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Übersetzerin Hitoko Suzuki im Gespräch mit Masahiko Tsuchiya
Wort für Wort ganz nah dran, meilenweit entfernt

© Eutah Mizushima / Unsplash

Die renommierte Germanistin und Übersetzerin Hitoko Suzuki hat Terézia Moras „Die Liebe unter Aliens“ übersetzt. Seit vielen Jahren ist sie als Expertin für Übersetzungen deutschsprachiger Literaturen ins Japanische (u.a. W.G. Sebald) anerkannt. Prof. Masahiko Tsuchiya, Germanist und Experte für transnationale Literatur im deutschsprachigen Raum, hat Suzuki in einem schriftlichen Interview Suzuki zu ihren Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit dem Werk Moras befragt.

Erzählen Sie mir von Ihrer Begegnung mit dem Werk der Autorin.
 
Es waren ja Sie, Herr Tsuchiya, der mich erstmals auf die Kurzgeschichtensammlung „Die Liebe unter Aliens“ aufmerksam machte. In den zehn Erzählungen geht es um einfache Menschen, die am Rande der Gesellschaft unbemerkt und leise leben; es sind Menschen, denen der Rest der Gesellschaft etwas fremd ist, die sich nirgends heimisch fühlen können. Etwas Schönes passiert ihnen selten, sie werden oft von Unglück getroffen; sie können sich nicht geschickt ausdrücken, stattdessen zittern sie, wenden den Blick ab, unterdrücken ihre Wut im Inneren. Keine Figur kann ihre Fassung bewahren, sie laufen immer nervös hin und her.

Vielleicht ist es ein Zeichen dafür, dass sie ihren Alltag nur schwer aushalten. Sie hegen Wünsche, doch diese gehen nur selten in Erfüllung. Manche Figuren wie in „Ella Lamb in Mullingar“ gelingt es, mit Hilfe von Arbeit, Kindern und Freunden Stück für Stück ihr eigenes Leben aufzubauen - doch für viele andere ist das nicht möglich. Und wenn sie zum wiederholten Mal an etwas scheitern, finden sie sich leise damit ab.
 

Es ist eine Geschichte über bescheidene Menschen in einer bescheidenen Welt am Rande der Gesellschaft. Ich bin voller Freude und Dankbarkeit, dass es in der Literatur Platz für solche Menschen gibt, und dass ich das Innere dieser Menschen Wort für Wort nacherleben kann.

Hitoko Suzuki über Terézia Moras "Die Liebe unter Aliens"

Wie zum Beispiel der Mann, der in „Die Gepard-Frage“ niemandem von seinem Bluterbrechen erzählt, die Flecken abwischt und sich in die Außenwelt begibt. Oder der Protagonist in „Verliefen sich im Wald“ - er verliebt sich heimlich in seine Stiefschwester und rennt nach einem Vorfall plötzlich los, den Berg hinunter, um einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen (was kann er anderes tun?). Solche ungeschickten „Aliens“ versuchen, mit den Tücken ihres Lebens konfrontiert, ihren Alltag zu ertragen. Diese Ungeschicklichkeit rührt das Herz des Lesenden, es beschreibt eine Art von Dasein, die überall existiert. Deswegen spricht es auch die japanischen Leser an.
  
Haben Sie der Autorin beim Übersetzen Fragen gestellt?
 
Nachdem ich die grammatikalischen Fragen geklärt hatte, habe ich der Autorin die Fragen gestellt, die ich unbedingt stellen wollte. Manche Autoren antworten sehr ausführlich, Frau Mora war jemand, die nur das Nötigste lakonisch und auf den Punkt antwortet. Vielleicht lässt sich ihr Stil dadurch erklären, dass sie selbst als Übersetzerin tätig ist. 
 
Aus der Sicht der Übersetzerin: Was macht Moras Werke so anziehend?
 
Ein Thema, das in Moras Literatur behandelt wird, ist die Fremdheit. Mora spürt, wie es ist, in der modernen Gesellschaft fremd zu sein, wie es ist, wenn die Welt einem nicht behagt, und drückt es in ihren Werken aus. In all ihren Werken versuchen Menschen, die zu „Aliens“ geworden sind, mit der Welt umzugehen.

Was dabei hervorsticht, ist die Distanz der Erzählerin zum Gegenstand, das heißt, ihr herausragendes Sprachgefühl. In den Erzählungen in „Die Liebe unter Aliens“ werden die erste und dritte Person, direkte und indirekte Rede, gemischt verwendet; Es kommen keine „“ sondern () vor. Verschiedene Dimensionen der Erzählweise werden vermischt. Die Erzählerin begibt sich ganz nah an ihre Figuren. Sie benutzt die erste Person, um ins Herz des Protagonisten vorzudringen und seine innere Stimme erklingen zu lassen, doch im nächsten Moment schwebt sie wieder weg und erzählt in der dritten Person, blickt distanziert auf das Verhalten ihres Protagonisten. Ihr Narrativ bewegt sich frei zwischen Nähe und Distanziertheit, bleibt aber zurückhaltend, erklärt nicht zu viel, bleibt stets mit kühler Distanz in seiner beschreibenden Rolle.

Deswegen wird sie, auch wenn sie in nächster Nähe zur Figur steht, nicht sentimental, deswegen sagt sie nichts, was sich nur gut anhört aus einer privilegierten Perspektive. So entsteht eine nicht einfach zu verstehende Geschichte, eine, in die man sich nicht leicht hineinversetzen kann. Doch gerade diese Art von Erzählung – sie kann manchmal den Lesenden ungeduldig machen – finde ich passend zu der Situation, in der jedes Individuum seine eigenen Kämpfe auszutragen hat, aber niemand die Welt durchschauen kann. Moras Sprachgefühl, der Beschreibung diese feine Distanz zu verleihen, und die Art und Weise, wie sie mit Worten umgeht – das macht die Autorin aus.
 
Da Japanisch eine Sprache ist, die nicht immer ein Subjekt benötigt, konnte ich diese Erzählweise nicht einfach ins Japanische umsetzen. Wo soll ich die Kamera dabei hinstellen, wie soll ich sie bewegen?​ Wie distanziert soll die Erzählerin stehen, in welchem Ton, mit welchen Worten soll sie erzählen? Ich habe viel darüber nachgedacht, wie ich als Übersetzerin Frau Moras feines Sprachgefühl – soweit ich es zu verstehen glaubte – ins Japanische übersetze.

Natürlich sind solche Herausforderungen auch mit der Freude am Übersetzen verbunden. Ich weiß nicht, inwieweit ich es geschafft habe, ihre Sprache exakt erfasst zu haben, aber ich freue mich sehr, dass ich der japanischen Leserschaft Frau Moras Werke vorstellen kann. Ich zitiere einen Satz aus einer E-Mail, die ich an eine Bekannte geschickt hatte, als ich an der Übersetzung dieses Buches arbeitete: „Es ist eine Geschichte über bescheidene Menschen in einer bescheidenen Welt am Rande der Gesellschaft. Ich bin voller Freude und Dankbarkeit, dass es in der Literatur Platz für solche Menschen gibt, und dass ich das Innere dieser Menschen Wort für Wort nacherleben kann.“

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