Am Anfang war der Stuhl Theaterworkshop mit Sätzen zum Sitzen und Setzen

© Goethe-Institut Tokyo

In einem zweitägigen Workshop der Theaterpädagogin Anne Zühlke am Goethe-Institut Tokyo wurde PASCH-Schüler/-innen eine vor allem praxisorientierte Annäherung an die deutsche Sprache gewährt. Das unregelmäßige Verb „sitzen“ in Kombination mit unterschiedlichen Präpositionen waren Ausgangspunkt des Theaterworkshops, in dem die Teilnehmer/-innen originelle Kurztheaterstücke erstellten und am zweiten Tag auf der Bühne vor Publikum präsentierten.
 

Tag 1 des Theaterworkshops
„Am Anfang war der Stuhl“ – der einleitende Satz der 30-minütigen Vorstellung deutete schon einen kreativ-komischen Inhalt an.

Doch bis zur Vorstellung am Sonntagabend waren es zwei lange und anstrengende Tage. Anhand von vorgegebenen Texten wie Loriots „Ich will hier nur sitzen“ oder deutschen Redewendungen, die vom Wort „sitzen“ handeln, gab die Referentin Frau Anne Zühlke den jungen Deutschlerner/-innen nicht nur einen tieferen Einblick in die deutsche Sprache, sondern vermittelte auch die Wichtigkeit von non-verbaler Kommunikation und Konnotationen, die durch unterschiedliche Tonlagen oder -höhen entstehen. Unterschiedliche theaterpädagogische Übungen dienten hier als Vehikel zur Sensibilisierung dieser kommunikativen Elemente. Durch Text, Musik, Rhythmus, Gestik und Mimik schaffte es die Referentin, die Schüler/-innen, die sich hauptsächlich auf dem A1-Sprachniveau befanden, ohne Nutzung der Muttersprache zu motivieren und zu koordinieren. Die Schüler hatten, trotz vermeintlich sprachlicher Schwierigkeiten, kaum Probleme Ihren Erklärungen zu folgen, sicherlich auch, da Frau Zühlke die Veranstaltungen an beiden Tagen didaktisch sehr gelungen konstruiert hat.

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Tag 1 begann ohne große Erklärungen des Vorhabens oder eines Tagesablaufes. Durch Warmmachübungen, wie z.B. ein dynamisches Kennenlernspiel oder der Nutzung von Stühlen für die ersten kleinen Choreografien nahm die Unternehmung Fahrt auf. Die Warm-ups lockerten auf, sensibilisierten für den Umgang mit der Sprache wie auch für Schauspielerei und gleichzeitig für die Thematik „sitzen“. Ein wichtiges Thema das die Referentin durch die Warm-ups vermittelte: der Subtext, also der emotionale Unterton, der durch verschiedene Tonlagen, Gestik und Mimik kommuniziert wird. Im Kreis stehend gab sie ein „ja“ oder ein „nein“ in unterschiedlichen Tonlagen vor, mal verzerrt, mal in anderen Lautstärken, was die Schüler der Reihe nach nachahmten. So gab es beispielsweise ein fröhliches, ein ironisches oder auch mal ein zustimmendes „ja“. Die Schüler eigneten sich ganz natürlich sowohl sprachliche, als auch schauspielerische Fähigkeiten an.

Die ersten Übungen mit Stühlen wurden ebenso als Warm-up gemacht. Bei dem Wort „Shibuya“ mussten die Schüler beispielsweise die Stühle in die Luft heben und, wie bei der berühmten Kreuzung in Shibuya, chaotisch durcheinander laufen. Durch die ständige Wiederholung von Signalwörtern wie bspw. „Shibuya“ wussten die Schüler sofort, welche Choreografie als nächstes geübt wird und diese Worte fungierten somit als eine Art Leitfaden während des gesamten Workshops.

Am Mittag wurden die ersten Texte verteilt, die die Teilnehmer/-innen einstudieren und im Anschluss vorzutragen hatten. Interessant war die Wahl der Sätze, die alle eine Redewendung zu „sitzen“ beinhalteten. Dazu gehörten „Ich sitze an der Quelle“, „Das Kleid sitzt wie angegossen“, „Immer sitzt mir mein Chef im Nacken“, „Wir sitzen im gleichen Boot“, „Das lasse ich nicht auf mir sitzen“ oder „Ich sitze auf dem Trockenen“ usw.

Nach den Warm-ups und der Übung am bereits vorbereiteten Stoff, mussten die Schüler im nächsten Schritt nun selbst eine Choreografie erstellen. Hierfür wurden sie in drei Gruppen aufgeteilt und pro Kopf ein Stuhl zur Ausstattung gegeben. Hier spürte man, wie wichtig die ersten zwei Schritte des Tages waren. Durch die Warm-ups und den eingeübten Text wussten die Schüler, wie sie Gestik und Mimik oder Tempo nutzen müssen, um bestimmte Situationen zu kreieren. Durch die Arbeit am Text haben sie sprachliches Gefühl bekommen. Vor allem die Rolle des Stuhls war hier interessant. In keiner Übung des Tages wurde der Stuhl lediglich als einfaches Sitzmittel genutzt, sondern immer mit einer besonderen sprachlichen Bedeutung. Dies übertrugen die Schüler/-innen, ohne dass eine explizite Anweisung von Frau Zühlke erforderlich war und nutzten es für ihre Choreografie: für die Darstellung von einem Bett, Auto, einer U-Bahn, Tastatur oder auch als Waschbecken.

In einem zweiten Schritt sollten mit den Buchstaben des Wortes „STUHL“ weitere deutsche Wörter gefunden werden. Beispielsweise „Sonne“, „Tag“, Unterricht“, „Hallo“ und „Liebling“. Mit Hilfe dieser
fünf Wörter musste nun eine Kurzgeschichte geschrieben und auf der Bühne vorgestellt werden. Der Tag endete mit einer letzten Einübung von Loriots „Ich will hier nur sitzen“. Der erste Tag zeichnete sich durch eine gute Abwechslung von Bewegung, Arbeit mit Materialen, eigenem Output und einer praxisorientierten Nutzung der deutschen Sprache aus.

Tag 2 des Theaterworkshops
Der zweite Tag unterschied sich im Ablauf vom vorherigen Tag. Die einzelnen eingeübten Szenen des Vortages wurden nun aneinandergehängt und mehr und mehr kristallisierte sich das finale Theaterstück heraus. Beim Einüben der unterschiedlichen Szenen spielte Musik ebenfalls eine große Rolle, die als Signal der einzelnen Stücke fungierte. Die Schüler/-innen machten enorme sprachliche Fortschritte. Auch ihre Aussprache verbesserte sich stetig und Rückfragen, sowohl sprachliche als auch inhaltliche, nahmen zu. Mit dem Selbstvertrauen wuchsen Spaß und Motivation. Anne Zühlke äußerte sich zwischendurch begeistert, dass die Schüler/-innen schon „mehr als eigentlich gesagt“ machen würden.
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Und am Abend des zweiten Workshop-Tages präsentieren die Schüler/-innen ihre Ergebnisse und es hieß „Vorhang auf!“: „Am Anfang war der Stuhl“. Die Aufführung war ein ständiger Wechsel zwischen vorbereitetem Stoff und den selbst ausgedachten Choreografien der Schüler/-innen. Die Redewendungen mit „sitzen“ brachten viele Lacher und die eigens erdachten Sequenzen viel Applaus. Die Loriot-Sequenz und der abschließende erboste Aufschrei „Ich will hier nur sitzen!“ beendete die 30-minütige Vorstellung und Erleichterung machte sich unter den Teilnehmer/-innen breit, die vor der Bühnenpräsentation doch etwas nervös gewesen sind. In lediglich zwei Tagen Workshop kreierten sie, mit Unterstützung von nur einer Lehrkraft, einen wirklich gelungenen Auftritt. Die klare Vorgehensweise: Sensibilisierung – Arbeit am Stoff – Output und Nutzung von Musik und Schlüsselwörtern zusammen mit Gestik und Mimik machten es den Schüler/-innen leicht, den Instruktionen zu folgen und beim Workshop aktiv und erfolgreich mitzuarbeiten. Anne Zühlke arbeitet bereits seit 1992 als Regisseurin und hielt 2018 am Goethe-Institut einen Theaterworkshop mit gleichem Erfolg ab.
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Die Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH) verbindet seit 2008 weltweit mehr als 2.000 Schulen mit besonderem Deutschlandbezug. PASCH wird vom Auswärtigen Amt koordiniert und mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, dem Goethe-Institut, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und dem Pädagogischen Austauschdienst der Kultusministerkonferenz umgesetzt. Das Goethe-Institut betreut rund 600 PASCH-Schulen in über 100 Ländern. Ansprechpartner für Japan ist Christian Steger.