Interview mit Coder und Künstlerin
Robots-in-Residence ganz persönlich

Der Hühnerstall der Zukunft? Roboter NAOmi mit seinen gefiederten Zöglingen.
© Goethe-Institut

Bei dem Projekt Robots-in-Residence wurden die Roboter NAOmi und GAIA einmal durch Europa geschickt, um auf ihren Stationen Neues zu lernen. Hier in Riga lernte NAOmi von Jurģis Peters und Laima Graždanoviča bei dem Projekt “Connected/Nest” wie sie künstlich Hühnereier ausbrüten kann. Die Idee hinter dem Projekt und die Lehren, die Künstlerin und Coder aus der Arbeit ziehen, wurden in einem kurzen Interview erfragt.

Von Pauline Lantermann

Was hat euch zu dem „Connected/Nest“-Projekt in seiner finalen Form inspiriert?


Jurģis: Ich schätze, die Inspiration setzte sich aus vielen unterschiedlichen Ideen zusammen, die ich mit Laima diskutiert habe, als wir versuchten ein Konzept für das Projekt zu erarbeiten. Wir haben uns ein wenig über die möglichen Zukunftsszenarien unterhalten, zu denen die Robotisierung führen könnte. Dann entstand die eigentliche Idee, dass der Roboter seine Eigenwärme, also die Hitze die bei seinen Prozessen entsteht, dazu nutzen könnte, Eier auszubrüten. Anschließend haben wir die Idee technisch und konzeptionell aufbereitet und das Endergebnis dessen war in der RIXC Galerie zu sehen. 
 

Hat die Verbindung aus Technologie und der Umwelt schon vorher eine Rolle in eurer Arbeit gespielt?

Laima: Auf der einen Seite – nie so direkt. Ich arbeite auch an einem Kurzfilm-Festival mit, und das letzte Jahr haben wir dazu genutzt, verschiedene Aspekte der Umweltkrise und ihres Einflusses auf die Erde aus filmischer Perspektive zu betrachten. Das führte zu vielen unterschiedlichen Diskussionen, Performances und einem Ideenaustausch, die mir dabei geholfen haben, ein Verständnis von der Situation zu entwickeln und mir eine Meinung dazu zu bilden.
Auf der anderen Seite – fast immer, wenn ich etwas erschaffe, seien es Fotografien, Videomaterial oder eine Installation, sind Fragen zur Technologie und der Umwelt präsent.

Jurģis: Ich hatte schon zuvor Interesse an der Vernetzung diese beiden Themen. Da Technologie schon immer ein Schlüsselelement meiner Arbeit war, war es naheliegend, das Thema Umwelt auf diese Art zu reflektieren.
 

Ihr zwei kommt aus sehr unterschiedlichen Fachgebieten zusammen – wie hat das eure Zusammenarbeit beeinflusst?

Jurģis: Ich glaube, dass es die Kollaboration stark beeinflusst hat. Da Laima Filmtheorie studiert und in dem Fachgebiet gearbeitet hat, kann sie sofort beurteilen, ob eine Idee gut ist, oder nicht. Abgesehen davon ist sie sehr gut darin, Themen in einen breiteren, globalen Kontext einzuordnen und darüber zu sprechen. Das hat sich vor allem auf die konzeptionelle Seite unserer Arbeit sehr positiv ausgewirkt.

Laima: Ich bin wirklich dankbar für die Erfahrung, mit Jurģis zu arbeiten. Er ist nicht nur ein Experte in seinem Gebiet und konnte unser Konzept technisch umsetzen – er ist auch ein Künstler und die Zusammenarbeit mit ihm hat mich zu weiteren interdisziplinären Arbeiten und Ideen inspiriert. 
                            
                                      

Inwiefern hat das Ergebnis des Projekts und die Arbeit daran eure Perspektive auf die Verbindung zwischen Technologie und Natur verändert?

Laima: Es hat uns dazu verleitet, wirklich über Zukunftsperspektiven nachzudenken. Es fühlt sich derzeit so an, als würden wir auf einer Art Schwelle stehen, obwohl die Robotisierung längst begonnen hat und wir bereits die Anfänge dessen erkennen, was schon bald unsere Zukunft sein wird. Mir hat es dabei geholfen, meinen Blickwinkel von potenzieller Angst zu möglicher Hoffnung zu verschieben.

Jurģis: Ironischerweise habe ich aus dem Projekt vor allem mitgenommen, dass NAO-Roboter nicht dazu in der Lage sind, neues Leben zu schaffen. Aber das hat natürlich damit zu tun, dass dieser spezielle Roboter nicht dazu entworfen wurde … Spaß beiseite, ich glaube nicht, dass das Ergebnis des Projekts meine Perspektive verändert hat. Es erscheint mir offensichtlich, dass das einzig umsetzbare Zukunftsszenario eines ist, in dem Technologie flächendeckend dazu genutzt wird, die Umwelt zu schützen.

Zwei der Eier sind geschlüpft. Die Küken sind inzwischen auf einem Bauernhof in der Umgebung untergebracht und verbringen ein glückliches Hühnerdasein. © Goethe-Institut

Habt ihr den Eindruck, dass Künstliche Intelligenz (KI) ein Teil der Lösung für den Klimawandel und die Zerstörung der Umwelt sein könnte? Wenn ja, dann auf welche Art und Weise?

Laima: Das sollte sie und das wird sie! Ich muss darauf verweisen das Jurģis die Antwort etwas eleganter ausführen wird.

Jurģis: Absolut! Zuerst einmal wird KI umfassend dafür genutzt, verschiedene Szenarios und Simulationen für die Zukunft zu modellieren, die es uns wiederum erlauben vorauszusagen worauf wir zusteuern. Das ermöglicht es uns, Maßnahmen zu entwerfen, die ergriffen werden müssen, um unseren Kurs zu ändern. Auf die gleiche Art und Weise kann KI dazu genutzt werden, erneuerbare Energiequellen zu optimieren und Angebot und Nachfrage für die nationale Stromversorgung zu prognostizieren. Dadurch kann genau so viel Energie produziert werden, wie nötig ist, ohne dass es zu einer Überproduktion kommt. Ein anderes Beispiel kommt aus dem Kampf gegen die CO2-Emissionen, wo KI dazu verwendet wird, effizientere Verkehrswege für kommerzielle Fahrzeuge und Carsharing-Einheiten zu finden.
 

In Bezug auf die obenstehende Frage: Wo seht ihr potenzielle Anwendungsmöglichkeiten für Künstliche Intelligenz und Roboter wie NAOmi im Bereich des Naturschutzes und der Artenerhaltung?

Jurģis: Das erste was mir bezüglich Robotern und Artenerhaltung in den Sinn kommt sind die National Geographic Roboter, die durch alle möglichen abgelegenen Orte streifen und Tiere in ihrem natürlichen Habitat filmen. Das erlaubt Forscher*innen, diese Tiere viel eingängiger zu beobachten. Und wie ich bereits erwähnt habe kann KI dazu genutzt werden, künftige Veränderungen in der Natur zu modellieren und so vorauszusagen, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um spezielle Tierarten zu schützen.
 

Was hat euch bei der Arbeit mit dem Roboter Schwierigkeiten bereitet? Habt ihr Rückschläge erlebt und musstet eure Herangehensweise überdenken?

Nur zwei Monate später – aus den Küken sind inzwischen junge Hühner geworden. © Goethe-Institut Jurģis: Die größte Schwierigkeit bestand darin, dass der Roboter nicht zuverlässig genug war um unsere ursprüngliche Idee umzusetzen – also den Brutkasten selbstständig zu kontrollieren. Wir haben es allerdings geschafft, die Probleme zu umschiffen.

Laima: Abgesehen von der Arbeit mit dem NAO-Roboter war die Arbeit an dem Experiment gegen Ende emotional fordernd. Selbst wenn es in der Theorie funktionierte, wussten wir nicht, ob es auch in der Praxis klappen würde. Wir wurden fast wie eine Familie, Jurģis, ich, NAOmi und die 6 Hühnereier.

 

Zu Beginn des Projektes habt ihr die Frage gestellt, wo die Grenzen des Wortes „natürlich“ liegen. Wie lautet eure Antwort, nun da ihr das Projekt beendet habt?

Laima: Es gibt keine Grenzen. Und es sollte auch keine geben.

ROBOTS-IN-RESIDENCE


Die NAO-Roboter GAIA und NaoMI erlernen auf ihrem Roadtrip quer durch Europa viele neue Fähigkeiten – und tragen so zu der Vernetzung europäischer Coder*innen und Künstler*innen bei. Seit Sommer 2020 bereisen die beiden Roboter im Auftrag des Goethe-Instituts europäische Städte; im Mai und Juni diesen Jahres ist Riga die letzte Station vor der Heimkehr der beiden Roboter.
Im November 2021 wurden die Ergebnisse des Projekts bei dem hybriden Festival zum Leben mit künstlicher Intelligenz „Wenn Maschinen Zukunft träumen“ präsentiert. Im Hygiene-Museum Dresden fanden sich einige Teilnehmer*innen sowie das RoboticLab der TH Wildau zum Abschlussfestival des Projekts „Generation A=Algorithmus“ ein.

Top