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Terézia Mora im Gespräch mit Masahiko Tsuchiya
Die Welt hinter Gottes Rücken

 
Afiq Fatah / Unsplash

Prof. Masahiko Tsuchiya, Germanist und Experte für transnationale Literatur im deutschsprachigen Raum, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Werk der deutsch-ungarischen Schriftstellerin Terézia Mora und hat bereits mehrfach über sie publiziert. Der enge Austausch zwischen Schriftstellerin und Wissenschaftler bildet die Grundlage für das Interview, das er im September 2020 schriftlich mit Mora geführt hat.

Wie schmerzlich ist es für dich, dich an die neuen „Grenzen“ zu halten, die in diesem Jahr durch Covid-19 entstanden sind? 

Ich ertrage das sehr schwer. Ich bin zum Glück keine gewohnheitsmäßige Touristin,   aber ich muss normalerweise mehrere Reisen im Jahr machen, um zu arbeiten, zu lernen, zu recherchieren und meine Familie zu sehen. Für meinen neuen Roman konnte ich noch keinen einzigen der Schauplätze aufsuchen. Möglicherweise wird er deswegen ein Jahr später fertig als geplant. Auch bekomme ich erst jetzt, 30 Jahre, nachdem ich Ungarn verlassen habe, das Gefühl, eine Exilantin zu sein. Bis jetzt konnte ich immer zurückkehren, wenn ich wollte. Nun bin ich auf die Gnade der Behörden angewiesen. Auch erscheint mir ein zukünftiges Projekt, über das ich seit Jahren nachdenke, in einem neuen Licht. Ich wollte über eine Frau schreiben, die ihr Haus freiwillig nicht mehr verlässt. Diese Geschichte bedeutet jetzt natürlich etwas anderes als ohne Pandemie.
 

Am 22. und 23. November 2020 nimmst du am EU-Literaturfestival in Tokyo teil, das wegen der Pandemie in den digitalen Raum umgezogen ist. Das Motto lautet: „A new World – a new Beginning“. Wo stehst du im Moment zum Thema?

Gibt es eine neue Welt? Ist diese nicht immer die alte? Kommen die gleichen Probleme nicht immer wieder? Kämpfen wir nicht immer mit der Natur, den Elementen, Krankheiten, Krieg, Kommunikationsproblemen, Ungerechtigkeit? Gewalt und Wahnsinn, in all seinen Formen? Und beginnen wir nicht immer wieder neu, uns und unsere Welt neu zusammenzusetzen? Manche von uns mit den besten Absichten, andere durchaus nicht. Machen wir uns nichts vor: manche haben tatsächlich vor, hauptsächlich Zerstörung zu hinterlassen, weil sie sich eher vorstellen können, was sie in einem Krieg (auch im übertragenen Sinne) machen sollen als im Frieden. Acht Jahre unter einem schlechten Präsidenten ertragen wir besser als acht Jahre unter einem guten - denn das Streben nach dem Guten, wie nach der Wahrheit, ist sehr anstrengend, das verlangt uns zu viel ab. Die Lüge und das Ressentiment sind viel leichter zu handhaben. Die Umwelt zu zerstören ist viel leichter, als sie nicht zu zerstören.
Nehmen wir, nur mal als Beispiel, die Frage der Grenzen - ein zentrales Thema für mich, da ich ja umgeben von Grenzen aufgewachsen bin und davon traumarisiert bin. Die Grenze, an der ich aufwuchs, war seit ihrem Bestehen ganz genau 8 Jahre lang so geöffnet, wie ich es als allein menschenwürdig betrachte. 2007 ist mein Geburtsland Ungarn Teil des Schengener Abkommens geworden, was einen freien Fluss von Personen und Waren ermöglichte. 2015 allerdings fingen die Kontrollen schon wieder an, wegen der großen Flüchtlingsströme aus den Kriegsgebieten in Syrien, Afghanistan usw. Das allein hätte wahrscheinlich schon gereicht, die Freiheit eines jeden zu begrenzen. Jetzt kam noch der Virus dazu, sodass nicht mehr nur die außereuropäischen Flüchtlinge betroffen sind und nicht nur die anderen Europäer, sondern auch die eigenen Staatsbürger. Einfach alle. Und ich habe den Eindruck, den Machthabern gefällt dieses Spiel, dass sie die Grenzen auf- und zumachen können, wie es ihnen passt. Dieses Schengen war ihnen doch von Anfang an suspekt. Wir sind weiterhin der Gnade unserer Machthaber ausgeliefert, machen wir uns nichts vor. Aber es stimmt auch, dass wir mehr und mächtigere Mittel haben, um Widerstand zu leisten, als jemals. Damit meine ich natürlich das Internet und die Sozialen Medien und all die Technologie, die uns erlaubt, unserer Stimme Gehör zu verschaffen.


Das Fremdsein als Grenzerfahrung und das Gefühl des Andersseins greifst du im Erzählband „Seltsame Materie“ und erneut in „Die Liebe unter Aliens“ auf. Was bedeutet für dich Überlebenskunst?

Ich bewundere im wahren Leben zähe Leute, die dabei nicht nur anderen gegenüber anständig bleiben, sondern auch sich selbst gegenüber. Ich muss dabei an meine Großeltern denken, die beide Ende 80 sind, immer noch auf Bäume klettern können, und viel gesünder sind als die meisten in ihrer Umgebung. Meine Großeltern hatten genügend Respekt für die belebte und unbelebte Natur um sich herum und so auch für sich selbst, um so wenig Schaden wie möglich anzurichten und so lange gesund bleiben zu können. Sie waren in ihrem Leben Verfolgung und Ungerechtigkeit ausgesetzt und es käme ihnen niemals in den Sinn, mit gleicher Münze zurückzuzahlen und z.B. rechtsextrem zu wählen - wie es 70% der Einwohner ihres Dorfes tun. Natürlich sind sie in so einer Umgebung die „Aliens“. Und natürlich würden wir in einer Erzählung ihnen die Daumen halten.
Überleben und sich nicht versündigen, das ist, in meinen Augen, die Hauptaufgabe eines jeden Menschen. Menschlich bleiben unter allen Umständen. Natürlich kämpfen meine Figuren sowohl in „Seltsame Materie“ als auch in den „Aliens“ gegen ihre eigenen Schwächen mindestens genauso wie gegen die Unwägbarkeiten ihrer Verhältnisse – aber deswegen lohnt es sich ja überhaupt, über sie zu erzählen. Sie haben Probleme, kleinere, größere, kurzfristigere, ein Leben lang andauernde – und wir beobachten sie dabei, was für Strategien sie finden, um damit klarzukommen.


Wie siehst du die Zukunft und Aufgabe der Literatur nach der Corona-Krise?

Ich halte es so: Schreib einfach, was du um dich herum siehst, dann wird das unweigerlich nützlich für alle sein. Dein Talent besteht nicht daraus, eine Seherin zu sein oder weiser als andere - du kannst dich bloß besser ausdrücken und vielleicht genauer beobachten. Tu das, was deine besondere Begabung ist: beobachte und dann beschreibe.
 Dein Ziel sollte ausschließlich sein, dieses beides so genau, so treffend wie möglich hinzubekommen. Natürlich wird das, was du schreibst, von deiner Weltsicht geprägt sein, und das ist auch in Ordnung. Versuche, dich von Ressentiments, ungezügelten Emotionen ebenso wie von Besserwisserei fernzuhalten. Versuche, reinen Herzens zu schreiben, als stündest du vor deinem Schöpfer und müsstest Rede und Antwort stehen. Wenn du so handelst, wird das, was du tust, deinen Mitmenschen von Nutzen sein. Schreiben ist für mich ein „Dienst“, meine Aufgabe in der Welt, aber nicht so, dass ich quasi „prophetisch“ wirken müsste. Wie gesagt: beobachten und beschreiben, der Rest wird sich ergeben.


Wie sieht das transnationale Schreiben heute für dich aus? 

Transnationale Lebensläufe, wie sie aus verschiedenen Gründen entstehen, sind ja keine Seltenheit, und werden auch nicht mehr so wahrgenommen. Ebenso wird, glaube ich, auch die transnationale Literatur zunehmend nicht mehr als ein randständiges Phänomen wahrgenommen, sondern als etwas „normales“. Leser (Verlage, Feuilleton) mögen natürlich weiterhin Literaturen, die sich dem „Heimischen“ widmen. Den Deutschen Buchpreis gewinnen regelmäßig Bücher, die entweder etwas mit deutscher Geschichte zu tun haben oder mit „Heimat“ – mein Roman „Das Ungeheuer“, das sich durch weite (europäische) Räume bewegt, war da die Ausnahme.
 
Wenn ich mir anschaue, was in Ungarn sehr erfolgreich ist (ich kenne leider nur die Literaturen dieser beiden Länder näher), dann gilt auch dort: ungarische Autoren, die über Ungarn schreiben, stehen ganz weit oben auf den Erfolgslisten. Wobei zum Beispiel Andrea Tompas Roman „Heimat“ gerade eine Protagonistin hat, die ihren Geburtsort verlassen hat und für die Heimat nunmehr ein Ort innerhalb ihrer selbst ist.

Ich kann unmöglich sagen, ob transnationale Literaturen dazu beitragen können, den europäischen Gedanken zu stärken und ob sie es effektiver können als Literaturen, die auf den ersten Blick nicht transnational erscheinen. Ich denke, das Gedankengut, wonach es besser ist, sich in seinen Nationalstaaten nicht abzuschotten, taucht ebenso auch in Geschichten aus der deutschen/französischen/ungarischen/etc. Provinz auf. Könnte Literatur etwas Positives in der Politik oder im Zusammenleben bewirken, wäre das schön - aber wenn, dann könnte das nur langfristig der Fall sein. Im jeweiligen „Heute“ hört erfahrungsgemäß keiner auf uns. Wie hat André Gide so schön gesagt: „Es ist alles schon gesagt worden, aber keiner hat zugehört, deswegen muss es immer wieder gesagt werden.“

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