Trends in der deutschen Krimi-Szene
Politische Plots

Politische Plots
Politische Plots | Foto (Ausschnitt): Miriam Dörr © picture alliance

Ein afrikanischer Einwanderer, der unschuldig wegen Mordes gejagt wird. Eine Sippe rechtsradikaler Siedler, die ein Dorf besetzt. Diese aktuellen Beispiele aus der deutschen Spannungsliteratur zeigen, dass häufig reale Ereignisse aufgegriffen werden. Zwar ist die Nähe zur gesellschaftspolitischen Wirklichkeit im Krimigenre nicht neu, momentan gilt sie jedoch als Erfolgsfaktor.

Max Annas, ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimi Preis 2017 für Die Mauer, dokumentiert in seinem Roman Illegal eine Flucht: Kodjo, ein Afrikaner, beobachtet in Berlin einen Mord, und wird kurz darauf als Täter verfolgt – eine Anlehnung an die gängigen Ressentiments gegenüber Ausländern. Marc Oliver Bischoffs Sujet, das Verhalten einer Gruppe „völkischer Siedler“ in seinem Thriller Die Sippe, erinnert an die realen „Reichsbürger“. Und Achim Zons' Afghanistan-Szenario in Wer die Hunde weckt offenbart Parallelen zum Luftangriff von Kundus, bei dem 2009 tatsächlich Zivilisten starben.
 
Zudem erschien Petra Reskis lakonisch erzählter Krimi Bei aller Liebe. Darin untersucht die schlagfertige sizilianische Staatsanwältin Serena Vitale den Einfluss der Cosa Nostra in Deutschland. Christian von Ditfurth veröffentlichte mit Giftflut einen der temporeichsten Thriller des Jahres. Der dritte Fall des Ermittlers Eugen de Bodt dreht sich um die Aufklärung einer Serie von Terroranschlägen. Wolfgang Schorlau bleibt mit Der große Plan der Politik ebenfalls treu. In Die schützende Hand (2015) widmete sich der Stuttgarter Autor dem NSU-Verfahren, und nun taucht sein fiktiver Privatermittler Georg Dengler in die Kontroverse um Milliardenkredite für Griechenland ein.

In den Thrillern von Marina Heib und Bernhard Aichner findet Politik hingegen nicht statt. Vielmehr drehen sich die Geschichten um mordende Frauen. In Heibs Drei Meter unter Null schlägt ein Missbrauchsopfer zurück, in Aichners Totenrausch tötet eine Bestatterin, um ihre Kinder zu schützen. Die Frau als aktive, Männern ebenbürtige Verbrecherin bleibt dem Genre also erhalten. Dass eine blinde Verhörspezialistin und Fallanalytikerin ihre männlichen Kollegen aussticht, zeigt Andreas Pflüger in seinem lesenswerten Kriminalroman Niemals.
 
Obgleich seit Jahren totgesagt, hält der enorme Erfolg der Regionalkrimis an. Ostfriesentod von Klaus-Peter Wolf und Im Grab schaust du nach oben von Jörg Maurer stehen beispielhaft für die Umsatzstärke dieses Subgenres. Ein knappes Dutzend weiterer erfolgreicher Regionalkrimis liefert wie Wolf und Maurer handwerklich solide Mainstreamkost, mehr nicht. Dass sogar oberflächlich gezeichnete Figuren und einfache sprachliche Mittel ausreichen, zeigt erneut Sebastian Fitzek. Deutschlands erfolgreichster Thrillerautor stand mit Das Paket und AchtNacht in den Bestsellerlisten.
 
Unter literarischen Aspekten erreichte das Krimijahr 2017 erst im Herbst seinen Höhepunkt. Drei der besten deutschen Spannungsautoren veröffentlichten ihre neuen Werke spät: Oliver Bottinis stilsicherer Roman Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens führt seine Leser nach Rumänien. Bottini ist ein Meister darin, über individuelle Schicksale von den Problemen der globalisierten Welt zu erzählen. Jan Costin Wagner setzt seine Reihe um den deutsch-finnischen Polizisten Kimmo Joentaa mit Sakari lernt, durch Wände zu gehen fort. Friedrich Ani sorgt in Die Ermordung des Glücks für Entschleunigung: Seine Hauptfigur, ein pensionierter Polizist, ist der bedächtigste Ermittler der zeitgenössischen deutschen Kriminalliteratur. Für Spannung sorgt er trotzdem, und er erweitert die Vielfalt des Genres.

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