Christiane Hütter Spiele verbinden Welten

Christiane Hütter
Christiane Hütter | Foto: Privat

Im Rahmen eines Goethe-Stipendiums verbringt seit 2012 jedes Jahr ein Künstler oder eine Künstlerin einige Monate in der Nida Art Colony, um das dort entstandene Projekt schließlich auf dem Thomas-Mann-Festival zu präsentieren. In diesem Jahr wird die Berliner Künstlerin und Spieldesignerin Christiane Hütter den Juni und Juli auf der Halbinsel verbringen und passend zum Goethe-Projekt Spieltrieb eine Reihe von Spielsets entwickeln, die anschließend vor Ort realisiert werden.

Christiane Hütter beschreibt Spiele in Zeiten zunehmender Komplexität als wichtige Kulturtechnik für neue Formen des Diskurses: Es wird nicht nur zugehört oder zugesehen, Inhalte werden beim Spiel erfahren und erlernt, Systeme werden am eigenen Leib erlebt. Für Christiane Hütter verbinden Spiele Welten (interdisziplinäre Ansätze wie z.B. Wissenschaft und Kunst oder verschiedenste Medienformate) und sind somit auch ein Mittel zur Verständigung, Perspektivenübernahme und vielleicht sogar Entwicklung von Empathie. Menschliches Empfinden kann im Rahmen von Spielen für einen begrenzten Zeitraum „online“ gestellt werden und von allen Beteiligten „geteilt“ werden. Zusammen spielen ist gemeinsame Präsenz.

Spiele für Erwachsene im öffentlichen Raum befähigen Menschen, ihre Umgebung anders zu sehen (und zu nutzen!). Öffentliche und halböffentliche Räume haben im postsozialistischen Kontext Osteuropas eine ganz andere Geschichte als im Westen. Für Christiane Hütter ist deshalb gerade Nida ein spannender Ort, nahe der europäischen Außengrenze in einem postsozialistischen Staat mit turbulenter Vergangenheit. Nicht nur Einheimische, sondern v.a. deutsche Urlauber, Touristen aus der ehemaligen Sowjetunion und Exil-Litauer aus aller Welt treffen hier aufeinander, um Urlaub zu machen. Künstler kommen auf der Suche nach Inspiration.

Durch neue, den üblichen Mustern widersprechenden Regeln, schaffen Spiele die Möglichkeiten, die Beteiligten einander jenseits klassischer Zusammenhänge oder fester Rollen begegnen zu lassen: Wieso sollen beispielsweise nicht Touristen einmal Führungen für Einheimische durch ihre Hotelzimmer machen?

Niemand denkt sich Spiele im stillen Kämmerlein aus: Spiele machen ist vor allem Playtesten, Iterieren, Playtesten. Das geht nur mit echten Menschen. Nicht nur zur Recherche der Inhalte möchte Christiane Hütter eng mit lokalen Akteuren (egal ob Anwohner oder Besucher) zusammenarbeiten, sondern sie vor allem auch als aktive Spielgestalter mit einbinden. Der Prozess ist immer mindestens so wichtig wie das Ergebnis.

In Anlehnung an das diesjährige Motto des Thomas Mann Festivals „Ausbruch des Gewissens“ wird eine Reihe von Spielsets entlang der Themen moderne Manifeste, der Kampf um internationalen Common Ground, Grenzschutz, Chamäleon Citizenship, kollektives Gedächtnis und Zeit als unsere wertvollste Währung entstehen. Auf welche Weise kann man heute als Künstler (oder jeder von uns?) politisch Einfluss nehmen? Soll man das? Muss man das? Zu welchem Preis?

Die Spiele werden im Rahmen des Thomas-Mann-Festivals präsentiert und sollen auch im Nachhinein vor Ort spielbar bleiben. Christiane Hütter wird auf ihrem Blog futurewithplay.de über die Zeit in Nida und den Entstehungsprozess der Arbeit berichten.
 

Christiane Hütter studierte Psychologie und Drehbuch in Köln und arbeitet seit 2009 als Künstlerin in Berlin. Nach einem Ausflug in die Welt des Fernsehens (Tatort) entwickelte sie für die Climate Media Factory diverse Formate zur Kommunikation des Klimawandels. Ihr besonderes Interesse in freien Projekten gilt Social Fiction: So brütet sie beispielsweise seit mehreren Jahren kollaborativ mit allen, die sie trifft, ein überdimensionales Ei aus (brueten.tumblr.com) oder bietet Menschen die Möglichkeit, Blutwurst aus ihrem eigenen Blut herzustellen (Wurst Part of me).

Als Kernmitglied der Gruppe „Invisible Playground“ entwickelt sie seit 2010 ortsspezifische Spiele (von kleinen Playtesting Events bis aufwendigen Transmedia-Produktionen), gibt Talks und Workshops und kuratierte 2014 das Festival Playpublik mit.