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Deutschunterricht in Zeiten des Coronavirus
Sorgen, Herausforderungen und Bereicherungen

Britta Roch
Britta Roch | © privat

Britta Roch, Deutschlehrerin am neusprachlichen Gymnasium „F. Enriques“ in Ostia, hat mit ihren 121 Schüler*innen, verteilt auf fünf Klassen, schon zu Normalzeiten alle Hände voll zu tun. Seit der Corona-bedingten Schließung aller Schulen in Italien steht der Alltag der Lehrerin auf dem Kopf.

Von Christine Pawlata

In den ersten ein bis zwei Wochen habe ich durchschnittlich 12 Stunden am Tag gearbeitet. Jetzt geht es langsam etwas besser, weil jeder sich ein bisschen an die neuen Unterrichtsmethoden gewöhnt hat.

Als am späten Abend des 4. März deutlich wurde, dass die Schultore mit Eingang des darauffolgenden Tages geschlossen bleiben müssten, war Roch erst schockiert. „Ich hatte bis zuletzt gehofft, dass es nicht dazu kommen würde. Dann habe ich mir aber gedacht: 'Was kann ich machen, damit der Unterricht trotzdem weitergeht?'“

Für den Fernunterricht verwendet Britta Roch eine Kombination aus online Live-Unterricht, an der alle Schüler*innen gleichzeitig teilnehmen, und PowerPoint-Präsentationen, auf denen sie eine Tonspur mit Beispielsätzen und mündlichen Erklärungen einfügt.

Zähneputzen in der Deutschstunde und Sprachunterricht ohne Mimik

Gerade Sprachunterricht basiert aber auf Interaktion. „Dafür haben wir leider noch keine zufriedenstellende Lösung gefunden. Wir versuchen es zum Beispiel mit Liedern, die wir über WhatsApp verschicken, mit der Bitte darum, Sprachnachrichten zurückzuschicken. Das ist aber natürlich nicht dasselbe wie Konversationsübungen, bei denen man sich gegenüber sitzt.“

Auch der online Live-Unterricht ist für Roch noch gewöhnungsbedürftig. „Um die Internetverbindung nicht  zu überlasten, bitten wir alle ihre Videokameras auszuschalten. Da geht leider sehr viel an nicht-verbaler Kommunikation verloren.“

Die Klassen freuen sich richtig über die gemeinsame Momente der Video-Lektionen: „Die ersten 15 Minuten machen wir auch gar keinen Unterricht, wir reden nur darüber wie’s uns geht oder was es Neues gibt. Letztens hat sich einer meiner Schüler noch während der Video-Lektion die Zähne geputzt, darüber mussten wir alle lachen.“

Chatten mit der Lehrerin

Um den direkten Kontakt aufrechtzuerhalten, setzt Roch auch auf WhatsApp-Nachrichten. „Eigentlich sollten wir Lehrende unsere Telefonnummern nicht hergeben, aber in diesem Moment ist das jetzt doch sehr wichtig. Auch um zu sehen wie es meinen Schülern privat geht. Man weiss ja nicht, ob zum Beispiel jemand in ihrer Umgebung krank ist oder sie vielleicht sogar selber krank sind.“

Sorgen um die Erreichbarkeit

„Den Unterricht zu koordinieren erfordert jetzt einen Riesenaufwand. Oft gibt es in einem Haushalt nur einen Computer, den mehrere Familienmitglieder plötzlich für den Unterricht oder die Arbeit im Home-Office verwenden müssen. Manche hatten gar keinen Computer. Zum Glück hat meine Schule dann diesen Familien sofort Computer aus der Schule zur Verfügung gestellt.“

Rochs größte Sorge sind diejenigen Schüler*innen, die schon im regulären Schulalltag weniger mitarbeiteten und sich anfangs beim Online-Unterricht gar nicht mehr blicken ließen. Mit allen Mitteln versucht sie jetzt die verschwundenen Jugendlichen zu erreichen, kontaktiert sie über Mitschüler*innen, die Eltern und die Elternvertretung. „Ich sage allen ganz klar und deutlich: ‘Das ist jetzt Schule, der Unterricht muss besucht werden.’“

Reflexionen aus der Ausgangssperre

Roch stellte ihren Schüler*innen die Aufgabe, einen Brief an einen Freund in Deutschland zu schreiben, in welchem sie von ihrem Alltag in Zeiten des Coronavirus erzählen sollten.

„Es kamen tiefgründige Sachen zurück. Sie schrieben: ‘Die Welt wird vollkommen anders sein als zuvor’, fragten sich: ‘Werde ich mir jedes Mal Sorgen machen, jemanden zu umarmen?’ Viele schrieben von großen und kleinen Plänen für die ersehnte Zeit nach der Ausgangsperre: ‘Ich werde eine große Reise machen’, oder ‘Ich möchte meine Großeltern umarmen.’“
 

Einige der Ansätze, die Roch in der letzten Wochen experimentiert hat, wird sie auch in der Zukunft in den Unterricht integrieren. „Ich glaube, ich werde auch im normalen Unterricht die PowerPoint-Audio-Präsentationen weiterhin nutzen, weil man damit das Gehirn sowohl über den Seh-, als auch über das den Gehörsinn erreichen kann. Viele von den Kompetenzen die wir uns jetzt gezwungenermaßen aneignen mussten, sind sicher ich eine Bereicherung, aus der man später schöpfen können wird.“

Der Unterricht in der Klasse ist für Britta Roch aber durch nichts zu ersetzen. „Nur Online-Unterricht funktioniert glaube ich nicht, es fehlt das Feedback,“ erklärt die Deutschlehrerin aus ihrer Home-Office am Küchentisch. „Ich vermisse meine Schüler und meine Kollegen sehr.“ 

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