Land in Sicht

Regie: Judith Keil, Antje Kruska
Dokumentarfilm, Deutschland 2012-13, 93 Min.

Land in Sicht © Indi Film Doch sie machen ähnliche Erfahrungen mit einem Land, das sie nicht versteht und das sie selbst nicht verstehen können. Land in Sicht erzählt von Misstrauen und gutem Willen, von Erfahrungen mit Behörden, deren Probleme mehr in den Strukturen als in der Haltung ihrer Mitarbeiter liegen – aber auch von Träumen, die oft zu naiv sind, um in Erfüllung zu gehen.

Brian ist aus Doula, einer anglophonen Hafenstadt in Kamerun, nach Bad Belzig gekommen; er spricht auch Französisch, und auf Deutsch kann er sich halbwegs verständigen. Sein erster Kontakt, den Land in Sicht zeigt, erfolgt eher unfreiwillig; auf der Straße wird er von Zeugen Jehovas angesprochen. Früher hat er Deutschland für ein Paradies gehalten, jetzt ist er ernüchtert. Berührungspunkte zwischen den Asylbewerbern und den Einheimischen scheint es nur ganz wenige zu geben. Der Film verzichtet wohltuend auf eine Schuldzuweisung – die Schwierigkeiten liegen auf beiden Seiten.

Farid, der Flüchtling aus dem Iran, ist eher aus Versehen nach Berlin und dann in den etwa 80 Kilometer entfernten kleinen Kurort gekommen. Ursprünglich hatte er Angst vor den Deutschen, er kennt die NS-Vergangenheit. Jetzt findet er das Land „very nice“.
Abdul erzählt, er sei Sohn eines Scheichs und als Soldat in ein Komplott geraten, bei dem er mehrere Schussverletzungen erlitten habe. Er wartet schon seit sieben Jahren auf eine positive Entscheidung der Behörden.
Der Alltag für die Flüchtlinge ist nicht einfach – und die Wartenden sind daran nicht immer ganz unschuldig. Die Heimbetreuerin Rose Dittfurth besucht Abdul, der nach der langen Zeit in Deutschland immer noch kaum Deutsch spricht, dieses Defizit aber nie zugeben will – vermutlich belügt er sich auch selbst, was einer nur zu verständlichen Überlebensstrategie geschuldet sein könnte. Abduls elektrischer Herd ist defekt, durch einen Wasserschaden, den er selbst verursacht hat. Auf eine Diskussion mit der Betreuerin will er sich eher nicht einlassen, denn in seiner Heimat, so erklärt er, kochen die Männer nicht - er brauche also nicht nur einen Herd, sondern eine Frau für die Küche.

Farids größtes Problem ist die Sehnsucht nach seiner Frau; hartnäckig hofft er, dass sie nachkommen darf, und bekommt doch keinen Bescheid von den Behörden; er kann ihn gar nicht bekommen, solange seine eigene Situation als Asylbewerber nicht endgültig geklärt ist. Seine Ungeduld ist ebenso nachvollziehbar wie die Anspannung in den Behörden, deren Mitarbeiter Probleme lösen sollen, die sie nicht lösen können – nicht einmal, wenn es um die Frage geht, ob die Asylbewerber einen Job annehmen dürfen.

Es gibt in Land in Sicht keinen Moment einer aggressiven Xenophobie oder des militanten Rassismus – das Problem liegt eher in der Unmöglichkeit einer wirklichen Kommunikation. Die Einwohner des Orts scheinen sich nur in Ausnahmefällen für die Asylbewerber zu interessieren – während deren Interesse letztlich auch nur dann erwacht, wenn sie an die Möglichkeit denken, ihre Probleme durch die Ehe mit einer deutschen Frau zu lösen. Bezeichnend ist, dass der Film keinen Moment enthält, in dem sich die Flüchtlinge begegnen und miteinander über ihre Lage reden würden. Dem Zuschauer wird kaum klar, dass die drei Männer im selben Heim leben – so groß ist ihre Distanz untereinander.