Literatūra ir menas: Vorwort von Sandra Kegel

Porträtfoto von Sandra Kegel © Foto: Buchzeit

Die litauische Kulturzeitschrift „Literatūra ir menas“ und das Goethe-Institut Vilnius haben gemeinsam eine Sonderausgabe mit dem Schwerpunkt Deutschland realisiert, die am 11. September 2026 erschienen ist. Die Ausgabe versammelt ins Litauische übersetzte Beiträge aus dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und wird durch ein eigens verfasstes Editorial von Sandra Kegel, Leiterin des FAZ-Feuilletons, ergänzt.

Liebe Leserinnen und Leser,

wir freuen uns sehr über die Kooperation mit der Zeitschrift „Literatūra ir menas“ und dem Goethe-Institut. Es ist eine wunderbare Idee, dass Deutschland und Litauen sich auf diese Weise durch Kultur und Literatur näherkommen. Ich bin dankbar, als verantwortliche Redakteurin des Feuilletons Teil dieses gemeinsamen Projekts sein zu dürfen.

Es ist erst wenige Wochen her, dass ich zum ersten Mal in Litauen war – beim Thomas-Mann-Festival in Nida. An die Tage auf der Kurischen Nehrung denke ich mit Freude zurück. Thomas Mann verbrachte dort drei Sommer und arbeitete an seinem „Joseph“-Zyklus, bis er 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen musste. Sein geliebtes „Nidden“ sollte er nie wiedersehen.

Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion reisen wieder viele Deutsche nach Litauen, insbesondere auf die Kurische Nehrung. Manche kommen, um auf den Spuren des Literaturnobelpreisträgers zu wandeln. Das Holzhäuschen mit den blau-weißen Fensterläden und dem Reetdach am Ortsrand wird von litauischer Seite sorgsam instand gehalten. Von seiner Terrasse aus reicht der Blick weit über das Haff.

Auf dieser Terrasse habe ich viele interessante Gespräche mit Litauerinnen und Litauern geführt – auch über das Bild, das man sich in Litauen von Deutschland macht. Für mich war es eine besondere Erfahrung zu hören, dass viele Litauerinnen und Litauer Deutschland heute als Versprechen auf Freiheit und Sicherheit sehen.

Das heißt nicht, dass die Gräuel der Vergangenheit vergessen sind. Das werden sie niemals. Doch mit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine stehen wir in Europa heute vor neuen Herausforderungen. Deutschland baut in Litauen eine dauerhaft stationierte Brigade auf und leistet damit einen Beitrag zur Sicherung der NATO-Ostflanke. Diese neue sicherheitspolitische Nähe lässt unsere beiden Länder weiter zusammenrücken.

Auf der Kurischen Nehrung konnte ich den Atem der Geschichte besonders intensiv spüren. Die Grenze Litauens zur russischen Exklave Kaliningrad, dem einstigen Königsberg, verläuft mitten durch die 98 Kilometer lange Halbinsel. Dieser Einschnitt in die Landschaft zwischen Ostsee und Haff ist schmerzlich. Eine ähnlich undurchdringliche Grenze habe ich zuletzt im geteilten Berlin gesehen.

In Nida stieß ich auf Hinweisschilder, die daran erinnern, dass grenzüberschreitende Zusammenarbeit nach 1990 einmal möglich schien. Am Geschichtsmuseum entdeckte ich eine verwitterte Tafel zu einer Kooperation zwischen Russland und Litauen. Sie warb für eine Rundreise auf den Spuren von Immanuel Kant und Thomas Mann, eine Reise, die heute längst nicht mehr möglich ist. Die nahe Grenze zu Russland blieb im Nebel unsichtbar, als ich später auf dem Kamm der Düne stand. Der Blick ins Nichts ließ mich Thomas Manns berühmte Worte über den geliebten Landstrich noch einmal anders verstehen: „Alles ist weglos, nur Sand, Sand und Himmel“, notierte er 1931. Weglos ist es heute wieder.

Nida zog einst berühmte Künstler wie Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff und Lovis Corinth an. Man nannte den Ort das „Worpswede des Ostens“. Die Maler entdeckten und malten das besondere Licht, die beinahe unberührte Natur und das Leben der Fischer in ihren pittoresken Holzhäusern. Auch ich empfand die Landschaft zwischen Haff und Ostsee als einzigartig: die rauschenden Kiefern, die Waldwege entlang sumpfiger Niederungen und die eigentümliche Weite der Nehrung.

Ich war überrascht, wie viele Spuren deutscher Kultur ich in Nida entdecken konnte. Und es war eine besondere Freude, im Haus Thomas Manns sprechen zu dürfen – an einem Ort zwischen den Zeiten und Ländern, der unweigerlich die Frage aufwirft, wohin man eigentlich gehört. Nach seiner Flucht aus Nazi-Deutschland wurde Thomas Mann zu einer Stimme von internationaler Reichweite. Aus seinem kalifornischen Exil hielt er seine berühmten BBC-Reden „Deutsche Hörer!“. Diese Reden haben bis heute nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren.

Diese politische Rolle Thomas Manns Stimme in finsteren Zeiten fasziniert mich seit jeher. Als verantwortliche Redakteurin des Feuilletons der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ beobachte ich das kulturelle Geschehen der Vergangenheit wie der Gegenwart aus nächster Nähe. Zur Kultur eines Landes gehört für mich auch eine freie Presse. Zeitungen sind unverzichtbar. Nachrichten und Schlagzeilen bieten Gesprächsstoff, Analysen und Berichte geben Orientierung, während der laute Strom sozialer Medien oft schon im nächsten Moment vergessen ist.

Ich begreife Zeitungen deshalb als Infrastruktur der Öffentlichkeit: als Orte, an denen Themen sortiert, gewichtet und über längere Zeit verfolgt werden können, statt im nächsten Empörungszyklus zu verpuffen. Zeitungen können die Chronik einer Stadt oder Region prägen und ein Gedächtnis für Themen und Debatten schaffen.

Was zeichnet die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten aus? Die eingeübte Skepsis, das Handwerk der Recherche und das redaktionelle Ringen um Sprache, Fairness und Relevanz. Was kann diese Arbeit im besten Fall bewirken? Aufklärung.

Im Feuilleton beschäftigt uns derzeit vor allem die Rolle der Kritik. Wie muss Literatur-, Kunst- oder Kulturkritik heute beschaffen sein, damit sie interessant, lesenswert, unterhaltsam und überzeugend bleibt? Die Konkurrenz ist größer geworden. Das Internet hat neue Räume geschaffen – Blogs, Podcasts und soziale Medien –, in denen das Gespräch über Kunst, Literatur und Kultur ebenso stattfindet wie in Zeitungen und Zeitschriften.

Wir versuchen deshalb, künstlerische Werke auf ihre Form, ihre Sprache und ihre gesellschaftliche Bedeutung hin zu untersuchen – und unsere Erkenntnisse anregend zu vermitteln. Das ist mehr als ein „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“.

Kulturelle Öffentlichkeit entsteht schließlich nicht allein dadurch, dass Verlage neue Titel herausbringen, Buchhandlungen sie verkaufen und wir sie besprechen. Sie entsteht durch den Austausch von Meinungen, Standpunkten und Betrachtungsweisen. Dieser Austausch findet an vielen Orten statt: bei Lesungen, in Literaturhäusern, bei Festivals wie dem in Nida und auf den Kulturseiten von Zeitungen und Zeitschriften wie F.A.Z. und „Literatūra ir menas“.

Nach meinem Eindruck gewinnt die pointierte, begründete und wertende Kritik in Zeiten des medialen Dauergesprächs eher noch an Gewicht. Zugleich stehen Redaktionen mit dem Aufkommen generativer KI vor einer weiteren großen Herausforderung. Weltweit wird darüber diskutiert, welche Rolle Künstliche Intelligenz im Journalismus künftig spielen darf und soll. Die Schlüsselfragen lauten: Wie transparent ist ihr Einsatz? Welche Folgen hat er für das Urheberrecht und die Autorschaft? Und wie lassen sich Vertrauenswürdigkeit und menschliche Kontrolle bewahren?

Damit bin ich bei unserer Kooperation – und bei der „Frankfurter Allgemeinen“. Was kennzeichnet diese Zeitung, was macht sie besonders? Die F.A.Z. nennt sich selbst „Zeitung für Deutschland“. In ihrer Struktur lassen sich, bei allen Unterschieden, gewisse Parallelen zu Deutschland erkennen.

Die Bundesrepublik besteht aus Bund und 16 Ländern. Der Föderalismus verteilt die Macht. Die Länder besitzen eigene Parlamente, Regierungen und Gerichte mit je eigenen Zuständigkeiten. Die F.A.Z. ist selbstverständlich kein Staat. Doch auch sie verbindet Ressorts wie Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport, die fachlich eigenständig arbeiten und unterschiedliche Perspektiven in eine gemeinsame publizistische Arbeit einbringen. Hinzu kommen Korrespondentinnen und Korrespondenten in aller Welt.

Besonders ist auch die Struktur der „Frankfurter Allgemeinen“. Denn die redaktionelle Linie wird nicht von einem einzelnen Verleger oder Eigentümer bestimmt. Die gemeinnützige FAZIT-Stiftung hält seit 1959 die Mehrheit der Anteile und sichert damit die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Zeitung. Die politische, wirtschaftliche und kulturelle Linie des Blattes verantwortet ein vierköpfiges Herausgebergremium.

Glaubwürdigkeit ist die Währung der „Frankfurter Allgemeinen“. Deshalb freuen wir uns besonders über die Kooperation mit „Literatūra ir menas“ und dem Goethe-Institut. Wir hoffen, dass die ausgewählten Beiträge aus der F.A.Z., die Sie in diesem Heft in litauischer Übersetzung auf den folgenden Seiten lesen können, Ihr Interesse finden und den Austausch zwischen Litauen und Deutschland weiter vertiefen.

Viel Freude bei der Lektüre!

Ihre Sandra Kegel
Leiterin des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

© Sandra Kegel, 2026

Die Beschreibung des Projekts, die Liste der in der Ausgabe von „Literatūra ir menas“ vom 11.09.2026 veröffentlichten FAZ-Beiträge sowie die Links zu den Originalartikeln sind auf der Projektseite verfügbar.