Westen

Westen Westen | Foto: © Frank Dicks, zero one film Die ersten Einstellungen gleichen sich aufs Haar: Die Kamera blickt fast frontal auf die Fassade eines Ostberliner Wohnhauses, nur die Jahreszeiten ändern sich. Im ersten Bild liegt Schnee, Wassilij nimmt Abschied von Nelly und seinem Sohn: „Bis nächste Woche!“ In der zweiten Einstellung nimmt die Kamera dieselbe Position ein, aber nun ist Sommer, ein Insert verweist darauf, dass seither rund drei Jahre vergangen sind. Wieder sind Nelly und der kleine Alexej im Bild, der Vater fehlt, Mutter und Sohn steigen in ein Auto mit einem Westberliner Kennzeichen. Im Wohnhaus, Parterre rechts, hängt im ersten Bild ein defektes Rollo „auf Halbmast“ - nichts hat sich daran in der zweiten Szene verändert. Ein wunderbar unauffälliges, glaubwürdiges Zeichen für den Stillstand, dem die Frau mit ihrem Kind entkommen will. Dessen Vater, so ist später zu hören, sei in Moskau tödlich verunglückt. Jetzt ist Nelly unterwegs in den Westen, der Fahrer des PKW ist ihr angeblicher Ehemann, und bei der Grenzkontrolle ist die Frau entsprechend nervös, denn der Betrug könnte auffliegen. Alles geht gut.

Nur kurz streift die Kamera und mit ihr Nellys Blick die leuchtenden Fassaden der Kaufhäuser und Lokale im Westen, dann hält das Auto an einem ganz und gar nicht glamourösen Ort: Der Fahrer wird ausbezahlt und setzt sie vor dem Notaufnahmelager Marienfelde ab. Im Lager herrscht leichtes, von der Bürokratie domestiziertes Chaos. Nelly bekommt ihr „Begrüßungsgeld“, Essensgutscheine und ein Zimmer – ein Anfang ist gemacht. Erste Irritationen stellen sich ein, als die Frau erfährt, wie lange einige Bewohner schon im Lager verweilen. Von einer „Willkommenskultur“ ist wenig zu spüren. Bei der Grenzkontrolle hatte sich Nelly nackt ausziehen müssen – jetzt wiederholt sich der Vorgang, eine Ärztin untersucht sie auf „Lagertauglichkeit“. Nelly muss eine Vielzahl von Formularen und Anträgen ausfüllen, alle müssen abgestempelt und bewilligt werden. Als sie endlich arbeiten darf, bietet man ihr, der promovierten Chemikerin, einen Job als Laborhilfe an, für den sie absolut überqualifiziert wäre. Das Schlimmste aber ist die Einmischung der westlichen Geheimdienste, vor allem ein Mitarbeiter des CIA, der penetrant nach den Gründen ihrer Ausreise forscht und suggeriert, Wassilij könnte noch am Leben und als Doppelagent untergetaucht sein. Damit könnte auch eine Verbindung zur Vergangenheit wieder aufleben, von der sich Nelly mit dem Verlassen der DDR lösen wollte, um ein neues Leben zu beginnen. Mit dieser Erfahrung wächst das Misstrauen der Frau, auch gegenüber Hans, der ebenfalls aus der DDR gekommen ist, schon seit zwei Jahren im Lager lebt und sich rührend um den kleinen Alexej kümmert.

Westen erzählt von einer Republikflucht, die ganz und gar keine Reise ins Paradies ist, und bei der es nicht um die gepriesene „Freiheit“ oder materielle Fortschritte geht, sondern um eine Frau, die einen radikalen Neuanfang sucht, dafür alle alten Bindungen aufgibt und lange brauchen wird, um an ihrem Ziel anzukommen, das mit dem puren Ortswechsel noch längst nicht erreicht ist. „Und das ist völlig losgelöst von den Themen Ost und West und anderen Asylgeschichten. Es ist etwas, das jeder kennt, der schon einmal an einem Punkt in seinem Leben war, an dem es darum ging, eine Entscheidung zu treffen für einen kompletten Neuanfang. Das, glaube ich, ist das Universelle an dieser Geschichte“ (Christian Schwochow).

Im Lager hat Alexej eine kleine russische Freundin, die aber mit ihrer Familie wegziehen wird. Auch er und seine Mutter, sagt der Junge, wollen weg. „Wohin geht ihr?“, fragt ihn das Mädchen. Antwort: „Dahin, wo es ganz schön ist“. Während er das sagt, hört man aus dem Off das Geräusch eines Flugzeugs am Himmel. Diese kleinen scheinbar beiläufig inszenierten Momente wirken mitunter intensiver als die großen Motive der parallelen Agentengeschichte. Als „realistisch“ sollte man den Film ohnehin nicht verstehen – das beginnt schon mit der vorgetäuschten Ehe; sie wäre bei den rigorosen Kontrollen durch die DDR-Behörden mehr oder minder unmöglich gewesen. Am Ende ist es wieder Winter, Nelly hat eine eigene Wohnung, sie bereitet den Weihnachtsbraten vor, da steht Hans vor der Tür. Alexej lässt den Mann rein, offensichtlich mit dem Einverständnis seiner Mutter. Vieles deutet darauf hin, dass die Frau endlich in der Gegenwart angekommen ist.

Westen hat auf dem Montréal World Film Festival 2013 den FIPRESCI-Preis gewonnen, Jördis Triebel erhielt den Best actress-Award für ihre Darstellung der Nelly Senff. Im Januar 2014 gewann der Film ausserdem den Publikumspreis in der Kategorie „Dramatic Feature Premiere“ auf dem vom Goethe-Institut organisierten 18. Berlin & Beyond Filmfestival in San Francisco. Die deutsche Kinopremiere ist für den 27. März geplant.

Hans-Günther Pflaum

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