Media Arts Die Öffnung der Grenzen der Kunst

Die Video-Installation
Die Video-Installation "Wutbürger" | Foto: © KASUGA (Andreas LUTZ / Christoph GRÜNBERGER)

Die Medienkunst als eine der neueren Disziplinen im weitgefassten Kunstspektrum wirft Fragen auf: Wo fängt Kunst an, wo hört Kunst auf? Was ist Medienkunst und was soll Medienkunst bewirken?

2016 wurden drei deutsche Künstler/Gruppen beim Japan Media Arts Festivals in Tokyo ausgezeichnet. Ihre Werke wollen wir zum Anlass nehmen, auf die oben gestellten Fragen einzugehen: Wir sprachen mit den Journalisten Christian Werner und Isabelle Buckow, deren interaktiver Dokumentarfilm Black Death (2014) über die Pest in Madagaskar beim Festival ausgezeichnet wurde, den Designern und Illustratoren Andreas Lutz und Christoph Grünberger, die mit ihrem Projekt Wutbürger (2014) in Tokyo waren und dem Masterstudent in digitalen Medien, Lorenz Potthast, der seine Arbeit Communication with the Future – The Petroglyphomat (2014) präsentierte.

Christian Werner, ebenso wie Isabelle Buckow beschreiben sich selbst nicht als Künstler. Journalismus werde von vielen als eine Form der Kunst angesehen, doch für Sie sei es ein „Handwerk“, so Isabelle Buckow. Es gehe für die Beiden primär um den Inhalt, um das Aufzeigen eines komplexen Themas abseits der alltäglichen Nachrichten, und darum, Menschen zu Wort kommen zu lassen, die ansonsten nicht gehört werden. Natürlich müsse man ein so komplexes Thema durch verschiedenste Medien aufzeigen, um möglichst viele Leute anzusprechen. Multimedialität, wie bei Ihrem Dokumentarfilm, eigne sich dafür besonders gut, da innovative Formate, die gerade auch durch das Internet ermöglicht werden, dem klassischen Printjournalismus weit voraus sind.

Andreas Lutz und Christoph Grünberger würden sich auch nicht darauf festlegen, ihr Projekt als „Kunst“ zu bezeichnen. Darin wird die Aufzeichnung einer fünfstündigen Performance über das Wüten und den Zorn eines „Jedermanns“ in eine Box projiziert und diese in verschiedenen Umgebungen aufgestellt. Schlussendlich könne sich jeder in die Situation dieses „Wutbürgers“ hineinversetzten, jeder auf eine subjektive Weise. Das sei auch etwas, das Kunst ausmache, so Andreas Lutz. Die Message sei so stark, dass man sie auch ohne Erklärung verstehe, ganz individuell. Die Kunst könne als aktiver Teil in der Gesellschaft fungieren. Durch die Platzierung der Box in den Stadtraum würden Menschen aus ihrem Alltagstrott herausgerissen werden, die Kunst komme zu den Menschen.

In den Augen von Lorenz Potthast ist Medienkunst keine Form des individuellen Ausdrucks, sondern die Beobachtung und der Ausdruck von allgemeinen Erkenntnissen. Für seine Arbeit war ein Grundinteresse entscheidend: Wie wurde die Zukunft in der Vergangenheit imaginiert? Alle Menschen würden etwas hinterlassen wollen und die Frage sei spannend, was wir festhalten wollen und wie dies in der heutigen Zeit auch abseits der digitalen Welt möglich sein könnte. Der Petroglyphomat kann digitale Inhalte in Stein gravieren und somit Information analog verewigen. Am Ende sei für Potthast jedoch die theoretische Überlegung wichtiger als die konkrete Maschine selbst. Die Arbeit solle als Türöffner dienen, um über unsere Kommunikation mit der Zukunft nachzudenken; darüber was wir hinterlassen und darüber, wie wir uns verewigen wollen.

So unterschiedlich die drei preisgekrönten Werke sind und die Felder aus denen ihre Schöpfer stammen, eins haben Sie in jedem Fall gemeinsam: Sie begreifen Medienkunst nicht im klassischen Sinne als „Kunst“, sondern vielmehr als Sichtbarmachung  von Prozessen, als Übermittlung von Informationen, Anregung zum Nachdenken und als aktives Eingreifen in den öffentlichen oder digitalen Raum. Die Werke in ihrer Interdisziplinarität schaffen es, den Zuschauer, Leser oder Passanten für einen Moment aus dem Alltag herauszureißen und einen neuen Raum für Gedanken aufzumachen. Hierbei steht das Spektrum der Medienkunst den Machern zur Seite, weil es losgelöst von der klassischen Kunst neue Wege bereithält, um Menschen abzuholen und zu bewegen.