebenenfalls sind für bestimmte Maßnahmen auch Zuschüsse des Bundes über die Agenturen für Arbeit möglich.

Welche Rolle spielt das BIBB in Deutschland, in Europa und in der Welt?

Hier möchte ich an erster Stelle als eine der zentralen nationalen Aufgaben des BIBB beispielhaft die Entwicklung und Modernisierung der Ausbildungsordnungen und Fortbildungsregelungen nennen. Auch hat das BIBB die Aufgabe, im Rahmen seiner Berufsbildungsforschung Grundlagen für die berufsbildungspolitische Steuerung bereit zu stellen und damit auch Innovationen anzustoßen. So gibt das BIBB zum Beispiel den jährlichen Datenreport zum Berufsbildungsbericht der Bundesregierung heraus, der sich längst zu einem Standardwerk für die berufliche Bildung in Deutschland entwickelt hat.

Das BIBB ist aber auch eine Plattform für die Diskussion und Beratung aktueller berufsbildungspolitischer Themen, wie beispielsweise der Entwicklung des Deutschen Qualifikationsrahmens. Hier laufen die Fäden zusammen, die Sozialpartner, Bund und Länder sitzen hier an einem Tisch.

Das BIBB ist zudem weltweit in zahlreiche Netzwerkaktivitäten eingebunden und unterhält inzwischen rund 30 Kooperationsverträge zu berufsbildungspolitischen Einrichtungen und Organisationen auf allen Kontinenten. Gerade erst haben wir alle Partner des BIBB zum ersten globalen Treffen auf die Weltmeisterschaft der Berufe „WorldSkills“ nach Leipzig eingeladen.

Das BIBB ist zudem weltweit in zahlreiche Netzwerkaktivitäten eingebunden und unterhält inzwischen rund 30 Kooperationsverträge zu berufsbildungspolitischen Einrichtungen und Organisationen auf allen Kontinenten. Gerade erst haben wir alle Partner des BIBB zum ersten globalen Treffen auf die Weltmeisterschaft der Berufe „WorldSkills“ nach Leipzig eingeladen. Darüber hinaus führt das BIBB international vergleichende Forschungsprojekte durch. Es beteiligt sich an europäischen Projekten und Initiativen und lässt seine Expertise in die Beratung und Kooperation mit zahlreichen Partnerländern einfließen.

Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie, dieses System in anderen europäischen Ländern zu adaptieren? Wir denken hier besonders an Italien, mit dem es dazu einen intensiven Expertenaustausch gibt.

In den letzten Jahren hat das duale Berufsbildungssystem in Deutschland wegen seiner betriebsnahen Ausbildung international ein überaus großes Interesse gefunden. Manche sprechen gar davon, dass es zu einem „Exportartikel“ Deutschlands geworden sei. Das möchte ich so aber nicht stehen lassen, denn Bildungssysteme sind nicht eins zu eins exportierbar. Das duale Berufsbildungssystem in Deutschland ist zum Beispiel über Jahrhunderte gewachsen.

Es ist jedoch sinnvoll und zweckmäßig, die dem dualen System zugrundeliegende Idee der Verbindung von praktischem Arbeiten im Betrieb und theoretischem Lernen in der Schule als ein methodisches Grundprinzip für einen möglichst reibungslosen Übergang in die Arbeitswelt zu verbreiten. Daran arbeiten wir gemeinsam unter anderem mit unseren italienischen Partnern.

Was sind die langfristigen Ziele des BIBB?

Das BIBB ist die „gemeinsame Adresse“ für die Berufsbildung in Deutschland. Auf der Grundlage der BIBB-Ergebnisse werden berufsbildungspolitische Maßnahmen vorbereitet und umgesetzt, Programme und Initiativen aufgelegt oder modellhaft innovative Ansätze in der beruflichen Bildung erprobt. Dies alles skizziert unsere Hauptaktionsfelder Berufsbildungsforschung, Politikberatung und Praxisunterstützung – alles aus einer Hand und in hoher Qualität! Dieser Ansatz einer „Wissenschafts-Politik-Praxis-Kommunikation“ bleibt auch vor dem Hintergrund neuer, großer Herausforderungen für die berufliche Bildung durch den demografischen Wandel und den anhaltenden Trend zu einer akademischen Ausbildung der Schlüssel zum Erfolg. Diesen Weg werden wir konsequent weitergehen.

Sehr geehrter Herr Prof. Esser, wir danken Ihnen für das Gespräch. 
 

Das duale Berufsbildungssystem in Deutschland

Als duales Berufsbildungssystem bezeichnet man die Kombination von praxisnahem Lernen in realen Arbeitssituationen im Betrieb und theoriegeleitetem Lernen in der Berufsschule. Dieses System ist im deutschsprachigen Raum fest verankert. Es gilt als die beste Form zur Entwicklung von Beschäftigungsfähigkeit und wird als besonders wirksam im vorbeugenden Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit betrachtet. Angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in einigen europäischen Staaten, so zum Beispiel auch in Italien, diskutieren Bildungsexpertinnen und -experten in Italien und Deutschland, ob Elemente des dualen Systems in Deutschland auch im italienischen Ausbildungssystem eine wichtige Rolle spielen könnten. Das Goethe-Institut in Rom organisiert innerhalb seines Projekts „Mit Deutsch in den Beruf“ zusammen mit seinen italienischen Partnern Expertenreisen zum Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn.